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Göttingen „Sah ich jemals anders aus?“
Die Region Göttingen „Sah ich jemals anders aus?“
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00:17 12.05.2017
Umstyling im Kontaktladen. Quelle: Wenzel
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Göttingen

Aufgrund des großen Andrangs wurde das Raucherzimmer im ersten Stock des Drobz kurzerhand zum Wartezimmer umfunktioniert. Das Angebot, sich kostenlos die Haare und Bärte schneiden lassen zu können, wollten viele Süchtige und Obdachlose wahrnehmen. „Kleider machen Leute, Haare auch“, sagt Sozialarbeiterin Corinna Hilker. Das empfindet auch Carmen so. Seit etwa einem Jahr besucht die 39-Jährige das Drogenberatungszentrum. Durch ihren neuen Haarschnitt fühle sie sich besser. „Es hilft, weil die Leute einem nicht gleich ansehen, dass man ein Junkie ist“, sagt sie.

Seit zwölf Jahren zum Reden und Kaffee trinken

Für viele der Menschen sei aufgrund ihres Kampfes mit der Sucht alles andere wichtiger als sich selbst zu pflegen, erklärt Hilker. Wie sich manche dann über den neuen Look freuen, sei schon super. „Gerade unsere Männer mit langen Haaren sehen hinterher völlig anders aus“, sagt Hilker. So wie Rudi. Der 57-Jährige komme seit zwölf Jahren ins Drobz, manchmal einfach nur, um mit jemandem zu reden oder einen Kaffee zu trinken, sagt er. Mit Anfang 30 habe er angefangen, härtere Drogen zu konsumieren, hauptsächlich Haschisch, zwischendurch habe er auch Kokain und Heroin genommen.

Das „Drobz“

Göttingen. Als diakonische Einrichtung arbeitet das Drogenberatungszentrum (Drobz) Göttingen mit Therapeuten suchtbegleitend. Suchtkranke nutzen den Kontaktladen als sozialen Treffpunkt, um die sanitären Anlagen zu nutzen oder um Spritzen auszutauschen. Auch Mahlzeiten bietet das „Drobz“ an. Die „Umstylingaktion“ sei jedoch kein ständiges Angebot, erklärt Hilker, auch wenn der Andrang groß sei. Das liege vor allem daran, dass sich nicht immer eine freiwillige Frisörin finden ließe. Immerhin kündigt die Sozialarbeiterin an: „Wir werden das wahrscheinlich noch einmal machen.“ yah

Er erzählt von seiner verstorbenen Frau und wie sie, „obwohl ich einige Kapriolen geschossen habe“, all die Jahre bei ihm blieb. „Das hat mich am Ende auch davon weggebracht“, sagt Rudi. Haschisch nehme er immer noch, mittlerweile bekomme er es therapeutisch in dosierten Mengen von seinem Arzt verschrieben.

Deren Problem

Als Rudi an der Reihe ist, und die Haarschneidemaschine anfängt zu summen, schließt er die Augen. Vor vier Jahren war er zuletzt beim Friseur. „Der genießt das richtig“, sagt Carmen. Ihr voriger Friseurbesuch sei bereits acht Jahre her. Die meisten lassen sich an diesem Tag die Haare kurz schneiden. Nicht, weil es pflegeleichter sei, sondern weil sie es schön finden, sagt Hilker.

Auch bei Rudi fräst sich die Maschine durch die zotteligen Haare, raspelt sie millimeterkurz. Der Bart kommt auch ab. „Nachher erkennt man dich gar nicht wieder“, sagt Friseurin Jenny. „Das ist ja deren Problem“, antwortet Rudi, der genüsslich das Kinn nach oben streckt. Als er fertig ist, gehen auch seine Augen wieder auf: „Cool, so wollte ich das haben.“ Er sehe jetzt wieder wie ein Mensch aus, ruft ihm Carmen zu. Rudi fährt sich über die Kurzhaarfrisur und fragt: „Wieso? Sah ich jemals anders aus?“

Von Yannick Höppner

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