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Göttingen „Rettung“ als Selbstentnazifizierung
Die Region Göttingen „Rettung“ als Selbstentnazifizierung
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15:16 31.01.2018
Die Historikerin Eva-Lotte Kalz spricht im Alten Rathaus über den Wahrheitsgehalt der vielen Legenden um die Rettung Göttingens vor der Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Quelle: Peter Heller
Göttingen

Auf Einladung des Göttinger Geschichtsvereins präsentierte die Historikerin ihre Forschungsergebnisse. Ihre Hauptthese: Mit zum Teil oder gänzlich erfundenen Geschichten von der „RettungGöttingens hätten NS-belastete Persönlichkeiten versucht, sich in ein besseres Licht zu stellen. Prominenteste Figur dieser Kategorie: der SS-Obersturmbannführer Albert Gnade, von 1938 bis 1945 Oberbürgermeister der Stadt.

Die Legende, die sich kurz nach Kriegsende in den Köpfen der Göttinger Bevölkerung festsetzte: Gnade habe Göttingen vor der Zerstörung in Kämpfen zwischen der zurückweichenden Wehrmacht und der US-Armee gerettet, indem er am 8. April 1945 Uhr den vorrückenden US-Truppen entgegengegangen sei und die Stadt im Alten Rathaus förmlich den US-Truppen übergeben habe. Als Gnade sieben Jahre später als Kandidat für die äußerst rechts stehende Deutsche Reichspartei (DRP) antrat, nutzte die Partei diesen Ruf und legte ihrer Wahlzeitung eine Briefvorlage bei, die Unterstützer Gnades unterzeichnen sollten: „Hochverehrter lieber Herr Gnade!“, hieß es darin „Wenn die Göttinger denken können und ehrlich sind, so müssen sie Ihnen immer noch danken für Ihre Tat, die Stadt ohne Kriegshandlungen übergeben zu haben. (…) Es lebe unser schönes unzerstörtes Göttingen!“ Unerwähnt blieb, dass die US-Armee die Stadt bereits eingenommen hatte und den Marktplatz schon längere Zeit beseetzt hielt, als Gnade eintraf.

Schon Jahre zuvor hatten sich andere bekannte Persönlichkeiten als „Retter“ der Stadt ins Gespräch gebracht, führte Kalz in ihrem Vortrag am Dienstag am Ort der damaligen „Übergabe“ der Stadt aus. So habe man sich jahrelang erzählt, „eine Gruppe von Göttinger Hochschullehrern habe schon in den ersten Apriltagen beim Gauleiter Hartmann Lauterbacher interveniert und dadurch erreicht, dass die Stadt nicht verteidigt wurde. Es meldeten sich zudem mehrere ehemalige Wehrmachtsoffiziere zu Wort: Sie meinten, ihnen sei die ,Rettung’ zu verdanken, da sie ihre Truppen aus der Stadt zurückgezogen hätten.“ Die Vielfalt unterschiedlicher Versionen, meint Kalz, sei auch Ausdruck „einer spezifischen vergangenheitspolitischen und erinnerungskulturellen Funktion für den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vor Ort“ - nämlich diejenige einer „individuellen und kollektiven Selbstentnazifizierung“.

Das funktionierte offenbar: 1949 wurde Gnade im Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie 4 (Mitläufer)eingestuft, Hans Plischke, von 1941 bis 1943 Rektor der Universität, zunächst in die Kategorie 3 (Minderbelastete), dann aber in die Kategorie 5 (Entlastete).

Derart groß wurde die Verwirrung um die verschiedenen Erzählungen um die „Rettung“ der Stadt, dass der Stadtrat 1955 einen offiziellen „Ausschuss zur Klärung der Vorgänge bei der Kapitulation Göttingens im April 1945“, den sogenannten Kapitulationsausschuss, einsetzte – angeblich, um der Legendenbildung entgegenzuwirken. Dumm nur, dass drei der vier Ausschussmitglieder selbst NS-belastet waren.

Eine echte Klärung führte der Kapitulationsausschuss nicht herbei. Zwar sei für die Rettung der Stadt entscheidend der Rückzug der Wehrmacht in den Harz gewesen, andererseits hätten mehrere bekannte Persönlichkeiten an dieser Rettung mitgewirkt. Äußerst praktisch war in diesem Zusammenhang die Figur des ehemaligen NSDAP-Kreisleiters Thomas Gengler, der am 8. April aus der Stadt geflohen war – nicht ohne vorher die Bevölkerung zu erbitterten Widerstand gegen die US-Armee aufgerufen zu haben. Damit konnten der Kapitulationsausschuss und auch die Öffentlichkeit Gengler leicht zum einzigen „echten Nazi“ Göttingens stilisieren, erläuterte Kalz.

Die Mär von der Rettung der Stadt durch einige mutige Einzelpersonen hielt sich in der Folge jahrzehntelang. Kalz: „Der 8. April 1945 konnte damit als positives historisches Bezugsereignis seit den fünfziger Jahren zu einem lokalen Jubiläum, einem festen Termin in der lokalen Erinnerungskultur“ und die Stadt zu einem „moralisch intakten Nahraum“ umgedichtet werden.

Erste Risse dieses harmoniesüchtigen Erinnerungsbildes gab es 1995 durch ein fiktives Extrablatt der Göttinger Geschichtswerkstatt, in dem erstmals die NS-Vergangenheit der „Retter“ wie auch ihr Beitrag zur Politik der Ausgrenzung und Verfolgung problematisiert wurden. 2005 schließlich erschien im Göttinger Tageblatt eine Artikelserie über das Kriegsende. „Als Gnade in den Mittagsstunden des 8. April am Marktplatz eintraf, um die Stadt den US-Truppen zu übergeben“, hieß es darin, „war die Stadt schon fest in amerikanischer Hand.“

Von Matthias Heinzel

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