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Göttingen TU Clausthal durfte Doktortitel entziehen
Die Region Göttingen TU Clausthal durfte Doktortitel entziehen
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00:20 16.06.2018
Quelle: dpa
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Göttingen

Klaus Goehrmann hat viel erreicht in seinem Leben. Der 79-jährige promovierte Betriebswirt war unter anderem fast zwei Jahrzehnte lang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG. Der langjährige Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen und hält diverse Aufsichtsratsmandate und Ehrenämter. Mit einem Titel darf sich Goehrmann allerdings nicht mehr schmücken: Das Verwaltungsgericht Braunschweig hat jetzt entschieden, dass ihm die Fakultät für Mathematik/Informatik und Maschinenbau der Technischen Universität Clausthal zu Recht den Doktortitel entzogen hat.

Die Fakultät hatte Goehrmann, der seit 2003 im Ruhestand ist, 2010 den Titel „Dr.-Ing.“ verliehen. Ende 2012 zeigte der Plagiatsfahnder Martin Heidingsfelder, der schon an der Aufdeckung der Plagiatsaffäre um die Dissertation von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt gewesen war, bei der TU Clausthal einen weiteren Verdacht an: Große Teile von Goehrmanns Dissertation beruhten auf einem Forschungsbericht, den Wissenschaftler und Techniker des Laserzentrums Hannover (LZH) erarbeitet hätten. Goehrmann habe dies in seiner Arbeit mit dem Titel „Beitrag zum technologisch-wirtschaftlichen Vergleich des gepulsten zum kontinuierlichen Laserstrahlschweißen“ verschwiegen. Nachdem die universitätsinterne Prüfung den Verdacht bestätigt hatte, entzog ihm der Fakultätsrat den Titel.

Goehrmann lehnt Vergleich ab

Der umtriebige Ruheständler wollte dies nicht hinnehmen und zog vor Gericht. In einem ersten Verhandlungstermin im Jahr 2015 wies das Verwaltungsgericht darauf hin, dass die Voraussetzungen für die Entziehung des Doktorgrades wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens vorlägen. Allerdings habe die Universität möglicherweise ihr Ermessen bezüglich des Vorwurfs der Täuschung nicht ordnungsgemäß ausgeübt. Das Gericht schlug daher einen Vergleich vor: Dieser beinhaltete, dass Goehrmann den Entzug des Doktortitels anerkennt, während die TU erklärt, dass sie am Vorwurf der Täuschung nicht festhält. Goehrmann widerrief dann allerdings den Vergleich, so dass es zu einem neuen Verfahren kam.

Der 79-Jährige hatte zu der Verhandlung drei Anwälte aufgeboten. Er räumte ein, dass der technische Teil der Arbeit vom Laserzentrum Hannover stamme und er an den Experimenten nicht beteiligt gewesen sei: „Das kann ich auch gar nicht, ich darf nicht schweißen.“ Es sei aber mit dem Zweitgutachter Professor Heinz Haferkamp abgesprochen gewesen, dass er die Unterlagen verwenden könne.

Haferkamp war einer der Gründer des Laserzentrums und saß dort bis 2010 im Vorstand. Der heute 85 Jahre alte emeritierte Professor für Werkstoffkunde an der Uni Hannover und der Spät-Doktorand waren damals eng miteinander verbunden. Haferkamp und Goehrmann gehören dem gleichen Rotary Club an, beide saßen im Verwaltungsrat des Freundeskreises der Uni Hannover. Als Goehrmann 2010 den Ehrenring der Stadt Garbsen bekam, hielt Haferkamp die Lobrede. Haferkamp empfahl auch die von Goehrmann vorgelegte Arbeit zur Annahme und bewertete sie mit „gut“. Der 85-Jährige war zu der Verhandlung als Zeuge geladen, erschien allerdings nicht, angeblich aus gesundheitlichen Gründen.

„Kein substanzieller Beitrag“

Die Verfahrensakten umfassen mittlerweile mehrere tausend Seiten. Auch die Dauer der mündlichen Verhandlung war rekordverdächtig. Nachdem die Kammer bereits mehrere Stunden getagt hatte, legten Goehrmanns Anwälte noch eine elf Seiten lange Liste mit Beweisanträgen vor. Am Ende half alles nichts: Das Gericht lehnte alle Anträge und zum Schluss dann auch die Klage ab. Die Verleihung des Doktortitels sei nur rechtmäßig, wenn die Dissertation die Befähigung nachweise, selbstständig wissenschaftlich arbeiten zu können. Dies sei nicht der Fall, wenn in erheblichem Umfang auf fremde Leistungen zurückgegriffen werde, ohne dies kenntlich zu machen. Die übernommenen Unterlagen aus dem Laserzentrum beträfen das ingenieurwissenschaftliche Kernkapitel der Arbeit. Goehrmann habe dazu keinen substanziellen Beitrag geleistet.

Der Vorsitzende Richter Torsten Baumgarten wies darauf hin, dass auch seitens der Betreuer, namentlich von Haferkamp, „schwerwiegende Fehler“ begangen worden seien. Dies stehe aber der Entziehung des Doktortitels nicht entgegen.

Von Heidi Niemann

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