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Göttingen Zeitzeugen-Projekt über Flucht
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00:17 23.02.2017
Minderjährige Flüchtlinge erzählen ihren neuen Mitschülern der Waldorfschule aus ihrer Heimat. Quelle: Niklas Richter
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Weende

„Wir waren uns schnell einig, dass wir auch Flüchtlingskinder aufnehmen“, sagt Michael Hänel, Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Freien Waldorfschule. Ganz selbstverständlich sei das zunächst nicht gewesen. Die Eltern der Waldorf-Kinder zahlen Schulgeld, sie müssen den ausbleibenden Beitrag mit tragen. Denn die Jugendhilfe Süd-Niedersachsen kann kein Schulgeld zahlen, erklärt die Fachbereichsleiterin Yvonne Petry. Der Verein betreut alle unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge in der Region, die meisten gehen auf staatliche Schulen. Aber dort passe es nicht immer, so Petry, „da ist die Hilfe der Waldorfschule viel Wert“.

16 bis 18 Jahre alt sind die sechs aufgenommenen Flüchtlinge. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und anderen Ländern. Und sie haben einen schweren Weg hinter sich. Zurzeit befassen sich Waldorfschüler aus dem zehnten Jahrgang in einem Vertiefungsmonat mit dem Thema Flucht. Sie haben mit älteren Zeitzeugen gesprochen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat fliehen mussten – und jetzt mit ihren eigenen Mitschülern.

Plötzlich ist es ganz still im Raum. Leise erzählt Awet von seiner Flucht vor fast vier Jahren „aus einer ganz schlimmen Diktatur“ in Eritrea, von den Strapazen in Flüchtlingslagern in Äthiopien und Libyen, von Todesdrohungen der IS, weil er Christ ist, von der Überfahrt mit einem kleinen Boot nach Italien, wo er krank und unterernährt ins Krankenhaus musste. „Ich hatte oft so Angst“, antwortet Awet offen auf die Frage einer Mitschülerin.

„Ich hatte oft so Angst, sagt Awet, Waldorfschüler und Flüchtling aus Eritrea.

Auch Abdul ist ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen. Ein Bruder in Göttingen, seine Eltern und andere Geschwister sind in Syrien geblieben - “obwohl in unserer Stadt alles kaputt ist“, sagt der 16-Jährige. Immer wieder habe er Grenzer, Fluchthelfer und IS-Leute bestechen müssen, um weiter zu kommen. Unzählige Verhöre habe er erlebt: in der Türkei, in Serbien, in Ungarn.

„Das ist schon hart, was sie erlebt haben“, sagt die 14-Jahrige Waldorfschülerin Lea. Und es sei gut, „dass die hier so gut aufgenommen werden und klar kommen“, ergänzt ein Mitschüler. Hier lernt Abdul jetzt vor allem Deutsch und mag am liebsten Mathe - er will später in die Naturwissenschaften. Awet hofft erst einmal auf den Realschulabschluss.

Bevor die Waldorfschule sie aufgenommen hat, habe es intensive Gespräche gegeben. „Das machen wir bei allen so“, sagt Hänel, „wir achten schon darauf, dass auch die geflüchteten Schüler zu uns passen und wir mit unserem besonderen Konzept zu ihnen“.

Probleme gebe es aber zunehmend bei der Finanzierung, bedauert die Geschäftsführerin der Schule, Susanne Evertz. Jetzt hoffe sie auf Paten, die das Schulgeld der Flüchtlinge übernehmen, oder auch den ein oder anderen Eltern-Arbeitseinsatz. Interessierte können sich unter Telefon 0551/90036380 melden.

Minderjährige Flüchtlinge

Fast 350 minderjährige Flüchtlinge ohne Elternbegleitung betreut die Jugendhilfe Süd-Niedersachsen zurzeit. Davon sind 40 in Gastfamilien untergebracht – es sind die Jüngsten. 307 leben recht eigenständig in betreuten Wohngruppen, erklärte die Fachbereichsleiterin Yvonne Petry – sie sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Etwa 40 der Kinder und Jugendlichen sind Mädchen.

Fast alle gehen zu einer Schule, die älteren überwiegend an eine Berufsbildende Schule. Die Kooperation mit den Schulen sei immer sehr gut, „wir stehen in einem engen Austausch“, so Petry. Immer wieder suche die Jugendhilfe neue Gastfamilien, fügte sie an. Sie können sich telefonisch unter 0551/99958932 oder per Mail an ritz@jugendhilfe-sued-niedersachsen.de. us

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