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Göttingen Vom anderen Ufer
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05:00 08.09.2018
Eine Botschaft im Sand am See. Quelle: Anke Weber
Göttingen

Seitdem weiß ich, dass man sich in der Natur zwar ungestört fühlen kann, es deshalb aber noch lange nicht ist. So ähnlich verhält es sich auch mit Gewässern. Der See hat Ohren. Erst kürzlich habe ich ungewollt ein Gespräch aufgeschnappt. Ein Mann äußerte sich über Schwule und Lesben und darüber, dass es ihm zu weit gehe, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürften. Wirklich? Hatte ich richtig gehört? Befand ich mich in der richtigen Zeit? Oder hatte mich jemand in die Vergangenheit katapultiert? Ich konnte den Mann nicht sehen. Wahrscheinlich ahnte er auch nicht, dass seine Worte quasi bis zum anderen Ufer getragen wurden. Jedenfalls sprach er hemmungslos weiter, während ich fassungslos dasaß.

Erst wenige Tage zuvor hatte ich nämlich eine lesbische Verwandte meines Mannes zu Grabe getragen. Die Dame, aufgewachsen in einem kleinen niedersächsischen Ort, hatte ihr Leben Seite an Seite mit ihrer großen Liebe verbracht. Aber erst im vergangenen Jahr, nachdem die Eheschließung auch homosexuellen Paaren in Deutschland per Gesetz erlaubt worden war, hatte sie ihre Lebenspartnerin geheiratet. Ein spätes Glück, das nach weniger als einem Jahr wieder durch den Tod geschieden wurde. Denn die Dame war über achtzig Jahre alt. Den Großteil ihres Lebens konnte sie nicht so frei gestalten, wie sie gewollt hätte. Zusätzlich zu dieser Einschränkung der Freiheit musste sie in ihrer Generation, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht unbedingt gutgeheißen hat, noch allerlei Anfeindungen ertragen. Angesichts dieser Lebensgeschichte freute ich mich umso mehr, kurz darauf mit einem schwulen Freund dessen Verlobung auf dem Land zu feiern. Es war eine wunderbare Feier und das Paar wirkte rührend glücklich auf mich. Nächstes Jahr wollen die beiden heiraten. Und deshalb wurde ich am See, während die Phrasen eines mir fremden Mannes über das Wasser getragen wurden, regelrecht wütend. Und traurig.

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, für meinen homosexuellen Freund aufzustehen. Mich in das Gespräch einzumischen. Ich hätte sagen können, dass die Menschen früher auch dachten, die Erde sei eine Scheibe. Aber dass das heute niemand mehr denkt. Und Umdenken auch in anderen Bereichen helfen kann. Aber ich zögerte zu lange. Die Stimmen entfernten sich. Ich ärgerte mich über die verpasste Chance. Deshalb schrieb ich eine Botschaft in den Sand: Hauptsache Liebe. Ich hoffe, dass der Mann es gelesen hat, als er wieder aus dem Wasser kam. Im besten Fall sogar verstanden.

Sie erreichen die Autorin unter E-Mail, bei Instagram und auf Facebook.

Von Anke Weber

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