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Göttingen Psychiatriepatient Julius Klingebiel: Buch und neue Rauminstallation
Die Region Göttingen Psychiatriepatient Julius Klingebiel: Buch und neue Rauminstallation
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12:02 06.08.2013
Präsentieren die neue Rauminstallation: die Klingebiel-Experten Manfred Koller (links) und Andreas Spengler. Quelle: Theodoro da Silva
Göttingen / Klein Lengden

Klingebiel malte seine Werke an die Wände einer Zelle im heutigen Festen Haus des Landeskrankenhauses Moringen in Göttingen. „Die Klingebiel-Zelle“ wird vom 13. August an vorgestellt – in Gestalt einer begehbaren Rauminstallation und eines im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienenen Buches.

Klingebiel, geboren 1904 in Hannover, absolvierte eine Schlosserlehre und arbeitete von 1930 an bei der Wehrmacht. 1935 heiratete er. 1939 wurde er wegen Gewalttätigkeiten gegen Stiefsohn und Ehefrau festgenommen und als „gefährlicher Geisteskranker“ in die Nervenklinik Hannover eingewiesen.

Bettgestell als Leiter

Von dort aus kam er nach kurzem Aufenthalt in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf, wurde zwangssterilisiert und im August 1940 in das Göttinger Landesverwahrungshaus verlegt. Dort entging er als einer von wenigen Psychiatriepatienten der Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten.

In den 50er-Jahren begann Klingebiel, die Wände seiner Zelle zu bemalen. Zunächst mit rudimentären Mitteln – verkohlten Holzstücken, Steinen, angeblich sogar Zahnpasta vermengt mit Erde. Sein Bettgestell diente verbotenerweise als Leiter.

Als das Klinikpersonal merkte, dass er in den kreativen Phasen ruhiger war, erhielt er Dispersionsfarben. Klingebiel malte Bilder aus der Erinnerung. Wie die Hirsche mit der auffälligen Fellzeichnung und den ausufernden Geweihen, die in vielen Abschnitten vorkommen oder den aufmerksamen Tiger über ihren Köpfen.

Julius Klingebiel war Psychiatriepatient seit 1939 und von 1940 an im Landesverwahrungshaus Göttingen untergebracht. ©Theodoro da Silva

„Ein Tigerpaar und Axishirsche hat der hannoversche Zoo Mitte der 20er-Jahre gezeigt“, hat Andreas Spengler, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf, herausgefunden.

Spengler ist neben Manfred Koller (Ärztlicher Direktor des Asklepios Fachklinikums Göttingen) und Dirk Hesse (Ärztlicher Direktor des Maßregelvollzuges Niedersachsen in Moringen) Herausgeber des Buches „Die Klingebiel-Zelle“.

Der Patient fügte Ornamente, Landschaften, Bildnisse unbekannter Frauen, Porträts von Hitler, Göring und Wilhelm II., Wolkenkratzer, Ozeanriesen und, neben den Hakenkreuzen,  immer wieder christliche Symbole zu einer flächendeckenden Wandbemalung zusammen, „das ist weltweit einzigartig“, so Spengler.

Der Psychiatriepatient erneuerte seine Gedankenbilder stetig, „er hat im Lauf der Jahre vieles wieder übermalt“, berichtet Koller. All das hat Fotograf Hans Starosta mit seinen Mitarbeitern reproduziert.

Durch bauliche Veränderungen verschwundene Details der Zelle wurden von alten Fotografien übernommen und in schwarz-weiß eingefügt Die Firma Scheiter in Klein Lengden fertigte daraus die Rauminstallation – die zweite bereits, denn schon 2002 wurde ein Nachbau präsentiert. 

Klingebiels Leben und Kunst

Beim ersten Schritt durch die Tür der neuen Installation betritt der Besucher Klingebiels Welt der 50er-Jahre. Denn bereits Anfang der 60er-Jahre hörte er auf zu malen, nachdem seine Medikamente umgestellt wurden. 1963 wurde der Patient in einen anderen Bereich des Landeskrankenhauses verlegt. Er starb 1965 in der Chirurgischen Universitätsklinik. 

Mit Klingebiels Leben und Kunst hat sich unter dem Titel „Forschungsprojekt Julius Klingebiel“ der Sozialpsychiatrische Förderverein Moringen beschäftigt.

Unterstützt wurde das Projekt unter der Leitung Spenglers durch private Spender sowie den Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie, die Kulturstiftung Göttingen, den Landschaftsverband Südniedersachsen sowie die Susanne und Gerd Litfin-Stiftung und Dirk Rossmann.

Das farbig illustrierte Buch „Die Klingebiel-Zelle“ (Herausgeber Spengler, Koller, Hesse) erscheint im August im Verlag Vandenhoeck & Rupprecht. Es hat 111 Seiten und kostet 24,99 Euro.

Buch und Installation

Die echte, vom Psychiatrie-Patienten Julius Klingebiel ausgemalte Zelle liegt im sogenannten Festen Haus und ist öffentlich nicht zugänglich.

Eine ältere Nachbildung der Zelle kann zweimal im Monat im Museum der Asklepios-Klinik besichtigt werden (Termine unter Telefon 05 51 / 4 02 - 0 oder museum.goettingen@asklepios.com).

Im Sozialzentrum des Asklepios Fachklinikums, Rosdorfer Weg 70, ist von Dienstag, 13., bis Freitag, 30. August, täglich zwischen 10 und 17 Uhr die neue Rauminstallation zu sehen. Präsentiert werden der Zellennachbau und auch das neue Buch „Die Klingebiel-Zelle“ am 13. August um 18 Uhr im Sozialzentrum.

Die Festrede hält Thomas Röske, Leiter  der Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Sprechen werden nach Auskunft der Organisatoren auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil und Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer.

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