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15:25 29.06.2018
Aus bei der Fußball-WM? Dann kann auch der Fernseher wieder weg, meint Markus Scharf. Quelle: dpa
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Göttingen

Unser Fernseher ist weg. Wir hatten ihn uns nach mehr als zehn Jahren TV-Abstinenz eigens für die Weltmeisterschaft ausgeliehen. Weil wir schönen Fußball und ein bisschen russisches Sommermärchen sehen wollten. Fußball-Euphorie für die ganze Familie. Hat nicht funktioniert. Und deshalb habe ich ihn wieder weg gebracht. Wir blicken seither ein bisschen ratlos an die Stelle, wo eben noch WM war. Ich denke, ich spreche da auch für Sie: Wir brauchen einen emotionalen Plan B für diesen Sommer. Hier ein paar Vorschläge, wie Sie Jogis Jammertal durchschreiten könnten.

Variante 1: Schadenfreude. Machen Sie Urlaub in den Niederlanden oder in Italien. Dort können Sie mit einem letzten Rest an geschwellter Brust unter dem schwarz-rot-goldenen T-Shirt über Fußball schwadronieren. Schließlich waren wir wenigsten dabei. Weiden wir uns am Anblick von erfolgsentwöhnten Einheimischen und singen ein letzten Mal einen dieser völlig dumpfen deutschen WM-Songs. (Am Rande eine Botschaft an alle verantwortlichen Komponisten: Ihr seid Schuld. Bei dieser Musik hätte ich auch nicht bis zum Finale durchgehalten).

Variante 2: Ablenkung. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, sich anderen Sportarten zuzuwenden. Ich stolperte beispielsweise beim Rumzappen in der Halbzeitpause von Deutschland-Schweden auf Sendeplatz 783 auf eine Reportage über Hochseeangeln. Hochspannend. Auch Tennis, Feldhockey oder Darts würden sich sicher über mehr Zuschauer freuen. Man kann aber auch selbst aktiv werden – wenn man beispielsweise in einem Anfall von Enttäuschung voreilig seinen Fernseher weggegeben hat. Ich habe mir spontan eine Slackline und ein Longboard zugelegt und werde Sie über den Stand meiner Verletzungen auf dem Laufenden halten.

Variante 3: Boshaftigkeit. Sie sind bisher ein eher positiv denkender und freundlicher Mensch? Das muss nicht sein. Die momentane Volkstrauer eignet sich perfekt, um diese völlig überholte Grundeinstellung über den Haufen zu werfen. Warum denn nicht einfach Mal am Leid anderer weiden? Nehmen Sie Jogi Löw. Unser baldiger Ex-Lieblingsbundestrainer verliert nicht nur seinen Job, er verliert seinen guten Ruf und vermutlich sogar diese schicken schwarzen Designer-Shirts. Merken Sie es? Man fühlt sich gleich viel besser. Gut funktioniert das übrigens auch mit Arbeitskollegen, die demnächst von einer sündhaft teuren aber leider völlig vergurkten Kreuzfahrt zurückkehren und auf den voraussichtlich freudlosen Rest des Arbeitsjahres blicken. Schlagen Sie zu.

Variante 4: Beharrlichkeit. Fußball ist ihr Leben? Sie haben, nachdem der erste Zorn verflogen war, zur Fernbedienung gegriffen und heimlich Panama gegen Tunesien gesehen? Sie kleben immer noch Sticker ins Panini-WM-Album. Außerdem weigern sie sich, der Aufforderung der Nachbarn nachzukommen, die überdimensionale Deutschlandfahne aus dem Vorgarten zu entfernen? Hoffen Sie vielleicht sogar insgeheim, dass Jogi bleibt? Sie wissen sicher auch, dass am Freitag die Spielpläne für die Bundesliga-Saison 2018/19 veröffentlicht wurden. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben eine Perspektive – und im Gegensatz zu mir vermutlich auch noch einen Fernseher.

Egal für welche Variante wir uns nun entscheiden, ich wünsche uns allen und natürlich den Jungs der deutschen Nationalmannschaft schöne lange Ferien.

Von Markus Scharf

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