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Göttingen „Immer noch finden sich kleine Spuren“
Die Region Göttingen „Immer noch finden sich kleine Spuren“
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00:20 09.02.2018
Klaus Sievert (links) zeigt Heiner Willen Dokumente aus dem Familienarchiv. Sein Vater kaufte 1939 das Haus von Max Silbergleit. Quelle: r
Göttingen

Auf dem Tisch liegt ein aufgeklapptes Fotoalbum, daneben ein anwaltliches Schriftstück aus dem Jahr 1939. Klaus Sievert hält eine Aufnahme in der Hand, zeigt sie dem Besucher. Zu sehen ist ein verbarrikadiertes Schaufenster, das Geschäft dahinter waren kurz zuvor zerschlagen worden. Es ist das Geschäft der Familie Silbergleit im Papendiek 3. Das Foto hat sein Vater aus einem gegenüberliegenden Geschäft gemacht – zwei Tage nach der Reichspogromnacht im November 1938. Sein Besucher ist Heiner Willen, Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen.

Sievert war zweieinhalb Jahre alt, als in Göttingen die Synagoge brannte und überall in der Nachbarschaft die Fensterscheiben zu Bruch gingen. Und er glaubt, sich an die Nacht erinnern zu können, als Klirren und lautes Geschrei durch das Fenster seines Kinderzimmers drangen. Auch dass er auf den Schultern seines Vaters die Löscharbeiten in der Oberen Masch beobachtete, hat er noch vor Augen.

Ladenzeile im Papendiek in der Nachkriegszeit. Quelle: r

Wie die Silbergleits betrieb auch seine Familie ein Geschäft für Schreibwaren und Lederwaren im Papendiek. Sein Großvater hatte das Haus mit den Nummern 4 und 5 kurz nach der Jahrhundertwende neu aufgebaut. Im Erdgeschoss waren zwei Geschäfte, in den oberen Etagen waren Wohnungen untergebracht. 1909 zogen Lea und Max Silbergleit in das schmale Nachbarhaus. Hier erstreckte sich die Ladenfläche über zwei Etagen.

Kurz nach den Übergriffen auf sein Geschäft 1938 musste Silbergleit wie alle jüdischen Geschäftsleute sein Gewerbe abmelden. Wenige Monate später verkaufte er das Haus samt Geschäft an seinen Konkurrenten Kurt Sievert für 12 000 Reichsmark und lebte künftig mit seiner Frau zur Miete in zwei Zimmern des ehemals eigenen Hauses. Als sie im März 1942 deportiert wurden, schufen Handwerker einen Durchbruch zwischen den Häusern: „Ich wurde als kleiner Junge durch das Loch in der Wand in das andere Haus gehoben und stand in einem komplett eingerichteten und verlassenen Wohnzimmer“, erinnert sich Sievert. Die ehemaligen Bewohner lebten zu diesem Zeitpunkt schon im Warschauer Ghetto. Später wurden sie in Treblinka ermordet.

Eine mittlerweile vergilbte Terminvereinbarung eines Göttinger Notars dokumentiert den Verkauf des Hauses 1938. Ein Gerichtsbeschluss aus den 50er Jahren beweist, dass das Gebäude mit der Hausnummer 3 allerdings nicht im Besitz der Familie Sievert geblieben ist, obwohl es ihnen im Zuge der Restitutionsverfahren zu günstigen Konditionen angeboten wurde.

Als er von der Verlegung der Stolpersteine erfuhr, wandte sich Sievert an Willen. Er bot ihm an, ihm die erhaltenen Dokumente und Fotos aus dem Familienbestand als Kopien zur Verfügung zu stellen. „Es ist eine absolute Seltenheit, dass sich Zeitzeugen an uns wenden und ihre Geschichte erzählen.“ Oft genug ist die Auseinandersetzung mit der Familienhistorie in der Zeit des Nationalsozialismus schmerzhaft und für die Nachkommen unangenehm.

Willen nahm Sieverts Angebot dankend an und vereinbarte mit dem Stadtarchiv eine Übergabe der Akten. „Für uns ist das eine wunderbare Sache.“ Man versuche gemeinsam, die Erinnerungen an das jüdische Leben in Göttingen wach zu halten – wie beispielsweise mit der Verlegung der Stolpersteine. Und mit dem Blick auf die Dokumente ergänzt er: „Immer noch finden sich kleine Spuren.“

Von Markus Scharf

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