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Göttingen Stillstand dank Baurecht?
Die Region Göttingen Stillstand dank Baurecht?
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00:17 08.05.2017
Quelle: Wenzel
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Göttingen

Das herausragende Göttinger Baudenkmal, sagt Ulrike Schulz, Inhaberin der gegenüberliegenden Boutique, sei „ein Schandfleck“. Nach und nach zersplitterten die originalen Butzenscheiben, innen hingen die Balken durch und zur Hofseite stünden von der Fassade nur noch die Balken, offen für Wind und Wetter.

Dass sich an diesem beklagenswerten Zustand in absehbarer Zeit etwas ändern könnte, wagt Schulz nicht mehr zu hoffen. „Monatelang“, sagt die Boutiquen-Inhaberin, lasse sich der Besitzer nicht blicken, an der Baustelle geschehe nichts. Die gleiche Beobachtung haben auch andere Geschäftsinhaber gemacht. Immer wieder, sagt Schulz, werde sie auf den heruntergekommenen Zustand des Gebäudes angesprochen – „manchmal drei- oder viermal am Tag“.

Besitzer des „Schwarzen Bären“ ist seit 2013 Henning Hauschild, der bereits andere heruntergekommene historische Häuser in der Göttinger Kernstadt saniert hat, für sein Vorgehen dabei allerdings auch heftig kritisiert wurde. Hauschild möchte den geschichtsträchtigen, aber innen vielfach umgestalteten Bau so weit wie rechtlich möglich wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen – mit einem Restaurant oder Geschäftsräumen im Erdgeschoss und Büroräumen im ersten Stock. Dabei soll auch die lange Zeit verbaute zweigeschossige Eingangshalle des Renaissance-Baus wieder hergestellt werden.

Für den Stillstand in der Kurzen Straße könne er nichts, sagt Hauschild: „Mir fehlt die Baugenehmigung. Wenn ich jetzt anfangen würde, käme ein Schwarzbau dabei heraus.“ Die Baugenehmigung könne „demnächst“ erteilt werden, meint Hauschild. Ein bauhistorisches Gutachten, das er habe anfertigen lassen, wie auch „bisherige Prüfungen“ ließen dies zu, hofft der Eigentümer. Dann könne er den Umbau kurzfristig beginnen und „innerhalb der nächsten 24 Monate“ abschließen.

Die bisherige Entkernung des Gebäudes sei in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege der Stadt erfolgt, sagt Hauschild. Für die Verzögerungen seien nicht die lokalen Ämter verantwortlich, sondern „übergeordnete Behörden“ des Landes, des Bundes und der EU: Die erließen immer neue Bestimmungen nicht nur für Neubauten, sondern auch für historische Gebäude, deren Bestandsschutz wie im Fall des „Schwarzen Bären“ erloschen sei. Die historische Bauweise ließe sich mit den modernen Vorschriften nur sehr schwer in Einklang bringen, meint Hauschild. Notwendig sei ein Kompromiss unter anderem zwischen Statik, Denkmalpflege und Brandschutz, „und der ist sehr schwierig“.

Die Stadtverwaltung erklärt zum „Schwarzen Bären“ derzeit nur, „Aus bauordnungs- und denkmalschutzrechtlicher Sicht werden erforderliche Abstimmungen und Prüfungen durchgeführt“. Allein bei akuter Gefährdung wie beispielsweise Einsturzgefahr „könnte und müsste die Stadt mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen einschreiten. Dies ist derzeit aber nicht der Fall.“

Bewegte Geschichte

Das Renaissancehaus „Der Schwarze Bär“ in der Kurzen Straße wurde um 1580 errichtet. Es ist eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands und wurde in dieser Funktion erstmals 1637 erwähnt.

Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte: Der sagenumwobene Doktor Eisenbarth schrieb dort 1727 sein Testament. Zwischen 1857 und 1872 tagte im Schwarzen Bären der Bären-Klub, ein Zusammenschluss jüngerer Göttinger Gelehrter. Am 20. Dezember 1857 wurde die Bärengemeinde als Bürger-Stammtisch gegründet. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zählte unter anderem der Atomwissenschaftler Otto Hahn zu den Stammgästen im „Schwarzen Bär“.

Im Jahr 2002 wurde unter dem Gebäude ein Gewölbekeller aus dem 14. Jahrhundert entdeckt. 24 Jahre lang, bis 2011, war das Ehepaar Buhtz Pächter des Gasthauses. Dann verkaufte die Einbecker Brauhaus AG, seit den 20er-Jahren Besitzerin des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, den Schwarzen Bären an den Kaufmann Helmut Turck. Der Käufer starb jedoch, bevor er seine Pläne umsetzen konnte. Dann erwarb Henning Hauschild die Immobilie.

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