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Göttingen „Puck“, der letzte Wolf in Niedersachsen, wurde 1872 bei Bergen erlegt
Die Region Göttingen „Puck“, der letzte Wolf in Niedersachsen, wurde 1872 bei Bergen erlegt
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17:50 05.01.2014
Der am 18. Oktober 1851 im Wietzenbruch vom Hofjäger Friedrich Lewecke erlegte Wolf wurde präpariert und wanderte ins Provinzial-Museum. Foto von Wilhelm Pietzsch aus dem Jahr 1930. Quelle: Historisches Archiv der Fotokunde
Göttingen

Am 7. November 2002 wurde ein „Wanderwolf“ im Bramwald im Weserbergland gemeldet. Noch Anfang der 90er-Jahre wurden solche Tiere sehr schnell geschossen. Der Bramwald-Wolf erwies sich als ein entlaufener Gehege-Wolf, eine Fähe, die gleich bei ihrem ersten Auftreten am Ortsrand von Ellershausen fünf Schafe des pensionierten Pastors Werner riss.

Über Weihnachten war sie in der Gegend von Göttingen unterwegs und riss im Raum Gieboldehausen ein Reh und eine Heidschnucke. Schließlich wurde das Tier, das man auf den Namen „Puck“ taufte, von einem Jäger, der sich wohl bedroht fühlte, erlegt.

Bär, Wolf und Luchs wurden in früheren Zeiten im Harz intensiv und unter Auslobung von Schussprämien bejagt. Im Dezember 1665 beispielsweise veranstaltete Herzog Johann Friedrich eine Sau- und Wolfsjagd im Lauenburger Forst im Solling, zu der aus dem Amt Harste 55 Mann auf drei Tage abgestellt werden mussten, die sich in Fredelsloh sammeln sollten.

Eine Jagd gleicher Größe hatte bereits Ende November stattgefunden, und am 2. Januar folgte eine weitere. Das Ergebnis der unnachgiebigen Nachstellungen: 1696 verschwand im Harz der Bär von der Bildfläche, 1798 der Wolf und 1818 der letzte Luchs in Deutschland überhaupt.

Die großen Raubtiere im Harz wurden binnen weniger Jahre ausgerottet. Im November 1696 wurde unterhalb des Ramberges, wie die Viktorshöhe damals noch hieß, der angeblich letzte Bär, ein Braunbär, erlegt. Abseits der Rambergstraße wurde daraufhin der „Bärstein“ aufgestellt, der an den letzten im Herzoglich Anhaltischen Harz erlegten Bär erinnern soll.

Der letzte Bär im gesamten Harz soll allerdings erst knapp zehn Jahre danach unweit des Brockens erlegt worden sein. Michel Ange Mangourit schreibt 1805: „Auch die Bären sind aus den Waldungen gewichen. Der letzte wurde zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts auf dem Harz, in der Nähe des Brocken erlegt.“ Der abgeschnittene Kopf dieses Bären zierte lange Jahre das Tor der alten Burg zu Elbingerode.

Die Ausrottung des Bären klingt doch eher paradox vor dem Hintergrund, dass um 1600 die Zahl der Bären im Harzgebiet inzwischen stark abgenommen hatte und Heinrich Julius, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg und Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, sich daher veranlasst sah, Bären im Harz auszusetzen.

Hirten meldeten im Frühjahr 1723 junge Wölfe im Harzburger Forst. 1724 spürte man im südlichen Unterharz zwei Wölfen nach, die viel Schaden anrichteten. Eines der Tiere wurde gleich im Januar 1724 im Kreis Sangerhausen erlegt, in der Nähe des Jagdhauses Schwiederschwende. Weil es eine Fähe war, zog man „ihm Weiberkleider an und hing es an einem Galgen auf“.

An der Stelle wurde genau 100 Jahre später ein Denkmal zur Erinnerung an den erfolgreichen Abschuss errichtet. Es dient zudem als steinerner Wegweiser und verkündet: „Unter der Regierung des Grafen Jost Christian zu Stolberg-Roßla wurde im Monat Januar 1724 der letzte Wolf allhier erlegt.“

Die umwohnenden Harzer haben, wie es heißt, früher diesem steinernen Wolf beim Vorübergehen gern die Ohren abgeschlagen, weshalb im Scherz erzählt wurde, der gräfliche Baumeister zu Roßla müsse immer etatsgemäß ein Dutzend Paar Wolfsohren vorrätig halten, um die abgeschlagenen des steinernen Wolfes ersetzen zu können.

Merkwürdig war dann noch die letzte feierliche Wolfsjagd im Harz, in deren Verlauf der Wolf 1798 vom Grafen Ferdinand erlegt wurde und der Pfortenberg, an welchem der tödliche Schuss gefallen war, seitdem „Wolfsberg“ genannt wird.

Um der Jägerei seine Freude und seinen Dank für die bei der Wolfsjagd gehabte viele Mühe und Arbeit zu bezeugen, veranstaltete der Graf Ferdinand am 29. März ein kleines Fest, wozu er die gesamte Jagdgesellschaft auf Mittag, Nachmittag und Abend einlud. Die Jäger begaben sich im Zuge zum Festhaus.

Ihnen folgten die Schützen, welche bei der Wolfsjagd zugegen waren, und dahinter 16 junge, als Schäferinnen gekleidete Mädchen, die von jeder Schäferei dem Sieger ein Lamm zur Dankbarkeit darbrachten. Ein Jäger überreichte dem Grafen den Wolfsbalg nebst folgendem Vers:

„Hier ist der Balg vom Ungeheuer,
das Ferdinand erlegt;
der Jäger zollt ihm feinen Dank,
der Hirsch beim sichern Weidegang,
und friedlich bringt der Hirten Scham
zur Dankbarkeit ein Lämmchen dar.“

Ein Jagdteilnehmer schmiedete später den Vers: „Das ist der eine Wolf? Wer straft die vielen Wölfe, die in der Gotteswelt noch wandern – Vaterland nicht achtend?“

C. G. Friedrich Brederlow berichtet in seinem Harzreiseführer von 1846, dass eine Klaue über der Tür des 1776 zu Ehren des fürstlichen Verwandten Friedrich Erdmann von Köthen-Pless erbauten Wirtshauses angenagelt worden sei mit dem Hinweis darunter, dass in der Nähe der Graf Ferdinand 1798 einen Wolf erlegt habe.

Die beiden letzten westdeutschen Luchse wurden 1817 am Renneckenberg bei Wernigerode vom Ilsenburger Forstkontrolleur Wilhelm Theodor Kallmeyer und 1818 bei Lautenthal erlegt. Ihre Reste wanderten in die Museen und Schlösser von Braunschweig und Wernigerode. Kallmeyer schoss den einen Luchs im Zuge einer Treibjagd am 24. März 1817 an, und die Revierförster Hoefer und Roth erledigten den Rest.

Der ausgestopfte Balg des Luches wanderte später in die Gräfliche Erz- und Gesteinssammlung. Am 17. März 1818 erlegte der königliche hannöverische Reitende Förster Johann Friedrich Wilhelm Spellerberg am Teufelsberg bei Lautenthal den wohl letzten Harzer Luchs, ein 41 Pfund schweres männliches Exemplar.

Dem Ereignis war eine mehrtägige Jagd vorausgegangen, an der in zwei Etappen rund 100 Treiber und 80 Jäger beteiligt waren. Durch das Herz getroffen, machte das eingekreiste und angeschossene Tier noch einen mächtigen Sprung über eine 6 Fuß hohe Tanne 17 Fuß weit, dem noch ein letzter Sprung von 12 Fuß Weite folgte.

Damit hatte man sich auch der letzten Räuber im südlichen Niedersachsen entledigt; verschwunden waren die Wölfe in Niedersachsen aber noch lange nicht. Gerade nach Kriegszeiten und vor allem von Osten her wanderten sie regelmäßig ein und wurden auch immer wieder bejagt.

Zwar wurden auf der einen Seite Geld- und sonstige Prämien, wie neue Büchsen für die Förster, ausgelobt; dennoch wurde noch 1660 das „Strecken“ wenigstens eines Wolfes den gehenden und den ihnen vorgesetzten reitenden Förstern zur Pflicht gemacht.

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Wölfe in Niedersachsen regelmäßig ausgemacht und als Nahrungskonkurrenten bejagt. Zwar war Norddeutschland seit dieser Zeit weitgehend wolfsfrei; dennoch wurden laut dem Sachbuchautor Erich Hobusch beispielsweise im Jahre 1885 insbesondere in den östlichen Landesteilen noch 79 Tiere zur Strecke gebracht (davon 22 lebend gefangen). Da waren Wölfe in Niedersachsen längst Geschichte.

Als im Jahre 1850 zwei Wölfe in der Göhrde auftauchten und dem Wild und den Schafen großen Schaden zufügten, setzte König Ernst August I. von Hannover für jeden Wolf eine Schussprämie von 100 Talern aus. Dem Revierjäger Georg Weber gelang es am 11. Januar 1851, einen der Wölfe auf einer kleinen Treibjagd im Schnee in einer Dickung einzukreisen und zu schießen.

Der zweite Wolf wurde erst neun Monate später, am 18. Oktober 1851, vom Hofjäger Friedrich Lewecke im Wietzenbruch bei Fuhrberg gestellt. Der ausgestopfte Balg wanderte in das Provinzial-Museum nach Hannover, das heutige Landesmuseum.

Dann hatte das Land lange Jahre Ruhe vor Isegrim, bis Jan Hinnerk Schult, ein Bauer aus Erpensen, kurz vor Weihnachten 1871 einen Wolf erlegte. Schließlich kam das Jahr 1872. Westlich von Becklingen wurde gleich zu Jahresbeginn der vorerst letzte Wolf in der Lüneburger Heide gesehen und geschossen.

Schütze war der Förster H. Grünewald, ehemals ein Jagdbegleiter von König Georg V., der 1892 in Wardböhmen bei Bergen in Pension trat. Der 1929 dort aufgestellte Stein trägt die Inschrift: „Am 13. Januar 1872 wurde hier der letzte Wolf in Niedersachsen erlegt.“ Grünewald war schneller als die Präparatoren und ließ sich von dem Wolf nach einigen Zurschaustellungen einen dekorativen Fußteppich anfertigen.

Der damals erlegte Wolf war der letzte von insgesamt 15 Wölfen, die im 19. Jahrhundert in der Lüneburger Heide ihr Ende fanden. 1929 wurde im Becklinger Holz an dem längst hübsch gestalteten Platz des Ereignisses ein Gedenkstein aufgestellt.

Der am 27. Februar 1904 vom Privatförster Paul Brämer in der Oberlausitz erlegte „letzte Wolf Deutschlands“ ziert heute als Präparat den Eingangsbereich des Museums in Hoyerswerda. Dass es am Ende nicht der letzte Wolf war, ist bekannt. Und 1990 wurde der Wolf im vereinigten Deutschland unter Naturschutz gestellt.

Allein zwischen 1945 und 1982 wurden im Raum der Lüneburger Heide noch einmal sieben Wölfe zur Strecke gebracht, darunter der 1948 der berüchtigte „Würger vom Lichtenmoor“. Im Mai 1991 wurden in Brandenburg zudem innerhalb weniger Wochen vier Wölfe illegal geschossen.

Und aktuell gibt es in Niedersachsen gibt wieder drei Wolfsfamilien, die im gesamten Landkreis Celle und im Wendland ausgemacht werden und inzwischen überall ihre Spuren hinterlassen. Man lässt sie gewähren. Noch.

Von Matthias Blazek

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