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Göttingen „Storchenfahrt“: Denkwürdiger Ausflug
Die Region Göttingen „Storchenfahrt“: Denkwürdiger Ausflug
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19:27 02.12.2009
„Storchenfahrt“: unfreiwillige Flug über Göttingen. Quelle: EF
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Storch nämlich hieß der Soldat, der an diesem Tag helfen sollte, dass der Freiballon des Vereins für Luftschifffahrt ordnungsgemäß abheben sollte. Der Verein, der sich der Pflege und Förderung der Luftschifffahrt, insbesondere durch Ballonfahrten zu wissenschaftlichen und sportlichen Zwecken verschrieben hatte, besaß zwar einen eigenen Ballon mit dem Namen „Segler“, aber auch einen nur mäßig geeigneten Aufstiegplatz in unmittelbarer Nähe der Gasanstalt unweit des heutigen Iduna-Zentrums. Ungeeignet deshalb, weil der Platz nicht sehr groß war. Der Ballon musste daher besonders bei windigem Wetter mit besonderer Vorsicht in die Lüfte entlassen werden, um nicht an benachbarte Dächer oder Schornsteine zu stoßen.

Und das war an diesem Tag besonders schwierig. Das Wetter war stürmisch, die Haltemannschaft hatte alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass der vom Wind hin und her gezerrte Ballon sich nicht vorzeitig losriss. In der Hektik achtete der Soldat Storch nicht auf das Ende eines der Haltetaue zu seinen Füßen. Als sich der Ballon auf das Kommando „Los!“ in die Lüfte erhob, wurde Storch, als Musketier des 82-er kurhessischen Regiments unterster Dienstgrad in der kaiserlichen Armee, mit emporgerissen, weil sich das Tauende um eines seiner Beine geschlungen hatte.

Entsetzt beobachteten die Zuschauer, wie der mit Rücksicht auf den starken Wind sehr leicht austarierte Ballon anfangs enorm schnell in die Höhe schoss, dann aber durch das nicht einberechnete Gewicht des unfreiwilligen Passagiers wieder nach unten auf die Dächer zu stürzen drohte. Der Ballonführer erkannte die Gefahr und gab reichlich Ballast ab. Der Ballon stieg wieder und erreichte rasch größere Höhen, in denen der Wind noch stärker blies.

Rasante Fahrt

Mit Storch, der etwa zehn Meter unter dem Korb hing, zog es den Ballon in rasender Fahrt in Richtung Nikolausberg und die umliegenden Berge. Hier hätte eine Landung verhängnisvoll geendet nicht nur für die mitfahrenden im Korb, sondern vor allem für den Mann am Seil.

Die vier regulären Ballonfahrer schafften es nicht, den Musketier in den Korb zu ziehen. Unter Aufbietung alle Kräfte schaffte es Storch nunmehr, das mittlerweile heruntergelassene, 100 Meter lange Schleppseil des Ballons zu ergreifen und sich daran festzuhalten, um sich daran herunterzulassen und bei passender Gelegenheit abzuspringen.

Das aber ging zunächst nicht, weil die Schlinge um das Bein des Soldaten so fest saß, dass sie sich nicht lösen ließ. Aber wenigstens musste der Soldat die Fahrt jetzt wenigstens nicht mehr kopfüber erleiden. Nach gegenseitiger Absprache in luftiger Höhe wurde beschlossen, das Halteseil zu kappen. Nun konnte Storch am Schleppseil langsam etwa 50 Meter nach unten gleiten.

Sprung aus mehreren Metern

Erst hinter einem Wäldchen bei Reyershausen fand der unfreiwillige Ballonfahrer einen geeigneten Platz zur Beendigung der Reise. Der Ballonführer zog kräftig am Ventil, der Ballon sank in die Tiefe. Schließlich sprang Storch ab – immer noch aus mehreren Metern Höhe. Er landete auf einem Sturzacker . Auf einem frisch gepflügten allerdings, so dass der Musketier weich aufschlug und keinen ernstlichen Schaden nahm. Kurze Zeit später landete der Ballon bei Suterode nahe Katlenburg.

Die von damaligen Berichterstattern angegebene Flugzeit von nur acht Minuten für eine Strecke von 15 Kilometern ist höchstwahrscheinlich zu niedrig geschätzt. Dafür nämlich hätte der Ballon eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 112 Stundenkilometern, fast die Geschwindigkeit eines Orkans, erreichen müssen. Die im Fahrtbericht angegebene Windgeschwindigkeit von 20 Metern pro Sekunde war dennoch mehr als genug: Demnach blies der Wind mit einer Geschwindigkeit von 72 Kilometern pro Stunde.

Der Mut des Musketiers Storch, der in luftiger Höhe auch bei diesem veritablen Sturm in luftiger Höhe seine Nerven nicht verlor, wurde denn auch belohnt: Im Anschluss an seine unfreiwillige Ballonfahrt wurde er in besonderer Anerkennung seiner Unerschrockenheit umgehend zum Gefreiten befördert. Im Volksmund und in Zeitungsberichten hieß seine Ballonfahrt bald durchgängig „Storchenfahrt“.

Von Matthias Heinzel

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