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Göttingen „Fön mit Licht“
Die Region Göttingen „Fön mit Licht“
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00:18 05.02.2018
ID 2014-02-972 Bild Bushaltestelle mit K-Fahrt-Einladung Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen/Oldenburg

Pro Jahr nehmen schätzungsweise bis zu fünf Millionen Menschen an solchen Fahrten teil. Vor etwa vier Jahren hatte die Göttinger Polizei und das Gewerbeaufsichtsamt damit begonnen, die dubiosen Verkaufsveranstaltungen genauer unter die Lupe zu nehmen. In den Fällen, in denen die Veranstalter, Moderatoren und Helfershelfer sich jenseits der Grenzen der Legalität bewegten, schritten die Beamten ein, stellten die Personalien des Verkaufspersonals fest, stellten gegebenenfalls Beweismittel, darunter auch Waren, sicher und ermittelten die Hintermänner.

Mit Erfolg: Jahrelang sei Göttingen nicht als Veranstaltungsort mehr aufgefallen. Auch die Zahl der Einladungen an Bürger aus Göttingen und Umgebung ging spürbar zurück. Verkaufsveranstaltungen in Stadt und Landkreis gibt es seitdem praktisch nicht mehr, sagt die Polizei.

Im vergangenen Jahr registrierten die Ermittler des Betrugsdezernats der Göttinger Polizei und andere Beobachter der Szene allerdings, dass Göttinger Bürger wieder verstärkt angeschrieben wurden – im August und September vergangenen Jahres beispielsweise nach Bad Driburg und nach Seesen. Solche Fälle wurden allerdings nicht bei der hiesigen Polizei ermittelt, sondern an die für die jeweiligen Veranstaltungsorte zuständigen Dienststellen geleitet.

So auch die Fahrt nach Bad Driburg in Nordrhein-Westfalen, für die Ende August Mitfahrer im Göttinger Stadtgebiet und im Landkreis eingesammelt wurden. Gerne bringen die Veranstalter von Kaffeefahrten ihre Opfer in ein anderes Bundesland, erläutert ein Ermittler des Betrugsdezernats: Dann wechselten die Zuständigkeiten, was den Organisatoren die Arbeit erleichtert. Über die Landesgrenzen hinweg seien Kommunikation und das Abstimmen des Vorgehens gegen Drahtzieher und Verkaufspersonal schwieriger, weiß der erfahrene Ermittler.

Einfach feststellbar hingegen ist das immer gleiche Prinzip der Veranstalter, den Teilnehmern Billigkram für astronomische Summen anzudrehen. Bei der Veranstaltung in Bad Driburg war es unter anderem ein „Lichttherapiegerät“. Einer der Teilnehmer beschreibt es als „eine Art Fön mit Licht“, vor den verschiedene Farbscheiben angebracht werden. Angeboten und massiv beworben wurde das Gerät in Bad Driburg für 1998 Euro. Wer sich allerdings die Mühe macht, das angeblich therapeutische Gerät im Internet zu suchen, erfährt den wahren Verkaufswert: etwa 20 Euro.

Das blieb für die Veranstalter nicht ohne Folgen. Nach entsprechenden Hinweisen der Göttinger Polizei und einiger Fahrtteilnehmer ermittelt jetzt die seit Jahren auf Kaffeefahrt-Betrügereien spezialisierte Staatsanwaltschaft Oldenburg.

Die Ermittlungen in der Sache Bad Driburg liefen noch, sagt Dirk Bredemeier, Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Oldenburg und schwerpunktmäßig mit der Aufklärung von Kaffeefahrt-Delikten befasst. Zum jetzigen Stand der Ermittlungen will er daher nichts mitteilen. Bredemeier gilt als Schrecken der zwielichtigen Branche: Der Staatsanwalt hat schon eine Reihe der Drahtzieher, die sich gerne hinter einem Geflecht von Scheinfirmen verstecken, enttarnt und vor Gericht gebracht.

Bredemeier weiß auch, wie die Kaffeefahrten dem Grunde nach funktionieren. Die Organisatoren verschicken Tausende von Einladungen oder angeblichen Gewinnmitteilungen, um einen einzigen Bus mit 25 oder 30 Leuten zu füllen. Wenn dann nur drei oder vier der Teilnehmer eines der extrem überteuerten Waren kaufen, rechne sich das Ganze bereits.

Ermittler in ganz Deutschland hoffen jetzt auf eine Initiative des Deutschen Bundesrates. Die Länderkammer drängt auf schärfere Regeln, um die meist älteren Teilnehmer vor den unseriösen Angeboten zu schützen. Geplant ist ein neuer Gesetzentwurf für den Bundestag mit Verkaufsverboten und höheren Bußgeldern. Auch soll das Anbeten und der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, Finanzprodukten, Pauschalreisen und angeblich gesundheitsfördernden Produkte wie etwa Heizdecken ganz verboten werden.

Von Matthias Heinzel

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