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Göttingen Wie ein Demenzkranker einen unnötigen Kredit mit 201 Prozent zurückzahlt
Die Region Göttingen Wie ein Demenzkranker einen unnötigen Kredit mit 201 Prozent zurückzahlt
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19:58 23.12.2009
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„Ich halte das für sittenwidrig, wie die Familie über den Tisch gezogen wurde“, sagt knapp vier Jahre später Horst Fädrich. Der Berufsbetreuer aus ist eingesetzt worden, um die Familie aus dem Eichsfeld zu unterstützen. Bei der Durchsicht der Unterlagen kam Fädrich aus dem Staunen nicht heraus. Weil die Bank auf seine Forderung, die Verträge rückabzuwickeln nicht reagierte, hat Fädrich einen Rechtsanwalt eingeschaltet und will den Staatsanwalt informieren.

Alles begann im Januar 2006. Paul P. hatte einen Kredit bei der Volksbank: rund 5600 Euro zu 9,44 Prozent Zinsen. Weil er die Raten stets bezahlt hatte, gab es keine Notwendigkeit, die Bank zu wechseln. Dennoch kam ein Citibank-Mitarbeiter ins Haus und bot Umschuldung an. Woher er vom Kredit wusste, lässt sich nicht feststellen. P., Analphabet und „minderbegabt“, wie ein Arzt später dokumentierte, unterschrieb, was ihm vorgelegt wurde: Einen Kreditvertrag mit höherem, statt niedrigerem Zinssatz (11,49 statt 9,44), eine Restschuldversicherung, eine Ratenkreditversicherung für das Girokonto, später zwei Lebensversicherungen für sich und seine zehn Jahre ältere Frau. Die Gesundheitserklärung dazu weist keine Einträge aus, andernfalls wäre seine Demenz dokumentiert worden.
Weil es so leicht war, an Kredit zu kommen, wurde er auf 9472,99 Euro erhöht, davon der Volksbank-Kredit getilgt und ein neues Schlafzimmer gekauft. Weil der effektive Zins (mit Gebühr und Kosten) 13,44 Prozent beträgt, hat P. nach 72 Monaten 19133,11 Euro zurückgezahlt (201 Prozent). 3855,30 Euro kostet allein die Restschuldversicherung, die nicht einmal voll einspringen würde (70 Prozent). Für 3000 Euro Überziehung zahlt er zudem 7,3 Prozent, ob er sie in Anspruch nimmt oder nicht. Die zwei Lebensversicherungen der Citibank-Tochter zahlen in den ersten drei Jahren überhaupt nicht. Alles zusammen, so Fädrich, hätte im Falle einer Bonitätsprüfung nie abgeschlossen werden dürfen. Der Familie bleiben bei Abzug aller Kosten 264 Euro zum Leben.

Doch die Citibank, so Sprecher Ingo Stader, kann „eine fehlerhafte Beratung (...) nicht erkennen“. Es sei eine „sorgfältige Bonitätsprüfung“ erfolgt. Der Berater habe nicht feststellen können, dass der Kunde in seiner Entscheidungkraft beeinträchtigt gewesen sei. Nur ein halbes Jahr nach Abschluss hatte ein Arzt „dementielle Entwicklung“ diagnostiziert. Paul P. habe „weder den aktuellen Tag, noch Monat oder Jahr“ benennen können.

Auch Nichte bediente sich

Noch jemand hat sich bei dem Demenzpatienten bedient: Um den Onkel angeblich zu unterstützen, hat sich eine Nichte im Juli 2007 eine Generalvollmacht geben lassen. Ein Notar bescheinigte diese und will sich von der „Geschäftsfähigkeit des Erschienenen überzeugt“ haben. Zu diesem Zeitpunkt war die Demenz längst fortgeschritten und attestiert. Die Nichte bediente sich munter an dem Konto Paul P.s. Sie lässt bis heute ihre Stromrechnung vom Konto des Onkels abbuchen. Das Betreuungsgericht hat ihre Vollmacht längst aufgehoben, und sie hat sich verpflichten müssen, 8000 Euro zu unrecht abgehobener Zahlungen zurückzuzahlen.

Von Jürgen Gückel

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