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Göttingen Steinzeitrelikte am Göttinger Stadtrand
Die Region Göttingen Steinzeitrelikte am Göttinger Stadtrand
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00:33 20.05.2018
Auf der Ausgrabungsfläche hinter dem Gothaer Haus: Stadtarchäologin Betty Arndt (Mitte) mit Grabungsleiter Eberhardt Kettlitz (links) und Grabungstechnikerin Franziska Klose. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Sie sind ganz unscheinbar: kleine dunkle Steinscherben mit scharfen Kanten. Für den Archäologen Eberhardt Kettlitz von der Firma Goldschmidt Archäologie & Denkmalpflege aus Düren ist dennoch klar, dass diese Feuersteine einst als Schneidwerkzeuge dienten, mit denen zum Beispiel Fell von erlegten Tieren abgezogen wurde. Diese Steine gibt es in dieser Region gar nicht – „und das spricht für frühe Handelsbeziehungen mit anderen“, ergänzt Göttingens Stadtarchäologin Betty Arndt.

Eberhardt Kettlitz zeigt überraschende Funde aus der Zeit um 5300 vor Christi: einen Feuerstein und eine Keramikscheibe. Quelle: Peter Heller

In einer Grube hinter dem Gothaer Haus an der Ecke Weender Straße / Jüdenstraße haben Kettlitz und sein Grabungsteam die Feuersteine gefunden. Daneben eine steinerne Getreidemühle mit Schiebemechanismus und Keramikscherben. Scherben mit grober Struktur und einfachen Ritzmotiven, die der Mitte der Linienbandkeramik zuzuordnen seien – also etwa 5300 vor Christus.

Solche Funde habe es in Göttingen zwar auch schon in Grone auf dem Gelände des heutigen „Kauf Parks“, der neuen Uni-Bibliothek und am Wilhelmsplatz gegeben, „überrascht hat es uns trotzdem“, sagt Arndt. Auch, weil es bisher kaum Grabungen und Funde am Nordausgang der Innenstadt gab.

Ebenso überraschend: Eine klar abgesetzte dunkle Bodenschicht in gut einem Meter Tiefe mit deutlich erkennbarer geometrischer Form. Die Archäologen sind sich fast sicher, dass es die Umrisse eines Grubenhauses sind, das in den Boden nach unten gebaut wurde und nicht in die Höhe. Solche Häuser dienten meistens als eine Art Werkstatt. Weitere Keramikscherben (unter anderem eine Ofenkachel) lassen darauf schließen, dass das Haus im 12. bis 13. Jahrhundert als Hofgebäude an der Jüdenstraße gestanden hat. Es stammt also „aus der frühen Zeit der Göttinger Stadtentwicklung“, erklärt Arndt. So etwas zu finden „ist schon schön“.

Kalksteine auf dem Areal hinter dem Gothaer haus (Hintergrund) könnten als Stempeldundamente für Haus-Eckpfosten gedient haben. Quelle: Peter Heller

Noch unklar ist, welche Bedeutung freigelegte, eng beieinander liegende Kalksteine haben. Kettlitz vermutet, dass sie als Stempelfundamente für Gebäudeeckpfosten dienten.

Die dritte Überraschung ist eine negative: Eigentlich hatte Arndt gehofft, auf dem etwa 40 mal 100 Meter großen Gelände im hinteren Bereich Reste der einstigen inneren Stadtmauer Göttingens zu finden. Ihr Verlauf in anderen Bereichen hatte darauf schließen lassen. Ergebnis: nichts.

Dass allerdings überhaupt an dieser Stelle noch gegraben und nach zeitgeschichtlichem Material gesucht werden kann, ist ein Glück. Fast der gesamte Bereich sei in den vergangenen 50 Jahren neu bebaut und der Untergrund durch tiefe Baugruben zerstört worden – früher ohne archäologische Begleitung. Das gelte auch für das alte Gothaer Haus inklusive Tiefgarage, das jetzt abgerissen werden soll, so Arndt. Nur eine alte Parkplatzfläche an der Jüdenstraße hinter dem massigen Gebäude sei im Untergrund noch weitgehend intakt. Und dort kann unter Aufsicht der Stadtarchäologie noch etwa drei Wochen gegraben werden – auf Kosten des Investors. Dazu ist er gesetzlich verpflichtet.

Das Gothaer Haus

Das sogenannte „Gothaer Haus“ an der Weender Straße 80 gehört seit Anfang 2016 nach mehreren Eigentümerwechseln der Düsseldorfer Projektentwicklungsgesellschaft Development Partner AG. Sie will das inzwischen leer geräumte Objekt abreißen. Geplant ist auf dem 3200 Quadratmeter großen Gelände ein Ensemble aus mehreren verbundenen Gebäuden mit bis zu drei Geschossen und Satteldach. Darin solle es auf zwei Geschossen Gewerbe und darüber hinaus Wohnungen unterschiedlicher Größe geben. Politisch umstritten ist, wie dicht das neue Objekt an die Weender Straße heran gebaut werden darf.

Auch wenn es bisher keine spektakulären Funde gibt, ist das Projekt ein Gewinn, sagt Arndt. Mit diesen und anderen Puzzelsteinchen aus anderen Grabungen lasse sich die Siedlungsentwicklung Göttingens immer weiter rekonstruieren: „So wissen wir immer mehr, wann was in der Stadt passiert ist und wie die Menschen hier gelebt haben.“

Von Ulrich Schubert

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