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Göttingen Zehn Jahre Bodenfelder Synagoge in Göttingen
Die Region Göttingen Zehn Jahre Bodenfelder Synagoge in Göttingen
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00:36 27.05.2018
Vor zehn Jahren: Die Bodenfelder Synagoge ist an der Göttinger Angerstraße wieder aufgebaut. Quelle: GLOK
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Göttingen

Dass dieses Gebetshaus an der Angerstraße über nunmehr fast zwei Jahrhunderte als Synagoge genutzt wurde, sei „spirituell etwas ganz Besonderes“ und etwas völlig anderes als ein Neubau, meint Jürgenliemk. Weil in der Pogromnacht auf den 10. November 1938 sehr viele Synagogen zerstört wurden, sei dies ein seltener Einzelfall in Deutschland.

Kein Einblick in die Frauenempore

Außergewöhnlich ist die Geschichte der ehemaligen Bodenfelder und jetzigen Göttinger Synagoge in jedem Fall. Erbaut im Jahr 1825, stand sie an der Mühlenstraße in Bodenfelde. Errichtet wurde sie in Fachwerkbauweise als stützenloser, fast quadratischer Saalbau mit einer Frauenempore an der Westseite, die durch einen Treppenaufgang an der Außenseite zugänglich war. Ein mit Gardinen bespanntes Holzgitter verhinderte den Einblick in die Empore.

Der Bau im Stil der für den Solling typischen Fachwerkkirchen stand auf einem quadratischen Buntsandsteinsockel mit einer Seitenlänge von acht Metern. Der Fußboden bestand ursprünglich aus Holzbohlen. Sie wurden 1850 herausgenommen und durch Sandsteinplatten ersetzt, hat der Uslarer Heimatpfleger Detlev Herbst herausgefunden.

Von der Mühlenstraße führte ein schmaler gepflasterter Durchgang zum Eingang der Synagoge auf der Südseite. Die Synagoge bestand aus einem quadratischen schmucklosen Raum, dessen Wände geweißt waren. Unter einem siebenarmigen Kerzenleuchter stand auf einem achteckigen hölzernen Podest das ebenfalls aus Holz gefertigte Lesepult, die Bima.

Im Winter keine Gottesdienste

Die Gemeinde besaß zwei Thorarollen. „An der Ostwand des Gebäudes“, erklärt Herbst, „war der schrankähnliche Thoraschrein mittig angebracht, dessen Vorderseite von einem roten, mit einer goldenen Krone bestickten Samtvorhang bedeckt war.“ Da die Synagoge nicht beheizt werden konnte, fanden im Winterhalbjahr die Gottesdienste in der „Wintersynagoge“ im Hause Kahlberg an der Querstraße statt.

Wie viele andere jüdische Gemeinden auch, wurde die Synagogengemeinde Uslar-Bodenfelde-Lippoldsberg in der NS-Zeit zwangsweise aufgelöst, nachdem die Gemeinde zuletzt nur noch aus drei Personen bestanden hatte. Die Synagoge wurde 1937 an einen Bodenfelder Schuhmacher verkauft und fortan als Werkstatt und Lagerschuppen genutzt. So überstand sie die NS-Diktatur samt der November-Pogrome 1938, der reichsweit fast alls Synagogengebäude zum Opfer fielen.

Synagoge knapp gerettet

Dabei ging auch das nur knapp aus, berichtet Jürgenliemk. 1938 stürmten SA-Männer mit Benzinkanistern auch zur Bodenfelder Synagoge, um sie niederzubrennen. Doch der Landwirt habe erwidert, das Gebäude sei keine Synagoge mehr, sondern gehöre ihm. Erst als er mit Dokumenten seinen Besitzerstatus nachgewiesen hatte, zog der Mob wieder ab, so die Erkenntnisse der Gemeinde. Erst nach 1945 wurde die Empore einschließlich der äußeren Zugangstreppe entfernt und große Scheunentore eingebaut. Spätere, auch weitreichende Umbauten folgten.

In den 1980er- und 1990er-Jahren verfiel das Gebäude. Herbst: „Durch undichte Stellen im Dach und zerbrochene Fensterscheiben drang ständig Feuchtigkeit ein und schädigte den Innenraum und auch das Fachwerk. Die Decken – und Wandmalereien wurden besonders in Mitleidenschaft gezogen. Teile des Lehmputzes, auf den sie aufgemalt waren, lösten sich und fielen herunter. Zwar war die ehemalige Synagoge in den 1970er-Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden, aus Kostengründen konnte der Eigentümer jedoch nur oberflächliche kosmetische Reparaturen vornehmen, erklärt Herbst, der das marode Gebäude als ehemalige Synagoge wiederentdeckte.

„Ein großer Glücksfall“

Nach dem Wiedererstehen der Jüdischen Gemeinde Göttingen kam 1994 die Idee auf, die frühere Bodenfelder Synagoge nach Göttingen umzusetzen, sie zu restaurieren und wieder als Gemeindesynagoge zu nutzen. Dazu wurde 1996 eigens zu diesem Zweck der „Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen“ gegründet. 1998 kaufte der Förderverein das Bodenfelder Gebäude. Im Herbst 2006 wurde es abgebaut, und im Jahr 2007 konnte anlässlich des Chanukka–Festes das Richtfest der neuen Gemeindesynagoge, nun in der Göttinger Angerstraße, gefeiert werden. 2008 wurde die Synagoge eingeweiht.

Seitdem, sagt die Gemeindevorsitzende Jürgenliemk, werde es nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Veranstaltungen wie beispielsweise Konzerte genutzt. Das erweitere die Möglichkeiten des Gemeindelebens ganz erheblich. Jürgenliemk: „Die Synagoge und ihre Geschichte bringt unserer Gemeinde einen ganz besonderen Zusammenhalt bis heute.“ Das Umsetzen nach Göttingen sei „ein riesiger Schritt“ gewesen. Und „ein großer Glücksfall“.

Von Matthias Heinzel

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