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Göttingen Verirrt im Woll-Labyrinth
Die Region Göttingen Verirrt im Woll-Labyrinth
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21:29 13.11.2009
Mühsam ernährt sich der Stricknovize: Karin Weiß-Konzak erklärt Erik Westermann, wie es gehen sollte. Quelle: Theodoro da Silva
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Designer lassen wieder Stricken, und auch Stars entdecken die Handarbeit. Fachseminare lehren: Stricken fördert Geduld, Konzentrationsfähigkeit und Feinmotorik und wirkt auch noch entspannend, abends vor dem Kachelofen bei einem schönen Gläschen Eierlikör. Doch gilt das auch für eine 34-jährige männliche Handarbeitsnull?

Mein Erstkontakt mit dem Stricken – und bisher der einzige – bestand in Socken. Jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten lag unter dem Baum oder auf der Anrichte ein kleines Päckchen in geblümtem Geschenkpapier: die selbstgestrickten wohlig-warmen Wollsocken meiner Tante Trudl wanderten meist etwas lieblos und wenig beachtet in die Schublade zu den anderen Paaren. Selbst im Fach „Textiles Gestalten“, wo ich es immerhin bis zum gelben Gurt im Häkeln gebracht habe, tauchte das Thema nur randständig auf. Oder ich erinnere mich einfach nicht – auch gut möglich.

Von draußen birgt das Schaufenster des Göttinger Strickfachgeschäfts Wollzauber Erhellendes und Erstaunliches: Es gibt sogar Gnocchi-Wolle; das Resultat dieser eigenwilligen Verbindung von Essbarem und Wärmendem ist anhand der dicken Flusen eines Schals in der Form des beliebten italienischen Kartoffelproduktes zu bestaunen. Drinnen ist alles Wolle. Dicke Knäuel und dünne, einfarbige oder mellierte. Knäuel aus feiner Merinowolle, kuscheligem Baby-Kamel, weichem Baby-Alpaca, schnödem Acryl, korrektem Bio-Soja, noblem Cashmere oder mysteriösem Mohair Superkid.

Woll-Bibliothek

In allen erdenklichen Farben türmen sie sich bis unter die Decke. Auf dem Boden liegen Strickmagazine und Strickanleitungen, überall hängen oder liegen gestrickte Beispielstücke – Bolerojäckchen, Schals, Pullover. Eine überwältigende, labyrinthische Woll-Bibliothek, die nicht nach nassem Schaf riecht, nur leicht nach Parfüm und aufgeräumter Gemütlichkeit.
„...18 Maschen und 27 rein...“, „...nur drei Maschen Unterschied...“, „...Cinque, 53 Prozent Schurwolle, die kommt toll...“

Gesprächsfetzen der Kundinnen, die hier beraten werden, während ich auf die Weberin des Wollzaubers, Chefin Karin Weiß-Konzak, warte. Sie soll mich in die Wissenschaft der Handarbeit einführen. Ein guter Ort, um als mitteljunger Novize diese alte Kulturtechnik, deren Ursprung sich im Dunkeln der Geschichte verliert, zu erlernen. Seit mehr als 25 Jahren sorgt man hier für das Wohl der immer noch zumeist weiblichen Nadelschwingerinnen.

„Ein Schal soll es werden“, eröffne ich der 44-jährigen resoluten Inhaberin mein hoch gestecktes Ziel, als sie eintrifft. Schals seien verhältnismäßig einfach, hatte man mir vorab geraten, da brauche es „immer nur linke Maschen“. Aha. Verstehe.

„Welche Nadelstärke, welche Wolle?“ Ich zucke die Schultern. Sie wählt Zwölfer-Rundnadeln, denn „als Anfänger neigt man zum Engstricken. Sie sind so ein Typ für dicke Nadeln“, erklärt sie. Was soll denn das heißen? „Da hat man schnell ein Erfolgserlebnis und sieht die Fortschritte.“ Das wiederum klingt gut. Dazu eine braune, starke, ein wenig edle Wolle vom Merinoschaf.

Dann erfolgt der erste Schritt auf dem Weg in das Handarbeits-Nirwana: das Maschen aufnehmen. „So von oben, dann hier durch ziehen“, erklärt meine Mentorin. „Und jetzt sie.“ Oh Gott, oh nein, kann ich nicht einfach nur zugucken? Doch es ist kein Entrinnen. Da hindurch, hier herum? Die zwei dicken Metall-Stöcke in meinen Händen entziehen sich meiner Kontrolle. Ich komme mir vor wie der Protagonist eines ungedrehten Filmes, wie „Erik mit den Rundnadelhänden“. Keine Masche will zur anderen, sie streben auseinander wie das Weltall seit dem Urknall.

„Sie müssen den Faden unter Spannung halten, Herr Westermann.“ Ja ja, ich will doch! Quälend langsam fügt sich eines zum anderen, fünf ganze Maschen sind schon aufgenommen. „Ah, ein Naturtalent“, lobt die Lehrerin. Höre ich da Ironie? „Wenn Sie den Schal fertig haben, bekommen Sie als Belohnung eine Designernadel“, verspricht die ehemalige Mikrooptikerin. Mit diesem neuen Ansporn lege ich mich weiter ins Zeug, vor dem geistigen Auge matt schimmerndes biomorphes Strickwerkzeug von Lutz „Luigi“ Colani.

Rheinländische Technik

Der Betrieb in dem stark frequentierten Lädchen läuft weiter, ich hocke in der Mitte an einem kleinen Tisch, schwitzend und verkrampft. „Das sieht ja schon ganz gut aus“, meint eine Kundin, eine Dame Ende 40, und demonstriert mir ihre ganz eigene Technik. „Ich komme aus dem Rheinland, da strickt man so“, erläutert sie. Auch die Perserinnen und Engländerinnen bedienten sich dieser Technik, die besonders entspannt und Arme und Rücken schont. „Nicht so wie bei ihnen.“ Ich versuche ihren Fingern zu folgen – ohne Erfolg. Andere Kundinnen lächeln mich mitleidig an, gemischt vielleicht mit einem Quentchen Schadenfreude.

Es ist ein Kampf, eine Schlacht, und sie sehen die Verzweiflung in meinen müden Augen. „Sie ziehen viel zu fest, Herr Westermann. Locker abstricken. Ohne Geduld geht es nicht.“ Die Männer, die sonst zu ihr kämen, könnten meist bereits stricken, erklärt Weiß-Konzak. Dadurch fühle ich mich nicht besser. Die Neu- oder Wiederstrickerinnen seien hingegen weiblich, berichtet sie weiter. Ihre Zahl sei in den vergangenen Jahren tatsächlich stark gestiegen. Es sei gut, dass das Stigma der Öko-Mode endlich überwunden sei. Ich höre interessiert zu, frage nach. Schließlich sind diese kurzen Pausen Labsal für meine geschundenen Hände, die verspannten Schultern. Ich genieße die Unterbrechungen, in denen bei Karin Weiß-Konzak das Mitleid siegt und sie mir die Maschen wieselflink aneinander fügt. Für einen Moment weicht das Gefühl, wie Sisyphos ein Wollknäuel den Berg hinauf zu wälzen. Die Maschen purzeln den Rundstrick-Abhang ständig wieder hinunter, und es ist kein Schal in Sicht.

Strick-Philosophie

Stricken sei genau das Gegenteil von eintönig, sagt sie. „Man kann die Veränderungen beim Stricken ja selbst suchen“, erklärt sie ihre Philosophie. Doch so weit bin ich noch lange nicht. „Das wird schon“, spricht mir die Herrin der Wolle Mut zu. Richtig zu glauben scheint sie es selbst nicht. Nach zweieinhalb Stunden wackeren Ringens wanke ich nach Hause. Mich begleiten viele Tipps und die Bitte, alle über die Fortschritte auf dem Laufenden zu halten.
Die sind sehr übersichtlich. Der angefangene Schal liegt seit Tagen auf meinem Fensterbrett. Er liegt dort gut, scheint sich zu aalen in der Herbstsonne oder gelassen den auf die Scheibe prasselnden Regentropfen zu lauschen. Wer bin ich, diese Idylle zu stören? Da bleibt die Designerstricknadel so greifbar wie ein Topf voll Merinowolle extra fein am Ende des Rundstrickbogens. Tante Trudl, ich weiß deine Socken jetzt wirklich zu schätzen.

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