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Göttingen Kampf gegen antisemitische Vorurteile
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16:16 29.06.2018
In der islamischen Welt (hier Teheran) sind Israel-Feindlichkeit und Antisemitismus weit verbreitet. Quelle: AP
Göttingen

Anfang April hat die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jacqueline Jürgenliemk, im Flüchtlingsheim Zietenterrassen einen Workshop angeboten unter dem Motto „Triff einen Juden“. Die Idee dahinter: In der islamischen Welt, aus der die große Mehrheit der aufgenommenen Flüchtlinge stammt, gibt es zwar jede Menge negative Meinungen über und Vorurteile gegen Juden, so gut wie niemand hat aber tatsächlich jemals einen Juden getroffen, geschweige denn mit einem gesprochen. Das müsse man ändern.

Heftige Diskussionen über Israel

Die Reaktion, erinnert sich Jürgenliemk: „absolute Stille, extreme Zurückhaltung. Niemand hat sich gemeldet.“ Erst nach vorsichtigem Zugehen und Unterstützung durch den Heimbetreiber Bonveno hätten schließlich zehn Flüchtlinge, darunter auch Palästinenser, sich zur Teilnahme bereiterklärt.

Für die Teilnehmer sei dies die erste Begegnung mit einem jüdischen Menschen gewesen, sagt Jürgenliemk. Es habe dann auch heftige Diskussionen am Tisch gegeben – zum Beispiel darüber, dass es Israel eigentlich nicht geben dürfe.

Insgesamt, sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, habe sie jedoch gute Erfahrungen in den Treffen mit Flüchtlingen gemacht. Wenn sie als Person beispielsweise immer wieder mit der Politik des Staates Israel identifiziert worden sei, habe sie nach und nach vermitteln können, dass sie dieser Politik selbst nicht selten kritisch gegenüberstehe und in jedem Fall unabhängig davon denke. Selbst über den Holocaust, der in Teilen der islamischen Welt nach wie vor geleugnet wird, habe man irgendwann reden können. Jürgenliemks Hoffnung: dass die Teilnehmer ihre veränderte haltung weitergeben. Die Vermittlung des Wissens über den Völkermord an den Juden sieht Jürgenliemk denn auch als „gesellschaftliche Aufgabe“.

Im Vorfeld, sagt die Gemeindevorsitzende, sei sie sehr unsicher gewesen, diesen Workshop überhaupt anzubieten und starke Ängste gehabt, sich offen als Jüdin zu bekennen. „Aber als mein Zutrauen sehr stark war, habe ich mich dazu entschlossen“ - obwohl die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Göttingen nach den vielen antisemitischen Vorfällen in ganz Deutschland überein gekommen sind, sich in der Öffentlichkeit nicht als Juden erkennen zu geben.

„Der Koran ist voll von judenfeindlichen Aussagen“

Auch Annabel Konermann, Ehrenamt-Koordinatorin des Flüchtlingsheim-Betreibers Bonveno, sieht die ideologischen und religiösen Probleme, mit Flüchtlingen solche Themen in neutraler Atmosphäre zu erörtern. Ein Problem unter vielen, so Konermann: „Der Koran ist voll von judenfeindlichen Aussagen.“ Weil der Koran meist wörtlich verstanden und anders als mittlerweile die Bibel nicht aus der Zeit seiner Entstehung heraus interpretiert werde, blieben solche Passagen häufig unwidersprochen und undiskutiert. Sie sei geradezu „geschockt“ gewesen, meint Konermann, als sie erfahren habe, dass in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge der Hass auf Juden „schon im Kindergarten eingetrichtert“ (Beispiele hier und hier) werde. Das schließe auch Gewalt und Märtyrertum ein (Beispiele hier, hier und hier). Auch deswegen könne man die Flüchtlinge nicht für radikale und freiheitsfeindliche Ansichten persönlich verantwortlich machen. Und, so Jürgenliemk, „nicht alle Araber sind auch Antisemiten“.

Einig sind sich Jürgenliemk, Donermann und Regine Pfeil als Sprecherin des Runden Tisches Zieten auch darin, dass es unerlässlich ist, die freiheitsorientierten Werte der Demokratie gegenüber anderen Vorstellungen nicht nur zu behaupten, sondern sie auch durchzusetzen: Menschenrechte, Redefreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Trennung von Kirche und Staat, Freiheit der Kunst – alles nicht verhandelbar. Jürgenliemk: „Unsere Werte müssen viel klarer vermittelt werden.“

Antisemitismus von links

Dabei gebe es allerdings eine Schwierigkeit, sagen Jürgenliemk und Konermann: In nicht wenigen Flüchtlingshelferorganisationen, vor allem den politisch links orientierten, sei das Feindbild Israel weit verbreitet. Die Botschaft, die dann bei den Flüchtlingen ankomme: Die Feindschaft gegen Israel und implizit gegen „die Juden“ seien eigentlich gar nicht so schlimm, sondern seien teils sogar gerechtfertigt. Und Jürgenliemk meint, dass in derartigen Organisationen die Trennlinie zwischen Israelfeindlichkeit und Antisemitismus mindestens unscharf sei. Für die Vermittlung von demokratischen Werten, geschweige denn für Integration von Flüchtlingen seien solche Signale fatal.

Von Matthias Heinzel

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