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Göttingen Gretchen Dutschke spricht über die 68er
Die Region Göttingen Gretchen Dutschke spricht über die 68er
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17:29 08.11.2018
Erzählcafé mit Gretchen Dutschke in Göttingen. Quelle: Swen Pförtner
Göttingen

„Ich betrachte die 68er als eine Erfolgsgeschichte”: Das sagt Gretchen Dutschke, Witwe der wohl bekanntesten Ikone der deutschen Studentenbewegung der späten 60er Jahre. Dutschke war am Mittwoch auf Einladung der Freien Altenarbeit im Holbornschen Haus an der Roten Straße zu Gast.

Erzählcafé mit Gretchen Dutschke und Moderator Hartmut Wolter. Quelle: Swen Pförtner

Jeder Stehplatz war besetzt, die Sitzplätze sowieso. Im Publikum saßen viele, die Dutschke noch erlebt hatten, das zeigten einige der Wortbeiträge aus dem Publikum. Gretchen Dutschke ist heute 76 Jahr alt. Die Autorin las aus ihrem Buch und beantwortete die Fragen von Moderator Hartmut Wolter. Es ging um christlichen Sozialismus, die Werte der 68er-Generation und um die persönlichen Erinnerungen der gebürtigen US-Amerikanerin, deren Deutsch mit einem kleinen Akzent gekennzeichnet ist.

Rudi Dutschke: Liebe und Revolution

Dutschke erzählte, wie sie 1964 als junge Frau von Illinois nach Deutschland kam, und wie sie später ihren Mann in einem Charlottenburger Studentencafé kennenlernte. „Es war wohl Liebe auf den ersten Blick”, sagt sie. Rudi, in kurzen Hosen und mit langen, dunklen Haaren, habe an einem Tisch gesessen, einen Stapel polnischer Bücher vor der Nase. Nach ein paar Wochen, so Gretchen Dutschke, bekam sie „einen Schuss vor den Bug”, denn Rudi wollte sich doch lieber um die Revolution als um die Liebe kümmern. Dabei blieb es nicht. 1966 heiraten die beiden.

Kleinfamilie: Ja oder nein?

Die Frage danach, ob sie neun heiraten sollten oder nicht, habe das Paar beschäftigt. „Die typische Kleinfamilie war für uns ja Ausdruck der autoritären Gesellschaft”, erinnert sich Dutschke. Und weiter: „Wir haben damals eine Liste gemacht. Auf der einen Seite die Vor-, auf der anderen die Nachteile der Ehe”, sagt sie. Die Vorteile hätten überwiegt.

Der Supermacho der 68-er-Bewegung

Die Probleme der Kleinfamilien wollten die beiden dennoch überwinden, eine Arbeitsgruppe wurde einberufen, es wurde über Kommunen gesprochen. Aus München, so Dutschke, reiste auch Dieter Kunzelmann an. „Ein Supermacho”, sagt sie. Der Gedanke, mit ihm eine Kommune zu gründen, nannte sie “eine Katastrophe”. Kunzelmann zählte später zu den Mitbegründern der Münchener Kommune eins. „Wir wollten Solidarität, Gleichberechtigung und Politik”, sagt Dutschke.

Die Dutschkes: „Freie Liebe“ war nicht wichtig

Die Publikumsfrage danach, wie es denn mit dem Thema „Freie Liebe” stand, beantwortete die 74-Jährige: „Das war für uns nicht die Hauptsache, Kunzelmann war das aber wichtig”. In der Kommune, in der die Dutschkes lebten, habe es mehrere Paare gegeben. „Wovon haben Sie denn gelebt?“ lautete eine weitere Frage. „Rudi bekam BAföG, ich ein wenig Geld von meinen Eltern und von ein paar Übersetzungen. Als Studenten brauchten wir ja nicht viel“, sagte Dutschke.

Nach dem Attentat musste Rudi neu lernen

Nach dem Attentat auf ihren Mann hätten viele Geld gespendet. Davon konnte die Familie leben, ebenso der befreundete Psychologe Thomas Ehleiter, der ihn betreute. „Rudi musste ja alles wieder lernen“, so seine Witwe. Rudi Dutschke wurde am 11. April 1968 vor dem SDS-Büro in Berlin von dem rechtsextremen Hilfsarbeiter Josef Bachmann angeschossen – zwei Kugeln steckten in seinem Kopf, eine in seiner Schulter. Dutschke erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. 1979 starb er an einem epileptischen Anfall, eine Spätfolge der Schüsse.

Die Geschichte der 68er ist fast verschwunden

Hass, sagt Gretchen Dutschke, ist der treibende Faktor der Gewalt. Die heutige Hass-Kultur von Rechts finde man ja ständig auf Titelseiten. „Das macht den Hass akzeptabel“, kritisierte sie. Ziel sei es doch, den Hass zu überwinden. Aber: „Die Geschichte der 68er ist fast verschwunden, ich finde das schade“.

Gretchen Dutschke studierte Theologie, drei Kinder von Rudi brachte sie auf die Welt. Sie war in der Studentenbewegung aktiv und setzte sich für Gleichberechtigung ein. Gretchen, geborene Klotz, hat deutsche Vorfahren. Sie ist die Autorin einer Biografie über Rudi Dutschke. Außerdem veröffentlichte sie 2003 Dutschkes Tagebücher, die er von 1963 bis zu seinem Tod 1979 geführt hatte. 2018 blickt sie in einem neuen Buch - aus dem sie in Göttingen Auszüge las - auf ihr Leben und die 68-er Bewegung zurück.

 

Von Britta Bielefeld

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