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Göttingen Erben ohne Erben
Die Region Göttingen Erben ohne Erben
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00:24 28.02.2018
Bei manchen Todesfällen können Erben nicht gefunden werden. Dann bekommt der Staat den Nachlass. Quelle: Christoph Mischke
Göttingen/Hannover

Wenn niemand ein Erbe antreten will, sich kein Erbe ermitteln lässt oder der Verblichene sein Hab und Gut gezielt der Allgemeinheit vermacht, kommt der Staat zum Zuge. Genauer gesagt, das Land. Denn auch die sogenannten Staatserbschaften sind in Deutschland föderalistisch geregelt.

In Niedersachsen ist dafür das Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften (NLBL) zuständig. Südniedersachsen trägt nicht unerheblich zum staatlichen Erbgeschäft bei, sagt Holger Holl, Regierungsdirektor und Referatsleiter beim NLBL. Aus der Region habe der Staat im vergangenen Jahr insgesamt 184-mal geerbt, etwas häufiger als im Jahr davor. Damals hatte es 139 Erbschaften zugunsten der öffentlichen Hand gegeben, in den Jahren zuvor konstant zwischen 170 und 180. Nur in knapp zehn Prozent der Fälle, erklärt Holl, hat der Erblasser den Staat in voller Absicht direkt als Erbe bestimmt.

Bargeld unterm Teppich

Und die beinhalten nicht immer das mehr oder minder gepflegte Rentnerauto oder die Münz- oder Briefmarkensammlung. „Vor vielen Jahren“, erinnert sich Holl, „hatten wir eine Geschäftsbeteiligung in Ungarn geerbt, die wir zwischenzeitlich aber verkauft haben.“ Und im vergangenen Jahr trat das Land das Erbe einer älteren Frau, ebenfalls aus Südniedersachsen, an. „Dann bekamen wir Hinweise auf höhere Bargeldsummen in der Wohnung“, sagt Holl. „Da sind wir ausgerückt und haben die ganze Wohnung auseinandergenommen.“ Wie sich herausstellte, hatte die alte Dame ein Faible dafür entwickelt, ihr Geld nicht auf die Bank zu tragen, sondern es in Form von Barem vorwiegend unter den Wohnungsteppichen zu verstecken. „Nach kompletter Durchsuchung der Wohnung und des Kellers“, so Regierungsdirektor Holl, „konnten wir 18 169,85 Euro sicherstellen und davon Nachlassverbindlichkeiten bedienen.“

Gern erinnert man sich im Amt für Liegenschaften auch an die Yacht, die ein Südniedersachse dem Land hinterließ. Die Freude darüber schwand jedoch etwas, als man des in Griechenland vertäuten Schiffs ansichtig wurde: Der Kahn machte einen ziemlich vergammelten Eindruck – konnte aber dennoch zu Geld gemacht werden.

Das meiste, das dem niedersächsischen Fiskus vermacht wird, ist allerdings weniger schillernd. Heruntergefahrene Autos mit hohem Reparaturbedarf oder Immobilien mit einem sehr schlechten baulichen Zustand machen eine schnelle und ergiebige Vermarktung schwierig. In der Regel sind die Grundstücke mit Grundpfandrechten überschuldet, weiteres Nachlassvermögen gibt es häufig nicht, teilt das Landesamt mit.

Zweifel an Standsicherheit

So erbte das Land vor gut zehn Jahren ein Haus an der Oberweser. Schnell wurden Zweifel an der Standsicherheit des Gebäudes laut. Das Problem: Das Haus war noch von Mutter und Sohn bewohnt. Die Frau war nicht mehr hundertprozentig in der Lage, ihr Leben zu regeln, und der Sohn erwies sich als Alkoholiker. Die Aufgabe des NLBL: so schnell wie möglich Ersatzwohnraum zu beschaffen. Das geschah umgehend durch eine sehr effiziente Zusammenarbeit mit der betroffenen Gemeinde und ihrem Bürgermeister, erinnert sich Holl.

Überhaupt, sagt der Amtsleiter, müsse seine Abteilung bei solchen ähnlichen und unähnlichen ungewöhnlichen Fällen mit allen möglichen Behörden und Institutionen zusammenarbeiten, um akute Probleme zu lösen: „Bekommen wir Waffen und Munition, kommt die Polizei. Erben wir Kunstwerke, schalten wir meist Museen ein.“

Großzügiger Seeblick

Noch gibt es einen Haufen Arbeit. Noch etwa 3000 Erbfälle zugunsten des Staates muss das Landesamt zu Ende bringen. Neben dem Tagesgeschäft finden sich darunter auch wieder einige spannende Fälle: So bietet die Behörde derzeit „provisionsfrei“ eine 320-Quadratmeter große Wohnung an. Und zwar nicht irgendwo, sondern oberhalb des Hafens von Menaggio mit großzügigem Blick auf den Comer See in der Lombardei. Das Ganze mit fünf großzügigen Zimmern, Bad, Abstellraum, Flur, einer 45 Quadratmeter großen Wohnküche und einer großen Loggia mit Seeblick. Mindestens 230 000 Euro will die niedersächsische Behörde dafür haben. Wer will, kann auch die restlichen drei Geschosse des repräsentativen, aber sanierungsbedürftigen Gebäudes erwerben.

Bis ins Mark marode

Schwieriger dürfte der Verkauf einer bis ins Mark maroden Immobilie in Altenau im Harz werden. „Das seit mehreren Jahren unbeheizt und ungenutzt leer stehende und teilweise einsturzgefährdete Gebäude nebst Nebengelass ist großflächig vermüllt, vollständig abgängig und abrissreif“, heißt es im Internet-Angebot des Landes. „Als nicht abschließende Aufzählung können unter anderem ungehinderter Wassereintritt, vollständige Durchfeuchtung und Verrottung vieler Bereiche, Schimmelbefall, maroder Schornstein, eingefallene Decken und Gebäudeteile, eingesacktes und offenes Dach sowie die Einsturzgefahr und Gefährdung der Standsicherheit des gesamten Gebäudes festgestellt werden.“ Dafür ist der Bau in der Altenauer Hüttenstraße für nur 350 Euro zu haben.

Es sei aber gerade die Vielfalt der Aufgaben, an der sich die Mitarbeiter seines Amtes erfreuten, sagt Holl. Ihm und seinen Kollegen ist ein ganz und gar unbürokratischer Enthusiasmus eigen: „Wer hier mal angefangen hat“, erklärt der Regierungsdirektor, „will nicht mehr weg.“

Von Matthias Heinzel

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