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Göttingen Strecke sang- und klanglos eröffnet
Die Region Göttingen Strecke sang- und klanglos eröffnet
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17:59 24.01.2010
Am Ortsrand gelegen: der Bahnhof Adelebsen in den 1950er Jahren. Quelle: EF

Verkehrspolitisch fühlte sich um 1867 herum die Menschen im Flecken Adelebsen, zwischen dem Königreich Hannover und dem Kurfürstentum Hessen gelegen, im Abseits. Unterstützt von der Handelskammer Göttingen unternahm der Magistrat mehrere Vorstöße, mit einer Bahnverbindung Anschluss an die Region zu erreichen, schreiben die vier Autoren des Buches „Eisenbahn Göttingen-Bodenfelde“ von 1989.
Einer der Bahnforscher ist Gustav Meier, Medienpädagoge im Ruhestand. Von seinem Leben in Nachbarschaft des Lenglerner Bahnhofes einmal abgesehen, kam er in den 80er Jahren im Zuge eines Filmprojektes mit Studenten mit dem Thema in Berührung. Aus Anlass des 100. Geburtstages der Strecke hat der 71-Jährige historische Bahnbilder für einen Kalender zusammengestellt, den die Lenglernerin Renate Gerland für das Jahr 2010 herausgegeben hat.
Fast vier Jahrzehnte lang waren die Initiativen für den Anschluss ans Schienennetz erfolglos. Bahn und Staat verweigerten den Streckenbau zumeist aus finanziellen Erwägungen. Dabei hatten die Adelebser gute Argumente: Neben dem Anschluss an Göttingen sollte die damalige Kreisstadt Uslar näher rücken. Wirtschaftsgüter wie Mergel aus Lenglern, Basalt und Holz aus dem Solling sowie Sandstein aus Adelebsen hätten in die westdeutschen Industriereviere transportiert werden können. Das Jahr 1900 brachte die Wende: Der „Minister für öffentliche Arbeiten der Königlichen Eisenbahndirection Cassel“ prüfte die Planung wohlwollend. 1904 segnete sie der preußische Landtag ab. 1906 verfügte der preußische König den Bau. Noch einmal zwei Jahre später rückten Baukolonnen in Bodenfelde an.
Natürlich waren nicht alle Bewohner der Region begeistert über das Einrollen der Bahn. Ein Bauer, dessen Scheune der Streckenführung im Wege stand, kommentierte das Vorhaben: „Na, wenn‘s denn nicht anders geht, dann baut sie meinetwegen. Aber wenn ihr euch einbildet, dass ich mich da jedesmal hinstelle und die Scheunentore aufmache, wenn euer Zug kommt, dann habt ihr euch ganz bannig geschnitten.“
Schon der Streckenbau brachte den Dörfern bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung. Teils schlossen sich Bewohner den Bautrupps an. Andere vermieteten Zimmer an Arbeiter aus Schlesien, Polen oder Böhmen. Noch heute heißt es in Lippoldsberg oder Lenglern, dass mit dem Ausbau des Schienennetzes eine Frucht aus südlichen Gefilden Südniedersachsen erreichte: Italienische Arbeiter machten die Region mit der Tomate bekannt.
Am 15. August 1910 startete um 4.39 Uhr der erste Zug in Göttingen. Die Strecke war „sang- und klanglos“ eröffnet worden, schrieb die Göttinger Zeitung. Die Lok, eine T 9³, kam aus den Henschel-Werken in Kassel. Die Zeit der Postkutschenromantik war vorbei, Wirtschaftsunternehmen lebten auf. Den Landbewohnern eröffneten sich neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kinder konnten die Schulen in Göttingen besser erreichen, Landwirte ihre Waren in die Stadt transportieren, Kliniken, Ärzte und Rechtsanwälte rückten in erreichbare Nähe. Kinobesuche, sagt Meier, „waren große Erlebnisse“. Für die Recherchen zum Buch befragten die Autoren – außer Meier Gerd Busse, Harald Henne und Klaus-Peter Lorenz – viele Zeitzeugen. Auch in umgekehrter Richtung brachten die Züge Vorteile. Göttinger erschlossen sich Solling und Weser als Ausflugsziele. „Die Oberweserdampfschifffahrtsgesellschaft richtete ihre Fahrpläne nach den Lokanschlüssen aus“, erzählt Meier.
Im Verlauf von 100 Jahren ist an der Bahnstrecke Regionalgeschichte ablesbar. Die Strecke veränderte das Leben der Menschen und wandelte selbst mehrfach ihre Bestimmung: In zwei Weltkriegen wurden auf den Zügen Soldaten, Flüchtlinge und Verfolgte des Nazi-Regimes transportiert. Die Munitionsanlage Lenglern verließen Bomben und Granaten auf dem Schienenweg. Die Bahnhöfe wurden Kulisse in Filmproduktionen. Als in den 1960er Jahren Autos und Lastwagen den Zügen zunehmend Konkurrenz machten, gingen die Fahrgast- und Güterzahlen zurück, einige Bahnhöfe verschwanden oder wurden schlichte Haltepunkte.
1988 wurde die Bahnstation Lenglern aus dem Fahrplan gestrichen – zum Bedauern vieler Pendler und Dorfbewohner. Rückgängig gemacht wurde dies im Dezember 2005 – mit der Einrichtung eines neuen Haltepunktes, von dem aus alle 20 Minuten Züge in beide Richtungen abgehen. „In neun Minuten ist man in Göttingen“, sagt Meier. Für ihn selbst geht die Bahnforschung weiter: Im Jubiläumsjahr will er sowohl eine Mitte der 1980er Jahre gezeigte Ausstellung als auch das im Verlag Kenning erschienene Buch „Eisenbahn Göttingen-Bodenfelde“ überarbeiten. Dafür sucht er noch Material – Anekdoten und Fotos aus der 100-jährigen Bahngeschichte.

Von Katharina Klocke

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