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Göttingen Museum oder Bestattung für Haarmanns Kopf?
Die Region Göttingen Museum oder Bestattung für Haarmanns Kopf?
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16:49 04.06.2012
Bald bestattet oder doch Bestandteil einer Ausstellung: der 1925 abgeschlagene Kopf des Massenmörders Haarmann. Quelle: Paul
Göttingen

In der Ecke steht ein Sack mit menschlichen Gebeinen. Von der Decke starren vier Totenschädel, die leeren Augenhöhlen von innen rot beleuchtet. Die Polizei war nicht zimperlich, ihren einstigen Spitzel Fritz Haarmann in seiner Zelle mit den Leichenteilen seiner Opfer zu ängstigen, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Seine Taten sollten ihm, solange er noch lebt, nicht aus dem Kopf gehen.

Fast 90 Jahre später ist es dieser Kopf, Haarmanns Haupt, der Juristen und Forensikern Kopfzerbrechen macht. Was tun mit diesem wohl einmaligen Präparat? Dem Schädel eines enthaupteten Massenmörders, der seit 1925 der Sammlung Göttinger Rechtsmedizin angehört. Diese könnte bald, wenn es nach ihrem neuen Leiter Wolfgang Grellner geht, demnächst einem Fachpublikum geöffnet werden. Doch heute geht man nicht mehr, wie einst in Fritz Haarmanns Polizeizelle, mit Körperteilen verstorbener ohne ethische Bedenken um. Muss also das Präparat vom Haupt eines Massenmörders nun bestattet werden? Oder kann man es öffentlich zeigen?

Ausstellungen mit Leichen Gestorbener

Seit Gunther von Hagens‘ Leichenschauen „Körperwelten“ mit plastinierten Toten in allen Lebenslagen haben sich die Erwartungen verändert. Massen strömen in die anatomischen Ausstellungen mit Leichen Gestorbener, die Hagens ihren Körper zur Darstellung im präparierten Zustand spendeten. Juristische Gutachten haben ihren Segen im Geiste der Freiheit der Wissenschaft dazu gegeben. Für 18 500 Euro sind präpariterte Köpfe in von Hagens‘ Gubener Plastinate GmbH von Jedermann heute zu erwerben. 
Warum sollte man also nicht den präparierten Kopf eines Massenmörders samt posthumanem Bartwuchs ausstellen? Das würde für Grusel-Touristen  ein Magnet, die Göttinger Sammlung sehen zu wollen.

„Weil ich den Haarmann-Kopf wirklich nicht für ausstellungsfähig halte“, sagt Wolfgang Grellner, Professor der Rechtsmedizin an der Universitätsmedizin. Nicht nur aus ethischen Gründen. Er sei „wissenschaftlich ohne Erkenntnisgewinn“ und für Lehre und Fortbildung nicht relevant. Und nur dafür möchte Grellner die Sammlung ausstellen. Studenten, aber auch Polizisten, Mediziner oder Juristen sollen sie sehen dürfen.

Derzeit liegen die meisten der 440 Exponate, von denen nur einige wenige derzeit in der Sammlungs-Ausstellung zu sehen sind, in Kisten verpackt in einem Kelleraum der alten Hautklinik. Dort sind sie abgestellt worden nach dem Umzug aus der inzwischen abgerissenen Rechtsmedizin am Windausweg. Doch auch dort waren sie Jahrzehnte unter Verschluss, weil deren Leiter, speziell Klaus-Steffen Saternus, das Vorzeigen von Leichenteilen aus Pietätsgründen rundheraus ablehnten. Zuletzt durfte ein größerer Personenkreis Anfang der 60-er Jahre einen Blick auf Haarmanns Haupt werfen. Damals wurde eine neue Präparationsmethode vorgestellt. Seitdem liegt der Kopf nicht mehr in Formalin. Tageblatt-Fotograf Fritz Paul schoss seinerzeit einige Fotos.

Genehmigung des Veterinäramtes

Juristische Bedenken, den Kopf überhaupt zu besitzen, hat Grellner nicht mehr. Klinik-Justiziar Thomas Voigt hat den Fall geprüft, vorsorglich aber, weil das Tageblatt recherchierte, eine Genehmigung des Veterinäramtes eingeholt. Das muss seit der Neufassung des Bestattungsgesetzes von 2006 die Zustimmung erteilen, wenn ein Krankenhaus Leichenteile besitzt, ohne sie zu bestatten.

Vor neun Jahren beschäftigte dasselbe Thema schon einmal den niedersächsischen Landtag. Damals hatte ein Göttinger Kriegsgegner in einer Petition verlangt, Haarmanns Haupt eine menschenwürdige Bestattung zu gönnen. Das sei Christenpflicht. Ausführlich hatte das Wissenschaftsministerium geprüft und befunden: Der Kopf befindet sich zu Recht im Eigentum der Universität. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit schütze ihn vor dem Zwang der Bestattungsverordnung. Und weil verschiedene Hirnschnitte untersucht worden seien, sei auch der wissenschaftliche Zweck erfüllt.

Doch wo sind diese Hirnschnitte? Das Münchener Max-Planck-Institut hat sie nicht. Das sagt Jürgen Müller, neurologisch orientierter Forensiker der Asklepios-Klinik. Er hätte gern Haarmanns Hirn mit heutigen Methoden untersucht, denn Erkrankungen wie Hirnhautentzündung (die war früher schon aus den Hirnschnitten diagnostiziert), aber auch sexuelle Abartigkeiten dürften sich in der Stuktur des Organs niedergeschlagen haben. Doch weder Gehirn noch -schnitte sind auffindbar.

Präparation eines Massenmörder-Kopfes

Aus dem Kopf-Präparat kann Müller nichts schließen. Die Idee, die möglicherweise seinerzeit die Forensiker zur Präparation eines Massenmörder-Kopfes getrieben hat, man könne Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen aus Gesichtszügen ziehen, ist unhaltbar.
Was also soll geschehen mit Haarmann und anderen bedenklichen Präparaten der Sammlung? „Ich hätte nichts dagegen, ihn einäschern zu lassen“, sagt Grellner. Die unbedenklichen Stücke der Sammlung aber sollen einen Raum erhalten. Darunter ist die Herzberger Tanzleiche, der mumifizierte Leichnam des Kaufmanns Curt Schachtrup, der 1677 bei strengem Frost beigesetzt wurde. Er verweste nie, und mit seiner Mumie wurden über Jahrzehnte im Harz Gäste erschreckt oder Mutproben veranstaltet, indem man mit dem Leichnam tanzte. Sie noch einmal auszustellen, hat Grellner keine Bedenken.

Schlächter von Hannover

Friedrich Heinrich Karl Haarmann, Fritz genannt, ist der bekannteste Sohn seiner Stadt. Schlächter von Hannover wurde er genannt, Vampir, Werwolf. 24 Jungen und junge Männer zwischen zehn und 22 Jahren hat der als Spitzel der Polizei arbeitende Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet. „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir“, sangen Generationen von Niedersachsen unter Gänsehaut.
Der Homosexuelle soll, so das Ergebnis des international beachteten Prozesses im Dezember 1924, die jungen Männer, meist Stricher oder Ausreißer, am Bahnhof aufgelesen und sie in seiner Wohnung in der Roten Reihe  getötet haben, indem er sie im Liebesakt in den Hals biss. Seine Opfer wurden zerstückelt, die Gebeine in die Leine geworfen. Ob er, der mit Fleisch und Konserven handelte, auch Menschenfleisch verkaufte, wurde nie geklärt.
Der wegen 27 Taten angeklagte, für 24 Morde verurteilte Serienmörder wurde am 15. April 1925 unter dem Fallbeil enthauptet. Der Psychiater Ernst Schultze, der ihn in Göttingen sechs Wochen lang untersuchte, hatte ihn für voll schuldfähig gehalten. Haarmanns abgetrennter Kopf war zur Präparation der Rechtsmedizin der Universität Göttingen übergeben und der forensischen Sammlung einverleibt worden. Vier Schnitte seines Hirns wurden seinerzeit zur Untersuchung dem Max-Planck-Institut München überlassen.

Seit Jahrzehnten ist Haarmanns Kopf in der Göttinger Rechtsmedizin niemandem mehr gezeigt worden. Warum, darüber sprach Jürgen Gückel mit dem Vorgänger Prof. Wolfgang Grellners, dem weiterhin in Göttingen lebenden heutigen Leiter der Forensischen Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, Prof. Michael Klintschar. 

Tageblatt: Schon Ihr Vorgänger, Professor Klaus-Steffen Saternus, hat die Sammlung und hier besonders den Haarmann-Kopf strickt unter Verschluss gehalten. Sie taten das ebenfalls. Warum?

Klintschar: Bei den Exponaten der Sammlung handelt es sich vor allem um Beweisstücke bei Tötungsdelikten. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um Teile von Körpern von Personen, die vor vielen Jahren umgebracht wurden. Sie haben zwei Zwecken gedient: Erstens der Demonstration von Befunden, etwa der tödlichen Verletzungen, beim Prozess gegen den Täter. Zweitens der Ausbildung von Studenten. Beide Zwecke können heute mit viel einfacheren und ethisch vertretbaren Mitteln erreicht werden. Bei den meisten Personen, deren Körperteile in der Sammlung sind, ist die Identität nicht ohne weiteres aus dem Exponat ersichtlich. Bei Haarmann hingegen ist die Persönlichkeit für jedermann ersichtlich. Möglicherweise hat Haarmann Nachkommen. Würden Sie wollen, dass der Kopf ihres Großonkels, selbst wenn er ein Verbrecher war, in einer öffentlichen Sammlung gezeigt wird?

Gibt es denn aus Ihrer Sicht so gar keine Rechtfertigung, das Haupt eines geköpften Massenmörders öffentlich zu zeigen? Das Interesse wäre doch gewiss riesig? 

Das Interesse ist riesig, aber es ist ein rein voyeuristisches Interesse. Es gibt nichts, was die Öffentlichkeit aus dem Kopf lernen könnte. 

Aber wird hier nicht eine einst als Bestrafung übliche und heute als barbarisch empfundene Todesart dokumentiert: das Enthaupten? 

Ja, aber man sieht nur einen abgetrennten Kopf und kann nicht unterscheiden, ob das erst bei der Sektion oder eben durch Enthaupten passiert ist. Man könnte das viel besser demonstrieren, wenn man ein Fallbeil aufstellt. 

Müsste man Haarmann dann nicht besser bestatten? 

So ist es. Vom ethischen Standpunkt eindeutig. 

Müssten dann nicht die anderen Leichenteile, die die Sammlung beinhaltet, auch bestattet werden?

Auch das sollte vom ethischen Standpunkt aus gemacht werden.

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