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Göttingen Zerstörte Existenzen und Hoffnungslosigkeit im Hagenweg 20
Die Region Göttingen Zerstörte Existenzen und Hoffnungslosigkeit im Hagenweg 20
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20:45 21.02.2014
„Hoffnung“: Das Haus Hagenweg 20 ist durch Anträge der SPD- und Grünen-Fraktion im Rat der Stadt wieder in der Diskussion. Quelle: Pförtner
Göttingen

Das Haus verfällt. Außen bröckelt der Putz von der Fassade. Rostender Stahlbeton kommt zum Vorschein. Erst kürzlich ist ein schweres Balkongeländer aus Beton auf den Hof gestürzt. Scheiben sind eingeschlagen.

Im Innern setzt sich der Verfall fort. Die abgestandene Luft in den schmalen Fluren mischt sich mit Muff und Essensgeruch, das Weinen eines Babys mit Wortfetzen aus dem Fernseher. Kacheln im Treppenhaus sind längst von der Wand geschlagen. Deckenverkleidungen fehlen in den Fluren völlig oder hängen windschief in den Halterungen.

Elektrokabel ragen, oft nur notdürftig isoliert, aus den Wänden. Diese sind teilweise mit Fäkalien oder Graffiti beschmiert. Glastüren, die ehemals die Gebäudetrakte voneinander abgetrennt haben, sind kaputt oder einfach nicht mehr vorhanden. Das einzig Neue in dem Haus scheinen die Überwachungskameras in den Eingangsbereichen zu sein. „Damit werden die Junkies vertrieben“, sagt Daniela S.

Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Alkohol und Drogen

Hier wohnen die, die ganz unten angekommen sind. Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Alkohol, Drogen. Auch Daniela S. bekommt Hartz IV. Nach Problemen mit ihrem ehemaligen Vermieter ist sie vor zweieinhalb Jahren im Hagenweg 20 gelandet. Hier wohnt sie mit ihrem Freund in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung.

460 Euro zahlt die Stadt Göttingen dafür an ihren Vermieter. An Wänden und Decken hat Daniela S. mit Filzstift markiert, wo das Wasser in ihre Wohnung geflossen ist. Es sind viele Kreuze. Hinter den Tapeten hatte sich dicker, schwarzer Schimmel gebildet. „Die Schäden sind nur notdürftig behoben worden“, sagt Daniela S. Über Balkone und das undichte Dach dringt immer weiter Wasser in die marode Bausubstanz.

Auch Maria B. hat Schimmel und Wasser in der Wohnung. „Meine Möbel sind dadurch komplett ruiniert“, sagt die 25-Jährige. Behoben würden die Schäden in der Wohnung nicht. Häufig falle die Heizung aus, dann bleibe die Wohnung kalt, warmes Wasser sei dann Fehlanzeige.

Oft sei das Wasser komplett abgestellt. Auch für die Wohnung von Maria B. zahlt die Stadt die Miete. „Die Stadt zahlt und zahlt, macht aber nichts gegen die Zustände im Haus“, wundert sich Maria B.

30 verschiedene Eigentümer

Für die Stadtverwaltung sei es schwierig, direkt mit den Eigentümern in Kontakt zu kommen, erläutert Verwaltungssprecher Detlef Johannson: „Wir haben es hier mit rund 30 verschiedenen Eigentümern zu tun, deren Interesse an dem Objekt nach unserer Einschätzung unterschiedlich stark ausgeprägt ist.“ Viele Wohnungseigentümer kommen nicht aus Göttingen, viele aus Süddeutschland.

In der Vergangenheit sind Wohnungen für einen Verkehrswert von 5200 Euro zum Verkauf angeboten worden. Viele kamen bei Zwangsversteigerungen unter den Hammer.

Gleichzeitig betont Johannson aber, dass die Stadt keineswegs Personen in das Gebäude vermittelt. „Im Gegenteil: Im Rahmen unserer Beratungspflicht werden gerade Personen mit Handicaps und Alleinerziehende auf die problematische Wohnsituation ausdrücklich hingewiesen. Letztlich entscheiden aber die Wohnungssuchenden selbst, wo sie anmieten.“

Seit fünf Jahren wohnt Maria B. im Hagenweg. Nach einem Drogenentzug – heute bekommt sie täglich ihre Ration Methadon – war sie hier gelandet. Etwas anderes hatte sie nicht gefunden. „Dieses Haus macht krank“, sagt Maria B. Sie selbst sei schon einmal zusammengeschlagen worden.

50 Hunde im Haus

„Ich schlafe kaum eine Nacht durch, weil es immer laut ist. Schon allein wegen der 50 Hunde, die es im Haus gibt. Rücksicht nimmt hier keiner auf dich.“ Nervlich sei sie dadurch am Ende. Und es werde im Haus immer schlimmer. Nein, sagt sie, die Jobsuche habe sie aufgeben.

„Man wird hier depressiv, lässt sich gehen, man passt sich an“, sagt Maria B.. Viele im Haus hätten sich aufgegeben, berichtet sie. Hinzu kommt das Ungeziefer wie Kakerlaken oder Mäuse, das es immer noch im Haus gebe. Hilfe von außen? Fehlanzeige.

Das Gesundheitsamt für die Stadt und den Landkreis sei weder von Bewohnern noch von Vermietern über gesundheitliche Missstände informiert worden, sagt Johannson. Zuletzt habe es 2005 durch den Fachbereich Ordnung „Hinweise auf hygienische Missstände in dem Wohnkomplex“ gegeben.

„Bei zwei Begehungen ergaben sich Vermüllungsproblematiken und vermutlich Schabenbefall. Erkrankungen konnten nicht festgestellt werden“, sagt Johannson.

Für die Stadt, die sich seit Jahren mit der Situation in dem Mietsblock konfrontiert sieht, sei heute klar: „Dort gibt es erhebliche bauliche Mängel und schwierige Wohnverhältnisse, die immer wieder einen fachdienstübergreifenden Einsatz erfordern, wie zuletzt im Januar. Die Fachbereiche und Fachdienste Ordnung, Jugend, Feuerwehr und Bauordnung waren vor Ort“, sagt Johannson.

Zerstörte Existenzen und Hoffnungslosigkeit: 160 Wohnungen im Göttinger Hagenweg 20.

Die Verwaltung werde das Objekt weiterhin – immer dann, wenn es dafür einen „sachlichen Grund“ gebe – regelmäßig begehen. „Bei Objekten wie diesen geht es aber vornehmlich um Fragen des Brandschutzes, um Fluchtwege beispielsweise. Bei der Einhaltung von Auflagen waren bisher behördliche Zwangsmittel nicht nötig“, sagt Johannson.

Vor der jüngsten Begehung, so schildert Daniela S. ihre Beobachtungen, habe die Hausverwaltung aufgeräumt und mit kleineren Reparaturarbeiten begonnen.

Mehr als 160 Appartements gibt es in dem Haus. Ihre Verwaltung hat die Firma Heinz Meyer Immobilien aus Gillersheim übernommen. Im Erdgeschoss gibt es ein Büro, das über die einzig intakte und abschließbare Glastür im Haus zu erreichen ist. Die Fenster sind vergittert.

Heinz Meyer will die Situation in dem Mietshaus nicht kommentieren. Dazu bedürfe es der Zustimmung des Eigentümerbeirates. Die habe er derzeit aber nicht, sagt Meyer. Er selbst besitzt auch Wohnungen im Hagenweg 20.

„Keine Chance“ in der „Schlüpferburg“

Zu rund 130 Einsätzen in dem Mietshaus ist die Göttinger Polizei im vergangenen Jahr ausgerückt. Drogen, Einbruch, Diebstahl, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Ruhestörungen – „breit gefächert“ nennt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz die Gründe für die Polizeieinsätze. Auch wenn viele keine strafrechtlichen Ermittlungs- oder Ordnungswidrigkeitenverfahren nach sich gezogen hätten, sagt sie.

Verstöße gegen das Waffengesetz spielten in den vergangenen Jahren und auch im Jahr 2013 nach Erkenntnissen der Polizei „eine untergeordnete Rolle“. Das gelte auch für Einsätze wegen „häuslicher Gewalt“, sagt Kaatz. „Ob wir von derartigen Vorfällen offiziell erfahren, hängt allerdings oftmals von den betroffenen Personen beziehungsweise der Mitteilung durch Zeugen ab.“

Nach Angaben der Polizeisprecherin schwankt die Anzahl der polizeilichen Einsätze im Hagenweg 20 von Jahr zu Jahr. (2009: 90, 2010: 77, 2011: 105, 2012: 91). Die Feuerwehr verzeichnet für die Jahre 2012 und 2013 54 Rettungsdiensteinsätze, aber keinen Brandeinsatz, wie Frank Gloth, Sprecher der Berufsfeuerwehr, mitteilt.

„Bei denen bekommt man fast alles“

„Dass hier mit Waffen gehandelt wird, kommt nicht selten vor“, sagt Daniela S. Und Maria B. berichtet von mindestens zwei bis drei Dealern, die regelmäßig im Haus sind. „Bei denen bekommt man fast alles“, sagt sie. Zusätzlich dazu sind mindestens zwei Wohnungen von „Puffmutter Ulla“ an Prostituierte vermietet, die dort ihrem Gewerbe nachgehen. Der Stadt liegen drei Gewerbeanmeldungen für Hostess oder Begleitservice vor.

„Wenn du hier wohnst, hast Du keine Chance mehr“, berichtet Daniela S. von ihren Erfahrungen. Versuche, einen Job zu bekommen, scheitern an der Adresse. Unter „Schlüpferburg“ oder „Ghetto“ ist das Haus bekannt. „Wenn du den Leuten erzählst, du wohnst im Hagenweg, bist du unten durch. Keiner sagt es dir offen ins Gesicht. Aber du merkst das an den Reaktionen.“ Einsam und verlassen steht die Hoffnungsbank am Hagenweg.

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