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Göttingen Von Nazis konfiszierter Kult-Becher taucht wieder auf
Die Region Göttingen Von Nazis konfiszierter Kult-Becher taucht wieder auf
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00:20 09.11.2018
Jakobsbecher der Familie Hahn, gefunden im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Quelle: Christian Riemenschneider
Göttingen/Hamburg

Die Familie von Max Raphael Hahn, 1880 in Göttingen geboren, besaß eine der bedeutendsten Sammlungen jüdischer Kultusgegenstände in Europa. Die Sammlung zeigte er sowohl in seinem Haus in der Merkelstraße als auch in Sonderausstellungen, beispielsweise im Jahr 1935 im Jüdischen Museum Berlin. „Seine Judaica-Sammlung“, schreibt die Regionalhistorikern Cordula Tollmien, „war zwar verglichen mit der anderer bedeutender Sammler nicht besonders groß, aber so hochwertig, dass sie in einem zeitgenössischen Lexikon in einem Atemzug mit den Sammlungen der Rothschilds und der Sassoons genannt wurde.“

Auch die Göttinger Unternehmerfamilie Hahn wurde Opfer der brutalen Übergriffe von SA und SS in der reichsweiten Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Gegen 2 Uhr morgens brachen SS-Männer das Haus in der Merkelstraße 3 mit Äxten auf und zerschlugen die Türen und Fenster. Dabei zerstörten sie Möbel, Kunstwerke und Antiquitäten und trieben die Familie unbekleidet auf die Straße. Dort wurden sie verhaftet, allerdings bis auf Max Raphael Hahn in den folgenden Tagen wieder freigelassen. Im März 1939 schließlich wurde die wertvolle Silber-Sammlung der Hahns beschlagnahmt.

18 Tonnen Silber eingeschmolzen

Insgesamt 20 Tonnen Silbergegenstände aus jüdischen Familien wurden in dieser Zeit beschlagnahmt, erläutert der Göttinger Historiker Christian Riemenschneider, der auch den sogenannten Jakobsbecher wieder aufspürte. Nur ein Zehntel davon wurde damals als künstlerisch wertvoll eingestuft und blieb erhalten. Der große Rest wurde eingeschmolzen.

Die meisten Mitglieder der Familie Hahn überlebte die NS-Schreckensherrschaft nicht: 1940 zogen Max Raphael und Gertrud Hahn nach Hamburg. Doch ihre Hoffnung, von dort noch emigrieren zu können, war vergebens. Am 6. Dezember 1941 wurden sie nach Riga deportiert. Tollmien: „Gertrud Hahn, die zuckerkrank war, starb möglicherweise schon auf dem Transport. Max Raphael Hahn wurde spätestens im März 1942 bei der sogenannten Dünamünde-Aktion, einer großen Erschießungsaktion in einem Wald bei Riga, ermordet.“

Mitarbeit im „Hahn Project“

Seit einigen Jahren engagiert sich der Enkel von Max Hahn, Prof. Michael Hayden aus dem kanadischen Vancouver, intensiv in der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. 2011 beauftragte er die Historikerin Dr. Sharon Meen von der von der University of British Columbia in Vancouver mit der Bearbeitung der Familiengeschichte. Im vorigen Jahr übernahm Riemenschneider in diesem „Hahn Project“ die Suche nach Objekten aus der beschlagnahmten Kunstsammlung.

Und Riemenschneider wurde fündig: Nach Recherchen in Archiven in Göttingen, Hannover und Hamburg konnte er im Sommer dieses Jahres den ersten Gegenstand aus der Hahn‘schen Sammlung ausfindig machen. Es war ausgerechnet Max Hahns Lieblingsobjekt - der sogenannte Jakobsbecher. Er fand sich im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg.

Zwangsdepot der Nazis

Der Becher hat eine wahre Odyssee hinter sich. Zunächst noch vor dem Zugriff der Nazis gerettet von Max Hahns Tochter Hanni, die von Hamburg noch nach England fliehen konnte, kam er mit anderen Gegenständen in ein Zwangsdepot der Nazis, von dort in verschiedene Zwischenlager und ab 1960 in den Besitz der Stadt Hamburg - in ein Depot des Museums Kunst und Gewerbe, wo ihn Riemenschneider schließlich fand.

Dort soll der Becher am Mittwoch, 7. November, der Familie Hahn/Hayden in einem feierlichen Akt zurückgegeben werden. Bereits im Jahr 2014 wurde den Hahn-Nachfahren in Göttingen einige der Familienmöbel zurückgegeben. Sie hatten die Jahrzehnte im Bestand des Städtischen Museums überdauert, nachdem Max Raphael Hahn, wegen des NS-Boykotts seiner Geschäfte unter wirtschaftlichen Druck geraten, die wertvollen Stücke weit unter Wert an das Museum verkaufen musste.

Von Matthias Heinzel

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