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Göttingen Stundenkonto statt Stechuhr: Dienste flexibler als damals
Die Region Göttingen Stundenkonto statt Stechuhr: Dienste flexibler als damals
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13:22 20.10.2011
Arbeit, bis der Auftrag erledigt ist: Mark (links) und Rolf Günther sind Malermeister in dritter und vierter Generation in Rosdorf. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Noch Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ist für einen unbefristet Vollzeitbeschäftigten eine Arbeit von Montag bis Freitag normal gewesen. Bei einem Acht-Stunden-Tag habe es meist einen geregelten Beginn und Feierabend gegeben, so Volker Wittke, Professor für Soziologie (Schwerpunkt „Soziologie der Arbeit und des Wissens“) an der Universität Göttingen. Das war verlässlich. Dann kam die Deregulierung etwa im Handel – einhergehend mit der Entwicklung des Ladenschlussgesetzes. Die Folge: die Zeiten, in denen gearbeitet wird, hätten sich „extrem ausgedehnt“, schildert Wittke. Die 40 Arbeitsstunden pro Woche würden sich heute auf „alle möglichen Varianten“ verteilen. Und viele Menschen würden davon profitieren, so Wittke, weil sich Spielräume böten, die es früher nicht gab.

Die Möglichkeiten der Arbeitszeitflexibilisierung – werktags darf laut Gesetzgeber acht bis zehn Stunden gearbeitet werden – werden von den Unternehmen genutzt. Allerdings oft unter Berücksichtigung der Tarifverträge, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen, Sabine Heuer. „Die Gewerkschaften waren über die Tarifautonomie seit den 50er Jahren stark daran beteiligt, die Arbeitszeit zu reduzieren“, erinnert Heuer.

„Vertrauensarbeitszeit“ nennt es Wittke, was heute im Bereich der qualifizierten und hochqualifizierten Beschäftigung üblich sei. „Die Unternehmen sagen gar nicht mehr, wann der Mitarbeiter zu kommen und zu gehen hat“, erläutert der Soziologieprofessor. Stechuhr oder andere aufwendige Mittel der Arbeitszeiterfassung seien nicht gewollt. Die Leistung werde vielmehr über das Resultat erfasst. Am auffälligsten sei das zum Beispiel bei Projektarbeit. Die gewinne immer mehr an Bedeutung, führt Wittke aus. „Es ist klar, wann das Projekt fertig sein muss. Dabei ist es irrelevant, was über die Arbeitszeit im Vertrag steht.“ Vor allem in der Forschung und Entwicklung würden die Beschäftigten deutlich mehr als 40 Stunden arbeiten.

Wittke nennt auch die Kehrseite der Medaille. Zwar habe der Arbeitnehmer heute „Spielräume, die es vorher nicht gab“, aber gehe man etwa einmal früher nach Hause, befalle einem mitunter das „schlechte Gewissen“. Und das Leben außerhalb der Arbeitszeit lasse sich nur noch schwer planen.

Soweit die Theorie. Wie haben sich in der Praxis die Arbeitszeiten gegenüber früher verändert? Dietmar Bode hat bei Sartorius 1971 Feinmechaniker gelernt und ist dem Göttinger Unternehmen treu geblieben. Heute ist er 56 Jahre alt und als Montagemeister (seit 1989) zuständig für die Analyse- und Mikrowaagen-Produktion.

„Früher gab es feste Arbeitszeiten von 7 bis 16.45 Uhr“, erinnert er sich, „40 Stunden pro Woche“. Heute sind es 38 Stunden, und er könne seinen Dienst irgendwann zwischen 6 und 10 Uhr antreten. Meist sei er um 6.45 Uhr am Arbeitsplatz. Solch ein Stundenkonto sei schon praktisch, wenn man einmal eine Stunde eher gehen wolle. „Das ist auf jeden Fall angenehmer als früher“, meint Bode.

Verändert habe sich seit seiner Lehre nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Arbeit selbst. „Früher war mehr Mechanik. Da haben wir 1000 Schrauben in ein Gerät gedreht“, heute seien es noch 50, weil viele Teile bereits maschinell vorgefertigt seien.

Nur wenig verändert haben sich die Aufgaben, die Ingrid Walter aus Groß Schneen seit fast 45 Jahren im Berufsleben erledigt. 1966 lernte sie Einzelhandelskauffrau beim damaligen Göttinger Modehaus Diekmann, aus dem nach Insolvenz der Firma Otto Werner vor etwa zehn Jahren der Modemarkt wurde. Die 59-jährige Mitgesellschafterin der 2005 von ehemaligen Angestellten gegründeten GöMo Bekleidungsgesellschaft sagt: „Mir macht meine Arbeit so viel Spaß, dass ich mir Ruhestand gar nicht vorstellen kann.“ Sie arbeite 130 Stunden pro Monat – entsprechend der heutigen Öffnungszeiten werktags von 9.30 bis 19 Uhr und sonnabends bis 18 Uhr. Zwei Tage pro Woche sowie alle sechs Wochen einen Sonnabend habe sie frei.

Öffnungszeiten im Handel bis Mitternacht hält Walter nicht für gut, denn die Umsätze würden sich ja nur verlagern. Dennoch habe sie, als der Modemarkt im Jahr 2000 probeweise bis 21 Uhr geöffnet hatte, auch schon abends gearbeitet.

In vierter Generation führt Malermeister Mark Günther heute den Rosdorfer Malerbetrieb, in dem Senior Rolf immer noch mitarbeitet. Der 66-Jährige erinnert sich noch genau an die Arbeitszeiten, als er in Göttingen Schriftenmaler lernte – montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr und sonnabends bis 13 oder 14 Uhr. Damals habe er noch Schriftzüge für Autos oder Messestände „nur mit dem Pinsel von Hand gemalt“, erinnert er sich und ergänzt: „Das macht heute keiner mehr.“ 1962 beendete Rolf Günther die Lehre und arbeitete fortan bei seinem Vater im Betrieb mit. Viele Aufträge seien aus dem ländlichen Bereich gekommen, es folgte eine „Neubauphase“ und in den 70er/80er Jahren zahlreiche Arbeiten im Ladenbau.

„Von der 45-Stunden-Woche ging es dann ja auf die 40-Stunden-Woche runter“, blickt er zurück. „Die tatsächliche Arbeitszeit war aber auch schon mal länger, etwa bis 18 oder 19 Uhr.“ 1979 habe er vom Vater das Geschäft übernommen. Als Geschäftsführer müsse man „auch mal bis 22 Uhr arbeiten“, sagt der Senior und Sohn Mark, heute in der selben Position, stimmt zu.

„Als Chef im eigenen Betrieb gibt es keine geregelten Arbeitszeiten“, betont der 40-Jährige. Er sei morgens meist „kurz vor 6 im Büro“ und komme abends oft erst zwischen 20 und 22 Uhr raus. Das sei aber auch immer an die „Bedarfslage angepasst“. Grundsätzlich müsse man im Malerhandwerk flexibel sein, erklärt der Junior. Denn der Betrieb müsse schnell auf Kundenwünsche reagieren. Die heutigen Arbeitszeitkonten böten flexiblere Möglichkeiten, vor allem, wenn es für einen Maler im Winter vielleicht nicht mehr so viele Außenaufträge und damit Arbeit gebe.

Firmenchef Mark Günther weist auch auf einen gesellschaftlichen Aspekt hin. So sei heute der Bedarf an Freizeitgestaltung mit Freunden und Familie viel höher als früher. Und die Arbeitsabläufe hätten sich gewandelt. Senior Rolf nennt Beispiele. Er habe die Rechnungen noch „mit der Schreibmaschine“ geschrieben, was gegenüber der selben Tätigkeit durch Junior Mark am Computer viel „zeitaufwendiger“ gewesen sei. Angebote seien früher per Post zum Kunden gegangen, heute gebe es Fax und E-Mail.

Und wenn Meister Rolf seinerzeit auswärts Aufträge hatte, war er für seine Mitarbeiter oft erst abends in der Unterkunft wieder erreichbar. Mark Günther, der 1991 in Göttingen seine Lehre beendete, 1996 die Meisterprüfung ablegte und seit 1998 den Rosdorfer Malerbetrieb leitet, ist dagegen schnell über das Mobiltelefon erreichbar.

Daten und Fakten

Die Wochenarbeitszeit in Deutschland ist im historischen Trend deutlich rückläufig: 1825 wurde noch 82 Stunden gearbeitet, 1932 waren es 42 Stunden, 1941 gab es einen kriegsbedingten Anstieg auf 50 Stunden, 1967 wurde in der Metallindustrie die 40-Stunden-Woche eingeführt, 1995 dann die 35-Stunden-Woche. In vielen Bereichen steigt die Wochenarbeitszeit seit Mitte der 90er Jahre wieder an. Eine EU-Richtlinie beschränkt mit Ausnahmen die Wochenarbeitszeit in den Mitgliedsstaaten auf 48 Stunden.
Die tatsächlichen Arbeitszeiten in Deutschland entsprächen dem EU-Durchschnitt, heißt es in einem Report des Institut Arbeit und Technik des Kompetenzzentrums der Hochschule Bochum und Fachhochschule Gelsenkirchen. Und sie lägen im Schnitt rund zweieinhalb Stunden über Tarifniveau.
Dass normale Arbeitszeiten in Deutschland nicht der Regelfall sind, zeigen Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Gut 45 Prozent der Beschäftigten arbeiten sonnabends zumindest hin und wieder. „Fünf Arbeitstage pro Woche sind heute die Regel, aber die freien Tage fallen nicht mehr automatisch aufs Wochenende,“ sagt Alexander Herzog-Stein vom WSI.
Laut Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2010 arbeiteten von insgesamt 38,938 Millionen Erwerbstätigen 18,251 Millionen sonnabends, 11,017 Millionen an Sonn- und Feiertagen, 17,881 Millionen leisten Abendarbeit, 5,720 Millionen Nachtarbeit und 5,922 Wechselschicht.
In Niedersachsen leisteten im Jahr 2000, so Daten des Statistischen Landesamtes, 3,5254 Millionen Erwerbstätige 4296,6 Millionen Stunden, in Stadt und Landkreis Göttingen waren es 125 000 Personen, die 155,9 Millionen Stunden arbeiteten.

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