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Göttingen Populismus trifft Poesie: Sunna Huygen tritt im Apex in Göttingen auf
Die Region Göttingen Populismus trifft Poesie: Sunna Huygen tritt im Apex in Göttingen auf
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14:26 05.11.2018
Kabarettistischer Umgang mit Wahnsinn: Sunna Huygen. Quelle: r
Göttingen

In ihrem Programm „Horizont, geschnitten oder am Stück“ fragt Huygen: „Wenn die Gesellschaft nach rechts rutscht, was sehen wir dann, wenn wir nach oben gucken?“ Alle Antworten gibt’s im Apex ab 20.15 Uhr – und einige vorab im Tageblatt.

Frau Huygen. Sie sind ausgebildete Tischlerin, waren fünf Jahre auf traditioneller Wanderschaft, und haben seit 2008 einen eigenen Tischlereibetrieb. Zuvor haben Sie 2006 ein Kunststipendium in Hamburg erhalten – wie haben Sie das als Handwerkerin geschafft?

Ich bin selbstständig als Tischlerin, aber ohne eigenen Betrieb. Das heißt, ich habe keine eigene Werkstatt, sondern arbeite auf Baustellen und projektbezogen. So hatte ich zwischen den einzelnen Möbeln immer wieder Zeit, mich mit Kunst zu beschäftigen. Das Stipendium hatte nichts mit einer Hochschule zu tun. Ich schaffe alles, was ich künstlerisch tue, autodidaktisch. Seit drei Jahren lebe ich hauptberuflich vom Kabarett und mache Möbel nur noch, wenn sie mir gefallen.

Seit 2008 stehen Sie auf Kabarett-Bühnen. In der Ankündigung Ihres aktuellen Programms steht, sie üben in Populismus: Hört sich nach Masochismus an.

Für mich geht es eher um das Enttarnen dieses und anderer Mechanismen (Sexismus, Rassismus), indem ich sie in andere Kontexte stelle und so offenbare, wie absurd sie sind.

Sie fragen sich, ob es reicht, dass „immerhin der Himmel für alle da ist“: eine Anspielung auf den da oben, Idol aller Christen; oder meinen Sie, da gibt‘s noch mehr, das für alle da sein könnte?

Keine Anspielung auf Gott. Wir leben in einer Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen ökonomischen Voraussetzungen. Einige werden immer reicher, viele immer ärmer. Wollen wir das ändern oder uns darauf zurückziehen, dass immerhin der schöne Sonnenuntergang nichts kostet und deshalb von jedem genossen werden kann? Das wären dann Gleichheit und Teilhabe genug.

Sie fragen sich und das Publikum: „Wenn die Gesellschaft nach rechts rutscht, was sehen wir dann, wenn wir nach oben gucken?“ Was sehen Sie, ohne zu viel zu verraten?

Nationalismus, Faschismus. Hatten wir alles schon mal, aber wenn wir nicht aufpassen, bricht das schneller wieder über uns herein, als wir „Das wollte ich so gar nicht“ sagen können.

Sie verbinden Kabarett mit Politik und Poesie. Ersteres ist klar – darum geht’s ja bei Komik und Kakao. Aber: Wie bringen Sie Lyrik und Satire zum allgemeinen Vergnügen vor der Bühne in Einklang?

Mir geht es nicht in erster Linie um Vergnügen. Als Kabarettistin soll ich immer den Finger in die Wunde legen, aber bitte lustig soll es sein. Das macht häufig keinen Sinn. Ich versuche, von mir ausgehend zu erzählen: die schönen und die schlimmen Dinge. Und um ausdrücken zu können, was mich berührt, hilft Lyrik manchmal sehr.

In der Schwimmbadszene bringen Sie Arm- und Beinzüge mit Ellenbogenmentalität und Aggressivität in Einklang. Inszenieren Sie die Wut von Bürgern, die in Teilen des Publikums oder machen Sie Ihrem eigenen Frust Luft?

Wie gesagt, ich erzähle hauptsächlich von mir aus. Ich bin zweimal in der die Woche im Schwimmbad, und manchmal bin ich genauso aggressiv wie dargestellt. Diese Aggression ist unangebracht – genauso wie die Wut auf Geflüchtete; und das zeige ich.

Nach dem Bad stellen Sie fest: „Unser Becken ist voll. Wir haben keinen Platz mehr für Geflüchtete. Jedenfalls nicht an der Wasseroberfläche.“ Die Flucht über das Mittelmeer, das Ertrinken, verschlucken Sie ungesagt. Ist Kabarett für Sie grundsätzlich kein reines Vergnügen.

Die Stelle, auf die Sie anspielen, habe ich im Jahr 2016 geschrieben. Mittlerweile hat sich mein Fokus verschoben, und ich habe einen Text zu „Fluchtursachen“. Und nein, kein Vergnügen. Es geht um Wut, um das Aufdecken von Missständen. Und es geht auch ums Lachen – aber nicht über Randgruppenwitze, sondern das Entlarven der Mehrheit.

Sie sagen, dass „Humor eine gute Möglichkeit des Umgangs mit Wahnsinn ist“ – also eine gute Möglichkeit, durch den Alltag zu kommen, eine Perspektive zu finden und auf der Bühne in Aussicht zu stellen: um für eine Zukunft mit Vielfalt und Selbstbestimmung zu kämpfen?

Ich bin seit 17 Jahren eine Frau im Handwerk. Wenn ich nicht einen kabarettistischen Umgang mit Wahnsinn gefunden hätte, wäre ich nach all den Erfahrungen mit Sexismus und festgefahrenen Rollenbildern in Werkstätten und auf Baustellen vermutlich schon lange in der Geschlossenen. Es geht also zum einen darum, drüber zu lachen, um es zu überleben. Und zum anderen, ordentlich wütend zu werden, und zwar am besten auf der Bühne vor möglichst vielen Menschen, um so die Verhältnisse vielleicht ein ganz klein wenig zu ändern.

Karten sind in den Geschäftsstellen des Göttinger (Weender Straße 44) und des Eichsfelder Tageblatts, Marktstraße 9 in Duderstadt, erhältlich.

www.sunna-huygen.de; www.apex.de

Von Stefan Kirchhoff

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