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Göttingen Transplantationsskandal: 25 Verdachtsfälle
Die Region Göttingen Transplantationsskandal: 25 Verdachtsfälle
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19:30 20.07.2012
Transplantationszentrum Göttingen: Korruptionsskandal nach Manipulation von Patientendaten durch früheren Oberarzt. Quelle: dpa
Göttingen

Das berichtete das Tageblatt am 11. Juni. Sechs Wochen später nennt Hans Lilie, Mitglied der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), den Fall als „den schlimmsten der deutschen Transplantationsmedizin“. Die Leitung des Uniklinikums bestätigt: Es gibt 25 weitere Verdachtsfälle.

Manipulationen

Damit haben sich anonyme Hinweise an das Tageblatt, der Medizinprofessor habe „einen Handel mit Spenderlebern“ betrieben, erhärtet. Die Auswertung der Krankenakten jener Patienten, die in den vergangenen Jahren von dem Arzt eine neue Leber eingepflanzt bekamen, habe in 25 Fällen Manipulationen ergeben. So seien an Eurotransplant, das europaweit in anonymen Verfahren Organe nach einer Warteliste vergibt, falsche oder manipulierte Werte über den Gesundheitszustand der betreffenden Patienten übermittelt worden. Diese Werte seien im Klinikum nicht dokumentiert beziehungsweise gelöscht worden – mutmaßlich damit die Manipulation nicht auffällt. Das, so die Klinik, habe die Auswertung durch die Bundesärztekammer (BÄK) ergeben.

Durch die gefälschten Blutwerte – etwa, wenn bei Patienten auch eine Diabetes angegeben wurde, die tatsächlich nicht vorhanden war – sei den Patienten schneller als im regulären Verfahren möglich, ein Spenderorgan zugeteilt worden.

Motiv noch unklar

Über das Motiv des Arztes, der auch an seiner früheren Dienststelle an der Universität Regensburg bereits im Verdacht der Manipulation stand, können Siess und sein Kollege Sebastian Freytag nur rätseln: Möglich sind altruistische Gründe, um den Patienten zu helfen, aber auch Ehrgeiz, um das Renommee des Transplantationszentrums durch viele Operation zu heben, oder aber aus Geldgier, weil er bestochen wurde – alles ist möglich.

Dem letzten Verdacht geht die Staatsanwaltschaft Braunschweig nach. Sie ermittelt den bisher einzig dokumentierten Fall: Ein russischer Patient, der in Göttingen auf Vermittlung einer Firma aus Westfalen eine Lebendspende von drei Angehörigen erhalten sollte, hatte von Eurotransplant kurzfristig als Notfall eine Spenderleber erhalten, weil sich die mitgereisten Spender als nicht geeignet erwiesen. Siess bestätigt: „Dieser Patient wäre ohne OP gestorben.“ Ob hier auch Geld geflossen ist, so Serena Stamer von der Staatsanwaltschaft Braunschweig, dafür gebe es keine Beweise. Auch  seien die neuen Verdachtsmomente der Ermittlungsbehörde noch nicht zugegangen. „Wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen.“Es sei auch nicht klar, ob überhaupt strafrechtliche Verstöße oder nur solche gegen medizinische Regeln vorlägen.

Einem Verdacht kommt besondere Bedeutung zu: Nach der Überprüfung der Warteliste Göttinger Patienten war aufgefallen, dass mindestens 25 Patienten darunter waren, die niemals wirklich für eine Transplantation infrage gekommen wären – weil sie weiter tranken, Drogen nahmen oder keine Krankheitseinsicht hatten. Diese Patienten lieferten zwangsläufig irgendwann so schlechte Blutwerte, dass Eurotransplant in absehbarer Zeit eine Leber zuteilen würde. Die Möglichkeit liegt nahe, dass diese Organe dann für andere Patienten freigegeben werden konnten, wenn die OP des eigentlich zugedachten Patienten sich als nicht möglich erwies.

Aufenthaltsort unbekannt

Wo der 45-Jährige Arzt sich derzeit befindet, weiß man im Klinikum nicht. Auf Tageblatt-Frage bestätigt Siess, dass es Anfragen zur Person aus einer Klinik in Saudi-Arabien gebe. Das Tageblatt erfuhr gestern von Angehörigen, dass er sich zu Hause in Geismar aufhalte. Zu sprechen sei er nicht. Der Professor, so die Familie, bewerbe sich international.

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