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Göttingen „Es braucht solche Tage“
Die Region Göttingen „Es braucht solche Tage“
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15:00 02.12.2018
Aktuelles Thema im Landkreis: Wie lässt sich Integration in Schulen verbessern? Quelle: dpa
Göttingen

Wolfgang Peter ist Behindertenbeauftragter im Landkreis Göttingen. Ein Ehrenamt, das ihn in den vergangenen zwölf Jahren mit den verschiedensten Fragestellungen in Berührung gebracht hat. Er ist nicht nur Ansprechpartner für Menschen mit Behinderungen, er vertritt auch ihre Interessen gegenüber Verwaltung und Politik.

Baut der Landkreis Straßen oder Gebäude, achtet Peter darauf, dass diese mit Rollstuhl oder Sehbehinderung problemlos passierbar sind. Berät der Fachausschuss, wie kürzlich geschehen, über die bestmögliche Integration von Kindern in der Schule, begleitet er die Entscheidungen der Verantwortlichen. Die Zusammenarbeit habe sich deutlich verbessert. „Allein wie ich hier wahrgenommen werde, zeigt, dass sich im Landkreis Göttingen schon einiges getan hat.“

„Das empfinde ich als Reichtum“

Peter selbst ist seit einer Hirnblutung im Jahr 1994 rechtsseitig gelähmt. Er musste das Laufen oder Sprechen völlig neu erlernen, schaffte es aber, ins Berufsleben zurückzukehren. Für die Hilfe, die er damals erfahren hat, ist er bis heute dankbar. Mit seinem ehrenamtlichen Engagement will er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Gleichzeitig habe er in dieser Zeit sehr viel gelernt und Menschen getroffen, denen es schlechter ging als ihm, und die sich dennoch mit ihrem Leben arrangiert haben. „Das empfinde ich als Reichtum.“

Auch Jonas Morgenroth investiert viel seiner privaten Zeit, um das Leben von Menschen mit Behinderung in Göttingen leichter zu gestalten. Als Teil des neu formierten städtischen Behindertenbeirats und Vorstandsmitglied des Vereins Selbsthilfe Körperbehinderter Göttingen hat er sich vor allem die Themen Teilhabe und Inklusion auf die Agenda geschrieben. Und die beginnt im Alltag.

Problem: Bauliche Barrieren

Die baulichen Barrieren seien Göttingens größtes Problem. „Ich kann beispielsweise keinen meiner Freunde besuchen“, erzählt der Rollstuhlfahrer. Ab 2019 schreibt die niedersächsische Landesbauordnung verbindlich die Barrierefreiheit bei Neubauten vor. Der Göttinger Beirat sei in Gesprächen mit dem Oberbürgermeister und den Wohnungsgesellschaften, um die Schaffung von Wohnraum zu diskutieren, der den Bedürfnissen von behinderten Menschen gerecht wird.

Dabei sei es ein Kernproblem, dass selbst bei Fachleuten der Begriff „barrierefrei“ oft mit „rollstuhlgerecht“ gleichgesetzt werde. Das reduziere aber die Notwendigkeiten auf lediglich eine Einschränkung. Morgenroth hält Vorträge zu dem Thema und macht immer wieder die Erfahrung, dass hier noch viel Nachholbedarf bestehe.

Rampen für die Innenstadt

Vor zwei Jahren ging der heute 31-Jährige mit einem Projekt an die Öffentlichkeit, das die Göttinger Innenstadt barrierefreier machen sollte. Mit seiner Firma Steinbock-Technik wollte er die Eingänge von Geschäften mit Aluminiumrampen ausrüsten. Etwa 1000 Eingänge hatten Studierende auf ihre Eignung untersucht, mehr als 200 wären in Frage gekommen. Am Ende wurden nur zehn Rampen verlegt. „Das läuft in anderen Städten wesentlich besser“, sagt Morgenroth.

Er kann noch viele andere Beispiele dafür nennen, wo der Alltag von Menschen mit Behinderungen in Göttingen eingeschränkt ist – von Taxis über Fußgängerüberwege bis hin zu digitalen Barrieren. Peter bringt es auf dem Punkt: „Der Begriff Inklusion ist längst nicht in jedermanns Wortschatz angekommen.“ Gedenktage wie der 3. Dezember halten deshalb beide für sinnvoll. „Es braucht solche Tage.“

Anlaufstellen in der Region

Eine Übersicht der Anlaufstellen in der Region (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Behindertenbeirat der Stadt Göttingen, steht für Fragen, Anliegen und Anregungen zur Verfügung; Email: behindertenbeirat@goettingen.de; Telefon: 05 51 / 400 21 59.

Behindertenbeauftragter des Landkreises Göttingen Wolfgang Peter, Ansprechpartner für Themen wie Integration, Barrierefreiheit, Planung des öffentlichen Nahverkehrs oder Förderung von Selbsthilfegruppen; Telefon 05 51 / 5 25 25 63; Email behindertenbeauftragter@landkreisgoettingen.de; donnerstags von 9 bis 12 Uhr im Kreishaus, Reinhäuser Landstraße 4, erreichbar.

Der Verein Selbsthilfe Körperbehinderter Göttingen, bietet ein breites Leistungsangebot von Beratung über persönliche Assistenz bis hin zum Fahrdienst; Telefon 05 51 / 54 73 30; Email info@shk-goe.de.

Zentrale Studienberatung bietet in Kooperation mit Diversity Management jeden Dienstag von 15-16 Uhr in der Studienzentrale am Wilhelmsplatz 4 eine Sprechstunde; Telefon: 05 51 / 39 46 96 oder 05 51 / 39 74 93; Email: rainer.schultz@zvw.uni-goettingen.de.

Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatungen (EUTB) nach dem Bundesteilhabegesetz. 1) Die Selbsthilfe Körperbehinderter Göttingen ist Träger der Einrichtung in der Gartenstraße 25; Telefon: 05 51 / 3 84 20 08 88; Email: beratung@shk-goe.de. Außenstellen in Duderstadt, Hann. Münden und Osterode. 2) Das AWO-Team arbeitet in der Göttingen in der Jutta-Limbach-Straße 3; Telefon: 05 51 / 5 00 91 59; Email: kontakt@awo-teilhabe.de erreichbar. Außenstelle in Hann. Münden, Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 2.

Von Markus Scharf

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