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Göttingen War Secu-Rente realistisch?
Die Region Göttingen War Secu-Rente realistisch?
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06:17 23.04.2012
Aktenberge bis weit in den Flur: Mehr als neun Tonnen Schriftsätze gingen in den vergangenen Tagen zu den gut 4000 Klagen im Landgericht ein. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Der Beweisbeschluss der 2. Zivilkammer Ende März kam selbst für Kläger und Beklagte überraschend. In dieser Woche schloss sich die 14. Zivilkammer, die 100 Klagen zur Verhandlung aufgerufen hatte, den Kollegen an: In sämtlichen 4250 Verfahren sollen Beweisbeschlüsse ergehen, mit denen das Gericht von Amts wegen ein Gutachten bestellt.

Darin soll festgestellt werden, ob das Modell der Göttinger Gruppe, die so genannte Secu-Rente, überhaupt jemals tragfähig war oder ob das System nicht zwangsläufig zum Totalverlust der angelegten Gelder führen musste.
Immerhin haben rund 200 000 Geschädigte etwa zwei Milliarden Euro bei der Göttinger Gruppe, der Securenta und anderen ihrer Gesellschaften investiert und durch die Insolvenz im Juni 2007 verloren.

Bisher waren alle Schadensersatzklagen gegen den Erfinder des Systems und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden, Erwin Zacharias, und die Vorstandsmitglieder Jürgen Rinnewitz, Michael Hebig, Bodo Steffen und Marina Götz als unschlüssig abgewiesen worden. Jetzt gehen die  Richter erstmals der Frage nach, ob die Insolvenz systembedingt war.

Der Gutachter soll auch feststellen, ob das Modell zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr tragfähig war. Damit wollen sich die Zivilrichter offenbar nicht mehr am Gutachten der Staatsanwaltschaft Braunschweig orientieren, das im Zusammenhang mit strafrechtlichen Ermittlungen 1999 festgestellt hatte, das Modell sei jedenfalls kein betrügerisches Schneeballsystem.

Kläger und Beklagte sind mit der Einholung eines Systemgutachtens einverstanden, auch wenn die Kläger meinen, selbst schon nachgewiesen zu haben, dass das Modell nicht tragfähig war. Als Sachverständigen hat das Gericht den Hannoveraner Knut Thomas Hofheinz (Beguta GmbH) ins Auge gefasst. Die Kosten werden auf eine bis drei Millionen Euro geschätzt und müssen von den 4250 Klägern übernommen werden.

Deren Akten füllen inzwischen einen riesigen früheren Klausursaal des Gerichts und die angrenzenden Flure. Eine gesamte Gebäudeflucht des Landgerichts ist nur mit Securenta-Klagen gefüllt.  Eine zusätzliche Zivilkammer (drei Richter), Verstärkung der Geschäftsstelle und Sonderaktionen aller Angestellten zum Einsortieren der teils 400-seitigen Schriftsätze sind zur Bewältigung der Klageflut nötig. „Die Kollegen klagen gar unter Muskelkater“, sagt Vizepräsidentin Cornelia Marahrens.

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