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Göttingen Gefangenenlager auch in südniedersächsischen Wäldern
Die Region Göttingen Gefangenenlager auch in südniedersächsischen Wäldern
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15:25 14.04.2018
Französische Kriegsgefangene vor einer Baracke des Lagers „Donnershagen“, Forstamt Knobben im Solling, vermutlich 1943 Quelle: Stadtarchiv Uslar, Sammlung Schreckenbach
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Göttingen

Für seine Untersuchung habe er 40 Forstbetriebe im Solling, im westlichen Harz und im Bramwald bei Göttingen ausgewertet, sagte Steinsiek. Zusammen unterhielten sie 67 Gefangenenlager und Arbeitskommandos mit durchschnittlich jeweils 20 Zwangsarbeitern. Darunter befanden sich nach Steinsieks Recherchen zeitweilig auch Frauen und Kinder. Der Bedarf sei mit zunehmender Kriegsdauer permanent angestiegen, weil der einheimische Waldarbeiterstamm kriegsbedingt geschrumpft und zugleich die Nachfrage nach Holz stetig gewachsen sei. So ging es in der alltäglichen Arbeit um eine „Leistungssteigerung“ mit allen verfügbaren Kräften, erklärte Steinsiek am Mittwoch.

Wie viele Menschen insgesamt zu der schweren Arbeit in den Wäldern gezwungen waren, lasse sich heute nicht mehr feststellen, sagte der Historiker. Die Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter stammten aus der Sowjetunion und fast allen besetzen Ländern Europas. Jüdische Gefangene seien dabei besonders schlecht behandelt worden. Er habe Berichte über Misshandlungen und Erschießungen gefunden, so der Historiker.

Waldarbeit für die Rüstungsindustrie

Die zusätzlichen Arbeiter seien für die Kriegsrüstung unverzichtbar gewesen, erläuterte Steinsiek. In der Kriegswirtschaft sei Holz zu einem wertvollen Rohstoff geworden, gleichbedeutend mit Kohle und Eisen. Holz sei unter anderem für den Bau von Unterkünften und Eisenbahnschwellen benötigt worden. In den späteren Kriegsjahren sei zudem Holz immer häufiger als Ersatz für Aluminium im Flugzeugbau genutzt worden.

Die Landtagspräsidentin Gabriele Andretta, eine Mitinitiatorin der Studie, sagte: „Die Zwangsarbeit im Wald war ein bislang vernachlässigter Aspekt in der Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus. Ich bin den Landesforsten sehr dankbar, dass sie sich der gemeinsamen Verantwortung für unsere Geschichte stellen.“ Die Studie könne nachfolgenden Generationen als Gedächtnis dienen. Zeitzeugen würden immer rarer, daher sei es umso wertvoller, dass das Buch deren Aussagen für die Nachwelt sichere.

Neue Quellen erschlossen

Der Präsidenten der Niedersächsischen Landesforsten Klaus Merker betonte während der Vorstellung: „Die Landesforsten kommen mit der Studie ihrer Verantwortung als heutiger Flächeneigentümer nach.“ Steinsieks akribischen Recherche sei es zu verdanken, dass die Landesforsten dieses schreckliche Kapitel nun so aufarbeiten könnten. Der Wissenschaftler habe zahlreiche neue Quellen ausgewertet und Zeitzeugen zu den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter befragt. Auch Merker richtete seinen Blick auf künftige Generationen: „Die Studie soll Mahnung für die Zukunft sein, dergleichen nie wieder geschehen zu lassen, und sie soll den von Verschleppung, Entrechtung und Demütigung Betroffenen ein Andenken bewahren.“

Zum Nachlesen

Die Ergebnisse der Studie können in gedruckter Form nachgelesen werden:

Peter-Michael Steinsiek

Zwangsarbeit in den staatlichen Forsten des heutigen Landes Niedersachsen 1939-1945

untersucht besonders an Forstämtern des Sollings und des Harzes

254 Seiten, zahlr., teils farbige Abb., geb. Format 17 x 24 cm

€ 27,95

ISBN 978-3-89876-902-0

Husum Verlag

Von Markus Scharf mit epd

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