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Göttingen Von der Telefonzelle zum schnellen Mobilfunk
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00:18 04.04.2018
Aufrüstung: Servicetechniker Dirk Hosse bereitet die Telefonsäule an der Kreuzung Lange-/Kurze Geismarstraße für das schnelle Mobilfunknetz LTE vor. Quelle: Christoph Mischke
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Göttingen

Es ist lausig kalt an diesem Morgen. Mit klammen Fingern tippt Bernd H. die Rufnummer seines Arztes auf der metallenen Tastatur der Telefonzelle an der Hauptstraße in Geismar. „Ich muss einen Termin verschieben“, sagt er und ärgert sich, dass die Verbindung zunächst nicht zustande kommt. H. benutzt eine Zehn-Euro-Telefonkarte, die er sich für Notfälle gekauft hat. Jetzt ist dieser Notfall für ihn eingetreten.

Das Handy des Geismaraners ist defekt und ihm fehlt derzeit das Geld, sein Mobiltelefon reparieren zu lassen. Die Nummer seines Arztes hat der Hartz-IV-Empfänger im Kopf, Gott sei Dank, denn ein Telefonbuch sucht man in dem etwas heruntergekommenen Telefonhäuschen vergebens. Die verbogene Edelstahlablage ist leer. „In dieser Zelle telefoniert doch kaum jemand mehr“, sagt H. Ihm selbst würde diese Fernsprechmöglichkeit ausreichen, sagt er, „aber ich bin Diabetiker und da ist ein Handy doch sicherer, wenn ich unterwegs einmal Hilfe benötigen sollte.“

Zahl der öffentlichen Fernsprecher ist nicht bekannt

Immerhin ist dieses Telefonhäuschen noch in einem recht passablen Zustand. Die Zelle an der Genfstraße auf dem Holtenser Berg sieht da deutlich schlechter aus. Drei der ehemals fünf Glasscheiben fehlen, der Boden ist vermüllt und der Deckel eines Steuerungskastens ist aus seiner Verankerung gefallen. Materialermüdung oder Vandalismus? Man weiß es nicht. Die Pressestelle der Deutschen Telekom in Bonn lässt eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Ebenso gibt sie keine Antwort auf die Frage wie viele Telefonhäuschen, -säulen oder Basistelefone es in Stadt und Landkreis Göttingen derzeit noch gibt. Die Telekom ist hierzulande für die Verwaltung und Instandhaltung der meisten Telefonzellen zuständig und zählte im September 2017 bundesweit noch rund 22000 öffentliche Telefongeräte. 2014 waren es laut dem Telekommunikationsportal „Teltarif.de“ noch rund 30000, im Jahr 2004 noch mehr als 100000.

Neben den Fernsprechhäuschen, die im Stadtbild nur noch selten anzutreffen sind, gibt es zahlreiche Telefonsäulen aus Edelstahl, die sich in Aussehen und Funktionalität unterscheiden. Mal mit, mal ohne Glasdach, manche verfügen darüber hinaus über gläserne Seitenwände als Wetter- und Schallschutz. An den meisten Stelen können die Nutzer neben Telefonkarten, Calling Cards, Geld- oder Kreditkarten sogar noch Münzen für ihre Gespräche nutzen. Viele dieser Stationen sind gleichzeitig Wlan-Hotspots. Dieser Tage sind in Göttingen acht Stationen für das schnelle Mobilfunknetz LTE zu sogenannten Small Cells vorbereitet worden. Drei in der Weender Straße und jeweils eine in der Roten Straße, am Markt, im Papendiek, in der Kurzen Straße und an der Kreuzung Lange- / Kurze Geismarstraße.

Techniker installiert Mobilfunk-Antennen

Hier ist Dirk Hosse, Techniker der beauftragten Firma Febama, dabei, einige Anbauten und die Installation der Mobilfunk-Antennen vorzunehmen. „Wenn wir fertig sind schließt die Telekom das Glasfaserkabel an“, sagt Hosse. Small Cells sind kleine Funkzellen, die die eigentlichen Basisstationen der Mobilfunknetze ergänzen. Telekom-Kunden sollen damit via 4G (LTE) und später auch via 5G schneller surfen können.

Ein Zustand von dem Bewohner im ländlichen Raum nur träumen können. „Wir haben in unserer Gemeinde noch einige weiße Flecken mit unterirdischem Mobilfunkempfang“, sagt Andreas Friedrichs (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Friedland. Da sei zumindest eine punktuelle Erweiterung des Mobilfunknetzes auf LTE-Standard wünschenswert. Die Frage nach der Rentabilität von öffentlichen Fernsprechstellen außerhalb der Ballungszentren sei allerdings legitim. „Wenn sich etwas überhaupt nicht rechnet, dann kann es weg.“ Vor der Gemeindeverwaltung am Gänseanger in Groß Schneen steht ein sogenanntes Basistelefon. „Ich gehe hier täglich mehrfach ein und aus und habe dort noch nie jemanden telefonieren sehen“, sagt Friedrichs. Derzeit ginge es auch gar nicht, da der Hörer zerbrochen ist.

Bereits im Jahr 2014 hatte Bauamtsmitarbeiter Werner Hübener der Telekom die Genehmigung zum Abbau dieses und eines weiteren Telefons in Reiffenhausen erteilt. Die Telekom hatte seinerzeit die durchschnittlichen Monatsumsätze der beiden Geräte ermittelt: Ein Euro in Groß Schneen, null Euro in Reiffenhausen. „Damals war alles so furchtbar eilig“, erinnert sich Hübener, „und heute stehen die Telefone immer noch an Ort und Stelle.“

Mit Mobilfunk verliert Telefonzelle an Bedeutung

Wohl jeder, der vor dem Jahr 2000 aufgewachsen ist, erinnert sich an die erst gelben und dann grau-magentafarbenen Fernsprechhäuschen, die früher nahezu an jeder größeren Straßenecke standen. Die Telefonzelle ermöglichte den schnellen Anruf zwischendurch und diente im Urlaub als Verbindung nach Hause. Sie schützte Spaziergänger vor plötzlich einsetzenden Gewitterschauern, diente Kindern als Versteck und war ein beliebter Treffpunkt bei Verabredungen.

Mit dem Aufkommen des Mobilfunks verlor die Telefonzelle allmählich an Bedeutung: Es war nicht mehr notwendig, zum Telefonieren einen bestimmten Ort aufzusuchen und die erste Frage an den Angerufenen lautete: „Wo bist du?“ Zu Festnetzzeiten hätte sich diese Frage erübrigt. Wusste doch jeder das der angerufenen Gesprächspartner im Flur neben seinem Telefontischchen stand. Die Deutsche Telekom nennt das Jahr 2007 als ausschlaggebendes Datum dieser Entwicklung. Zuerst das Mobiltelefon und später das Smartphone drängten die öffentlichen Fernsprechzellen langsam aber unaufhaltsam ins Abseits.

Grundversorgung muss sichergestellt sein

Einer der Hauptgründe, warum noch immer an Bahnhöfen, Flughäfen und anderen öffentlichen Plätzen die Telefongeräte zur Verfügung gestellt werden, ist das Telekommunikationsgesetz (TKG). Es verpflichtet die Telekom dazu, eine „Grundversorgung mit öffentlichen Telefonen“ zu gewährleisten. Wie viele Telefone das sind, ist nicht definiert. Und so liegt die Entscheidung alleine beim Betreiber, wenn die jeweilige Stadt oder Gemeinde zustimmt. Trotz des TKG werden weiterhin Telefonzellen abgebaut, wenn sie nicht genug Umsatz erwirtschaften.

Die Telekom argumentiert dann mit fehlender Nachfrage, denn ein ungenutztes Telefon sei ja für die Grundversorgung nicht nötig. Viele Geräte sind mittlerweile schmucklose Metallsäulen mit Telefon. Mit ein bisschen Glück gibt es ein Glasdach, mit noch mehr Glück Windschutzwände an den Seiten. Dafür hat sich aber technisch einiges getan. Viele der Geräte mit dem pinken Hörer können heute auch SMS versenden, manche haben Bildschirme für den Internetzugang und Kameras für Videotelefonie.

Von Christoph Mischke

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