Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen 100 Jahre Frauenwahlrecht in Göttingen
Die Region Göttingen 100 Jahre Frauenwahlrecht in Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 24.04.2018
100 Jahre Frauenwahlrecht in Göttingen: Alice Pfaffenrot referiert in der Roten Straße. Quelle: Eggers
Göttingen

Organisiert wurde der Rundgang von Christine Müller: „Ich finde es immer klasse, wenn es konkret wird: Wir wollten den lokalen Bezug und nachvollziehbar zeigen, welch unterschiedliche Frauen involviert waren.“ Müller ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen und organisiert seit 1994 die Aktionen zum Internationalen Frauentag.

1918: Erste Frauenversammlung im Kaisercafé

Begonnen wurde im Jahr 1918 beim ehemaligen Kaisercafé, heute das Bekleidungsgeschäft „S.Oliver“ in der Weender Straße. „Dort fand die erste Frauenversammlung in Göttingen, von der wir wissen, statt“, sagte Gille-Linne. Auf einem Hocker stehend sprach die Historikerin zu den vorrangig weiblichen Teilnehmern. Die Führung sei auch dafür da, die Streitigkeiten unter Frauen hervorzuheben: So sprach sich der Deutsch-Evangelischer Frauenbund Göttingen im Göttinger Tageblatt gegen das Wahlrecht für Frauen und Männer aus, welches 1918 im Zuge der Novemberrevolution eingeführt wurde. Ein Grund, so Gille-Linne, war die angebliche Ungebildetheit der Frauen. Deswegen wurden im Kaisercafé auch Schulungsveranstaltungen mit dem Thema „Lernet wählen“ angeboten.

Zehn Jahre später – 1928 – kamen die Teilnehmer im Papendiek an. „Ein vielfältiges Vereinsleben bildete sich: Viele Frauen waren in Vereinen und politisch aktiv. Aber es war auch ein Jahr, in dem die NSDAP erstarkte“, so Gille-Linne. „Wo jetzt das DHL-Auto steht, war früher im Papiendiek 26 die Altwarenhandlung von Netti Wagner, einer Jüdin aus Polen.“ Direkt nebenan in der Hausnummer 27 bildete sich eine Ortsgruppe der NSDAP: „die zweitgrößte in ganz Deutschland“, betonte Gille-Linne und reichte ein Schwarz-weiß-Bild des Papendieks von 1930 herum, der damals mit Hakenkreuz-Fahnen übersät war. Viele Göttinger Frauen engagierten sich aktiv in der Ortsgruppe, es gab aber auch welche, die sich der Partei nicht unterwarfen: „Die Göttingerinnen Hedwig Gehrke und Meta Kamp-Steinmann versteckten im Sommer und Herbst 1943/44 abwechselnd eine Jüdin bei sich Zuhause, sodass diese die NS-Zeit überlebte“, erzählte die Historikerin.

Wilhelmsplatz: Schauplatz wichtiger Ereignisse

Weiter ging es zum Wilhelmsplatz. Dieser war Schauplatz zweier wichtiger Ereignisse: 1948 verfasste die ehemalige Göttinger Jura-Studentin und Mitglied des Parlamentarischen Rats, Elisabeth Selbert (SPD), erstmals den Verfassungs-Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, der bis heute gilt. 1958 startete die ehemalige Pädagogikstudentin der Uni Göttingen, Elisabeth Heimple, mit einem Brief an Physiker Werner Heisenberg eine Anti-Atomwaffen-Kampagne, wie Gille-Linne erzählte.

„In der Roten Straße bildete sich 1973 das erste Frauenzentrum Göttingens, welches 1974 offiziell eröffnet wurde“, so Kulturwissenschaftlerin Pfaffenrot, die sich mit Gille-Linne beim Referieren abwechselte. Teilweise waren schon vorher Privatwohnungen für Versammlungen und Teach-Ins genutzt worden. Themen waren unter anderem die Pille und der Paragraph 218, der Abtreibungen verbot. Ein weiteres Zentrum der Frauenbewegung war der Laura-Buchladen in der Burgstraße, der heute noch existiert. Gegründet wurde dieser 1977 von sechs Göttinger Studentinnen: „Der Laden war in einer Zeit ohne Internet Kontakt und Informationsstelle“, sagte Pfaffenrot. Ebenfalls von Studentinnen gegründet wurde 1988 der Frauen Notruf in der Kurzen-Geismar-Straße.

Paragraph 218 noch heute aktuell

Der Rundgang endete vor dem Alten Rathaus: „Wir haben seit 2005 eine Bundeskanzlerin und 2011 wurde Ulrike Beisiegel die erste Präsidentin der Göttinger Uni. Man könnte fast meinen, Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, sagte Gille-Linne zum Schluss. Dennoch gäbe es viele Bereiche, wo das nicht der Fall sei: „Es gibt Themen, die bis heute aktuell sind, wie der Paragraph 218, und welche, die noch an Wichtigkeit gewinnen.“

Von Madita Eggers

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Rund 350 Studierende aus den Hausprojekten Rote Straße sowie weiteren Mieter-Initiativen sind am Sonnabend auf die Straße gegangen, um für die Erhaltung der Hausprojekte sowie eine sozialere Wohnungspolitik in Göttingen zu demonstrieren.

22.04.2018
Göttingen Record Store Day 2018 in Göttingen - Ein Tag für Vinyl-Liebhaber

Lars Ruber hat es geschafft: Er hat im Vinyl Reservat in der Roten Straße ein Exemplar der Platte „Computerstaat“ von Abwärts bekommen. Eine der exklusiven Veröffentlichungen am Record Store Day, die es in Deutschland nur 500-mal gibt. Den Record Store Day gibt es bereits seit 2007.

24.04.2018
Göttingen Premiere beim Göttinger Theaterprojekt - Boat People Projekt im Schwimmbad

Bauch einziehen, Brust raus, ein bisschen promenieren und angeben: So beginnen sie meist die Begegnungen im Schwimmbad. Das junge Boat People Projekt hat zusammen mit der Autorin und Regisseurin Luise Rist zum Thema Annäherung im Alltag das Theaterstück „Eiswiese. Girl meets Boy“ gemacht. Am Freitagabend hatte es Premiere.

21.04.2018