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Göttingen Messerattacke im Modemarkt: Wahnhafte Störung oder gezielte Rache?
Die Region Göttingen Messerattacke im Modemarkt: Wahnhafte Störung oder gezielte Rache?
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17:11 26.11.2018
Im Prozess um eine Messerattacke in einem Bekleidungsgeschäft in der Göttinger Fußgängerzone wurden am Montag die Plädoyers gehört. Quelle: dpa
Göttingen

Die Staatsanwaltschaft beantragte zudem die dauerhafte Unterbringung des 41-jährigen Küchenhelfers in der Psychiatrie, da von diesem aufgrund einer psychischen Störung auch in Zukunft ähnliche Reaktionen zu erwarten seien. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte Ende Januar in dem Modemarkt einen 27-jährigen Mann aus Göttingen unvermittelt angegriffen und mit acht Messerstichen schwer verletzt hatte. Entgegen der ursprünglichen Anklage sei die Tat allerdings nicht als versuchter Mord, sondern als gefährliche Körperverletzung einzustufen. Der Angeklagte habe zum Tatzeitpunkt unter einer wahnhaften Störung gelitten und sei in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen.

Der Angriff sei wie aus dem Nichts gekommen, sagte Staatsanwalt Christian Körber. Der Angeklagte habe dem 27-Jährigen, der sich mit seiner Lebensgefährtin und der eineinhalb Jahre alten Tochter in dem Laden befand, acht Stiche versetzt. Dieser habe zu fliehen versucht, aufgrund seiner Verletzungen sei er jedoch mehr gehumpelt als gelaufen. Der Angeklagte sei ihm mit einem konstanten Abstand von rund zehn Metern durch die Fußgängerzone gefolgt. Immer wenn sich der 27-Jährige nach seinem Verfolger umgeschaut habe, habe dieser sein Messer herausgezogen und es danach wieder eingesteckt. Schließlich habe er den 27-Jährigen aus den Augen verloren. Kurz darauf nahm ihn die Polizei fest.

Lebensbedrohlicher Angriff

Der 27-Jährige erlitt Stichverletzungen in Brustkorb, Hals, Hüfte, Schulter und Oberschenkel und musste knapp drei Wochen im Krankenhaus verbringen. Der Angriff sei potenziell lebensbedrohlich gewesen, sagte der Staatsanwalt. Sowohl das Opfer als auch seine Partnerin seien aufgrund des Vorfalls psychisch immer noch sehr belastet und litten unter Angstzuständen.

Hintergrund der Tat soll ein Vorfall gewesen sein, der bereits acht Monate zurücklag. Beide Männer waren in einem Imbiss beschäftigt gewesen. Im Mai 2017 soll es dort zu einer Auseinandersetzung um eine Portion Pommes gekommen sein. Der Angeklagte soll auf den 27-Jährigen losgegangen sein, ihn zu Boden gebracht und getreten haben. Dieser soll sich gewehrt und dabei dem 41-Jährigen einen Schlag ins Gesicht versetzt haben. Anschließend soll er sich sofort bei dem älteren Kollegen entschuldigt haben.

Wahnhafte Störung

Der Angeklagte hatte angegeben, dass er in der Folgezeit Angst vor dem 27-Jährigen gehabt habe. Er habe sich verfolgt gefühlt, weil dieser ihn angeblich „hassvoll angesehen“ habe. Als er ihn am Tattag in dem Bekleidungsgeschäft erblickte, habe der Ex-Kollege „wie ein Geist“ vor ihm gestanden. Diesen Geist habe er verscheuchen wollen. Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte dem Angeklagten eine wahnhafte Störung bescheinigt.

Der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Steffen Hörning, schenkte dieser Version keinen Glauben. Der 41-Jährige habe an vielen Stellen gelogen und auch dem Sachverständigen etwas vorgemacht. „Der Angeklagte hat sich nicht im Wahn befunden, sondern wollte eine Rechnung begleichen“, sagte Hörning. Der 41-Jährige habe sich dafür rächen wollen, dass sein Mandant einen Älteren geschlagen habe, was in deren Kulturkreis verpönt sei. Der Angeklagte habe seinen Mandanten heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen angegriffen, um ihn zu töten. Er habe nicht krankhaft, sondern gezielt und berechnend gehandelt. Daher habe er auch in der Psychiatrie nichts zu suchen, sondern sei wegen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren zu verurteilen.

Verteidiger Oliver Hille hält den Angeklagten dagegen für krank: „Hätte er die Wahnvorstellung nicht gehabt, wäre es zu diesem Ereignis nie gekommen.“ Er beantragte eine Freiheitsstrafe von höchstens vier Jahren und die Unterbringung im Maßregelvollzug. Das Gericht will sein Urteil Anfang Dezember verkünden.

Von Heidi Niemann

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