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Die Region Premiere im Jungen Theater in Göttingen: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Die Region Premiere im Jungen Theater in Göttingen: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
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18:35 30.11.2018
Winter in Schleswig-Holstein: Der Vater wird Lebensretter im Schneechaos.   Quelle: Foto: Heise
Göttingen

Das Ensemble des Jungen Theaters hat sich dem Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ von Joachim Meyerhoff theatralisch gewidmet. Am Donnerstag feierte die Inszenierung vor ausverkauftem Haus Premiere.

Josse, gespielt von Andreas Krüger, führt das Publikum in die Geschichte ein. Er berichtet von seinem Zuhause, der Psychiatrie die sein Vater leitet. Dort lebt der Junge mit seinen Eltern und seinen beiden älteren Brüdern. Er erzählt von den Eigenheiten der Patienten. Von ihren nächtlichen Schreien, ohne die er nicht schlafen kann. Berichtet von seinem „ersten Toten“. Verrät durch seinen Ton, dass es nicht bei einem Toten bleiben wird.

Der Regisseur Eike Hannemann lässt seinen Protagonisten Bilder in den Kopf seines Publikums malen. Wir sehen ihn zur Schule rennen. Dabei bewegt sich Krüger tatsächlich kaum. Er nutzt sein Mikrofon und seine Stimme. Unterstützt wird der Schauspieler dabei vom gesamten Ensemble vor dem schlichten, zweckmäßigen Bühnenbild. Mit einem Beamer werden Bilder an die Bühnenwand geworfen, die das aktuelle Bühnengeschehen illustrieren. Auf einer Hochebene aus Holzboxen, die u-förmig auf die Bühne gebaut ist, stehen fünf Mikrofone. Hinter jedem findet sich ein Akteur, der akustisch das untermalt, was Krüger als Josse widerfährt.

Erfinden heißt erinnern

So bleibt kein Zweifel daran, dass Josse das Herz bis zum Hals schlägt, als er besagten ersten Toten auf dem Schulweg entdeckt. Josse, der daheim stets im Schatten seiner älteren Brüder steht, genießt die plötzliche Aufmerksamkeit: Während er seinen Klassenkameraden das Geschehen schildert, wird die Geschichte immer abenteuerlicher. Bis ihm inmitten seiner Flunkerei aufgeht, dass er versehentlich ein Detail erwähnt hatte, das der Wahrheit entsprach. Er hatte einen Ring an der Hand des Toten erfunden, den er dort auch tatsächlich gesehen hatte. „Erfinden heißt erinnern“, zieht Josse ein erstes Fazit seines noch jungen Lebens. Eine Erkenntnis, die seine Art der Betrachtung von Zukunft und Vergangenheit definiert.

Krüger darf sich ganz auf die Darstellung Josses konzentrieren. Die übrigen Schauspieler versorgen das Publikum mit der passenden Geräuschkulisse zum Geschehen auf der Bühne und schlüpfen, mit Ausnahme von Jan Reinartz als Vater, immer wieder in andere Rollen. So wirkt Jacqueline Sophie Mendel etwa als mittlerer Bruder, aber auch als Psychiatriepatient Ludwig, der zum 40. Geburtstag des Vaters eingeladen wird. Zusammen mit Margret (Katharina Brehl), die ohne Punkt und Komma quasselt, und Dietmar (Karsten Zinser), dessen Fragen nach dem Zusammenhalt der Welt eher aufdringlich als nachdenklich wirken, nimmt Ludwig an der Familienfeier teil, die schnell aus dem Ruder läuft.

„Papa plant und Mama schuftet“

Als jüngstes der Kinder steht Josse in Konkurrenz zu seinen Brüdern, die es nicht an Häme und Kritik ihm gegenüber mangeln lassen. Allerdings liefert der Junge auch reichlich Angriffsfläche. Die Mutter erfüllt das Klischee der fleißigen Hausfrau und hält die Familie zusammen. Der Vater ist das unangefochtene Oberhaupt der Familie, er verhält sich seinen Kindern und Patienten gegenüber gleichsam fürsorglich wie gönnerhaft. Das Bild von Josses Erkenntnis „Papa plant, und Mama schuftet“, setzt Regisseur Hannemann in Leuchtfarbe um. Im gelben Friesennerz scheitert der Vater am praktischen Teil der Segelprüfung, seine Frau bringt beide sicher an Land. Nur eines von vielen Gleichnissen, die das Ensemble auf die Bühne bringt.

Ein anderes ist im Verlauf des Stückes die Aufforderung der Brüder an den Hund (Katharina Brehl): „Sitz, Platz, tot.“ Gepaart mit der passenden Pistolen-Geste wirkt das Kunststück wegweisend. Das eine Mal, als Leika der Aufforderung nicht nachkommt, ist der Moment, in dem sie tatsächlich sterben soll. Und facht damit in dem Protagonisten Josse eine Übersprunghandlung an, die aufzeigt, wie groß der Druck in ihm wird, wenn er dem Tod begegnet. Und an Toten mangelt es in Josses Leben nicht.

Wenn er die Schreie der Patienten nicht höre, könnte er nicht schlafen, hatte Krüger als Josse eingangs intensiv geschildert. Als sein Vater im Sterben liegt, lässt Josse das Publikum lautstark daran teilhaben: Er beschreibt die Schmerzen seines Vaters, die Schreie, die nicht verhallen wollen und „immer lauter werden, bis der Schmerz durch die Wände dringt.“ Als die entstehende Stille im Saal des Jungen Theaters durchdringend wird, wirkt Josses Nachschub wie ein Kommentar: „Und dann war es plötzlich ganz still.“

"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" feierte Premiere im JT  Quelle: Heise

Gelungene Besetzung

Man muss die Darstellung psychisch erkrankter Menschen, wie sie unter der Regie Hannemanns auf die Bühne gebracht wird, nicht mögen. Einigen Charakteren hätte ein Mehr an menschlicher Tiefe und weniger Klamauk sicher nicht geschadet. Diesbezüglich eine klare Ausnahme ist die Darstellung der Eltern, die die Familienkonflikte konkret auf die Bühne bringen. Agnes Giese (als Mutter) hat nicht viel Text, trägt diesen aber sehr feinsinnig vor. Und auch Reinartz´ Spiel ist ein Kontrapunkt. Die scheinbar unfehlbare Figur des Vaters resümiert im Angesicht seines nahenden Endes: „Da denkt man, im Alter wird das besser mit Liebeskummer und Schmerz. Ist alles Quatsch.“

Nachhaltig beeindruckend ist die Einsatzbereitschaft und die Geschwindigkeit, mit der das Ensemble agiert. Die Schauspieler haben kaum je einen Moment zum Durchatmen. Das Publikum feiert einen rundum gelungenen Premierenabend, dem die philosophischen Ideen des Autors Meyerhoff nachklingen: „Was wäre, wenn wir nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit gestalten könnten?“

Weitere Vorstellungen finden am 30. November, 8., 22. und 31. Dezember, 11. und 25. Januar sowie 14. Februar jeweils um 20 Uhr im Jungen Theater in der Hospitalstraße 6 in Göttingen statt. Karten können unter Telefon 0551/495015 reserviert werden.

Von Claudia Bartels

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