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Göttingen Spuren jüdischen Lebens in Dransfeld
Die Region Göttingen Spuren jüdischen Lebens in Dransfeld
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17:17 25.07.2014
Gerlandstraße 7: Eine Marmortafel (siehe Bild im Text) am Eingang erinnert an die ehemalige Synagoge in Dransfeld. Quelle: Hinzmann
Dransfeld

Wann sich die ersten Juden in Dransfeld niederließen, ist unbekannt. Zurückdatieren lässt sich ihre Präsenz rund 300 Jahre, also bis Anfang des 18. Jahrhunderts – so weit reichen die Aufzeichnungen zurück.

Viele wohnten an der heutigen Langen Straße – einer alten Heeresstraße – und versorgten als Kaufleute und Händler die Durchreisenden ebenso wie die Bevölkerung Dransfelds und der umliegenden Dörfer mit allem Notwendigen. Die meisten Juden waren angesehene Leute, unter ihnen befand sich beispielsweise auch ein Ratsherr.

Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten setzte dem jüdischen Leben in Dransfeld in den 1930er-Jahren ein Ende.

Dass die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaute Synagoge heute noch steht, ist der dichten Bebauung zu verdanken: als in der Reichspogromnacht ein Kommando aus Hann. Münden angerückt war, um das Gotteshaus niederzubrennen, nahmen die SS-Männer von ihrem Vorhaben doch noch Abstand, um die anliegenden Häuser nicht zu gefährden.

Sechszackigen Davidstern

Zu diesem Zeitpunkt, 1938, hatten viele Dransfelder Juden Deutschland bereits verlassen, waren über Hamburg nach Brasilien oder in die USA geflüchtet. Diejenigen, die dageblieben waren, wurden in den 40er-Jahren zunächst per Lastwagen in das KZ-Außenlager Hannover-Ahlem gebracht, um anschließend nach Ausschwitz und Theresienstadt verfrachtet zu werden.

Sichtbare Zeugen der jüdischen Präsenz in Dransfeld sind zum einen die ehemalige Synagoge in der Gerlandstraße 7 und zum anderen der Friedhof südlich der Stadt im Wald am Rande des Dransberges gelegen. Die Synagoge wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet, und zwar im für Südniedersachsen damals typischen Baustil – ein deutlichen Zeichen jüdischer Assimilation.

Heute von der Tischlerei Steffen als Betriebsraum genutzt, lässt sich ihr ehemaliger Zweck immer noch deutlich anhand unterschiedlicher Merkmale erkennen. Unter anderem am sechszackigen Davidstern, der über dem Eingang unter dem Christusmonogramm (von 1951 bis 1975 nutzte die katholische Gemeinde das Gebäude als Kapelle) zu erkennen ist.

Ausschließlich hebräische Schriftzeichen

Darüber hinaus am faustgroßen Loch neben der Eingangstür, in dem eine kleine Schriftkapsel lag, die wichtige Texte der Tora (das jüdische Gesetzbuch) enthielt. Und schließlich, im Gebäudeinneren, an der hölzernen Frauenempore, der Wandmalereien sowie der Auslassung für den Toraschrein.

Das zweite Zeugnis stellt der Friedhof dar, der selbstverständlich nicht innerhalb Dransfelds gelegen ist – Gemeinden wiesen ihren jüdischen Bürgern stets ein Stück Land außerhalb der bebauten Fläche zur Errichtung ihres Friedhofs zu. Man erreicht die Begräbnisstätte über die Straße Im Kampe und einen Feldweg.

Charakteristisch ist die Kombination aus liegenden und stehenden Grabsteinen. Die liegenden – welche ausschließlich hebräische Schriftzeichen tragen – entsprechen alter jüdischer Tradition. Die stehenden – welche sowohl hebräisch als auch deutsch beschriftet sind und ab dem 19. Jahrhundert errichtet wurden – sind jüngeren Datums. Ihr Stehen ist Symbol zunehmender Anpassung an die Gebräuche der christlichen Mehrheitsbevölkerung.

Stolpersteine

Der Friedhof sollte nicht am Sabbat (also vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Einbruch der Dunkelheit am folgenden Sonnabend) und von Männern nur mit Kopfbedeckung betreten werden.

Mehrere Einrichtungen und Personen wahren das Andenken an das jüdische Leben der Stadt. Im vergangenen Jahr verlegte der Künstler Gunter Demnig mit Unterstützung des „Dransfelder Bürgerforums 9. November“ die ersten Stolpersteine auf dem Gehweg vor Häusern, in denen früher Juden wohnten. Weitere sollen im Herbst dieses Jahres und 2015 folgen.

Sehr aktiv ist auch Wilhelm Behrendt, der 1988 begann, mit Schülergruppen die bis dahin wenig bekannte Historie der Dransfelder Juden zu recherchieren. Der pensionierte Studiendirektor der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen ist Initiator der im Haus Hoher Hagen untergebrachten Projektwerkstatt Spurensuche, die Veranstaltungen durchführt und eine Möglichkeit zum intensiven Forschen bietet.

Bis heute hält der 70-Jährige engen Kontakt zum Nachfahren einer jüdischen Familie aus Dransfeld, die in den 30er-Jahren nach Sao Paulo floh.

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