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Göttingen „Movements of Migration“: Drei Göttinger Migranten berichten
Die Region Göttingen „Movements of Migration“: Drei Göttinger Migranten berichten
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12:30 25.03.2013
Seit 1992 in Deutschland, seit 2004 in Göttingen: Oidikhan Rashow. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Entstanden ist das Ausstellungsprojekt aus einem Forschungsprojekt des Instituts für Kulturanthropologie in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein und dem Integrationsrat Göttingen. Etwa 18,5 Prozent der Göttinger Stadtbevölkerung (ohne ausländische Studierende) haben einen Migrationshintergrund.

Sie kommen aus 172 verschiedenen Ländern. Drei von ihnen sind Oidikhan Rashow, Evangelos Gatsioudis und Kerime Karagöz. Rashow stammt aus dem Irak, Gatsioudis und seine Frau Dimitra sind Griechen, und Karagöz wurde in der Türkei geboren. Alle sind Migranten der zweiten Generation und haben längst in ihrer neuen Heimat Fuß gefasst. Ganz anders als noch die Eltern. 

Sein Vater sei, so erzählt Evangelos Gatsioudis, wie viele andere aus seinem Heimatdorf Stochorion in der griechischen Provinz Thrakien, 1962 nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen. „Arbeit gab es genug“, weiß der 56-jährige Sohn von seinen inzwischen verstorbenen Eltern.

Evangelos Gatsioudis

Sein Vater habe im Drei-Schicht-Betrieb bei Alcan gearbeitet. Ein Jahr später zog die Mutter nach, und während Evangelos und sein Bruder zunächst bei der Großmutter in Griechenland blieben, fand auch sie Arbeit – in der Küche der Universität.

„Göttingen ist unsere zweite Heimat geworden“

1967 holten Vater und Mutter Gatsioudis ihre Söhne nach. „Ich war damals zehn, mein Bruder 15 Jahre alt“, sagt Gatsioudis und erinnert sich an die „katastrophalen Wohnverhältnisse“, in denen die Familie damals lebte. „Wir wohnten zu viert in zwei winzigen Abstellkammern unter dem Dach. Es gab nur fließend Wasser. Die Toilette war drei Etagen tiefer im Treppenhaus.“

Gastronom Gatsioudis erinnert sich noch gut daran, wie er damals in die dritte Klasse der Brüder-Grimm-Schule kam. Es sei nicht ganz einfach gewesen, denn er habe die Sprache ja nicht gekonnt. Sein Lehrer habe den Mitschülern ans Herz gelegt, „mit Evangelos Deutsch zu sprechen, damit er es lernt“.

Nein, gehänselt worden sei er damals nicht, meint der heute 56-Jährige. „Im Gegenteil, ich wurde von den Lehrern und meinen Mitschülern stark unterstützt.“ Nach der Schule machte Gatsioudis eine Lehre zum KFZ-Mechaniker, später betrieb er zusammen mit seinem Bruder das Restaurant Z-Sorbas.

Als die Eltern 1979 in ihr griechisches Heimatdorf zurückkehrten, war Evangelos bereits drei Jahre lang mit seiner „Sandkasten“-Freundin Dimitra verheiratet. Deren Familie stammt aus dem selben Dorf wie er und kam zur selben Zeit nach Göttingen. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der 2003 wieder nach Griechenland ging, blieben Evangelos und Dimitra Gatsioudis in Göttingen.

„Wir haben uns hier etwas aufgebaut. Göttingen ist unsere zweite Heimat geworden“, betont Gatsioudis, der seit 2004 gemeinsam mit Dimitra das Restaurant Symposion betreibt. „In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagt er. „Im Urlaub in Griechenland bin ich Grieche, in Göttingen fühle ich mich als integrierter Grieche.“

„Wir wurden gehänselt, geschubst und Kümmeltürken genannt“

Die Erinnerungen an ihre ersten Jahre in Göttingen beschreibt die in Erzurum im Osten der Türkei geborene Kerime Karagöz als „eine ganz schreckliche Zeit“. Die heute 56-jährige Inhaberin des Friseursalons Coiffeur Maquillage besuchte mit ihren beiden jüngeren Geschwistern damals die Käthe-Kollwitz-Schule.

„Wir waren die einzigen ausländischen Kinder in der Schule“, berichtet sie. „Wir wurden gehänselt, geschubst und Kümmeltürken genannt.“ Ein großes Problem sei gewesen, dass sie zunächst die Sprache nicht konnte. „Ich habe mir so viel Mühe gegeben“, erinnert sie sich. Ihrem Vater sei sie dankbar, denn der habe seinerzeit großen Wert darauf gelegt, dass seine Kinder alle perfekt Deutsch sprechen lernen, den Führerschein und eine Ausbildung machen.

Karagöz weiß noch das exakte Datum, wann sie endgültig nach Göttingen kam: „Am 27. Juli 1969 landete Neil Armstrong mit der Apollo 11 auf dem Mond und ich in Göttingen.“ Vater Karagöz sei 1964 einer der ersten Türken in Göttingen gewesen und habe als Maurer beim damaligen Betonwerk gearbeitet. „Die wollten schnell Geld verdienen,“ sagt Karagöz. „Für die erste Generation der Migranten stand immer fest, dass sie wieder zurück wollen.“ Ihre Eltern seien sogar dreimal wieder zurück in die Türkei gegangen.

„Ich bin hier Zuhause“

Vater und Mutter Karagöz hätten sich in Göttingen nie heimisch gefühlt, schildert die 56-Jährige deren Situation. „Das Schlimmste war das Essen, es gab fast überall nur Schweinefleisch. Und wenn meine Mutter in der Pause ihr Essen ausgepackt hat, beschwerten sich alle, dass es nach Knoblauch stinkt.“ Außerdem „wollten die Deutschen nichts mit Ausländern und die Ausländer nichts mit den Deutschen zu tun haben“.

Während ihre Eltern, heute 76 und 75 Jahre alt, längst in Istanbul leben, besucht Kerime Karagöz die Türkei nur im Urlaub. „Ich lebe hier, habe meine Freunde und mein Geschäft hier“, sagt sie. „Ich bin hier Zuhause,“ so Karagöz. Aber sie liebe auch die türkische Kultur, die sie nicht verlieren möchte. „An Deutschland liebe ich das freie Leben“, betont sie. Und dann resümiert sie: „Ich fühle mich reicher als ein reiner Deutscher oder ein in der Türkei lebender Türke. Ich bin reich an beiden Kulturen, und das ist schon was Tolles.“

Während die Eltern von Gatsioudis und Karagöz in den 60er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter nach Göttingen kamen, verließ die Familie von Oidikhan Rashow ihr Heimatland in Folge des Golfkrieges. 1992 kam der heute 34-Jährige mit seinen Eltern und den beiden älteren Schwestern aus dem irakischen Bezirk Mossul nach Deutschland.

Oidikhan Rashow

Schnell in Deutschland eingelebt

Die jesidische Familie lebte zunächst in Einbeck, der Vater bekam eine Stelle als Dozent für Iranistik an der Göttinger Uni. Oidikhan besuchte die Schule, machte eine Ausbildung zum Friseur und arbeitete als solcher bis 2004 in Einbeck, Northeim und Hannover. Im August 2004 eröffnete der gebürtige Iraker in Göttingen ein eigenes Geschäft. Friseur wollte er werden, so erzählt er, weil sein Onkel seit 34 Jahren einen eigenen Laden habe. „Das wollte ich auch.“

Er habe sich sehr schnell in Deutschland eingelebt und sei gut aufgenommen worden. Man müsse sich nur anpassen, meint Rashow. „Ich war viel beim Fußballtraining oder im Jugendzentrum“, berichtet er aus seiner Jugendzeit. „Deshalb habe ich sehr schnell die deutsche Sprache gelernt.“

Auch seine Eltern hätten sich schnell in Deutschland wohl gefühlt, so Rashow, der Göttingen „mittlerweile als meine erste Heimat“ bezeichnet. Unschöne Situationen oder Hänseleien habe er nicht erlebt. „Ich komme mit jedem zurecht,“ sagt der 34-Jährige. In Einbeck habe es einen Rechten gegeben. „Der ist mein bester Freund.“

1997 sei er zu Besuch im Irak gewesen. „Das kann man nicht beschreiben,“ meint Rashow rückblickend, „das war nicht so schön.“ Zum einen sei noch Saddam an der Macht gewesen, zum anderen gebe es dort viel Korruption und Armut. Viele Landsleute würden mittlerweile in den Irak zurückkehren, „aber da habe ich keine Lust drauf.“ Vielmehr schätze er das geregelte Leben in Deutschland, die Sicherheit und dass man hier eine Zukunft habe.

"Movements of Migration" im Internet

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