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Bad Gandersheim Gutachter ermitteln Lärmpegel
Die Region Northeim Bad Gandersheim Gutachter ermitteln Lärmpegel
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00:18 16.07.2018
Publikumsliebling der diesjährigen Domfestspiele ist das Tanzmusical „Fame“, bei dem es viel Musik zum Mitklatschen gibt. Quelle: r
Bad Gandersheim

Seit 60 Jahren wird im Sommer mehrere Wochen lang vor der romanischen Stiftskirche in Bad Gandersheim Theater gespielt. Während der Festspielsaison besuchen durchschnittlich 50.000 Zuschauer die Aufführungen vor der eindrucksvollen Fassade der Basilika. Oft übernehmen hochrangige Politiker die Schirmherrschaft, in den vergangenen sechs Jahrzehnten kamen allein sechs amtierende Bundespräsidenten zu den Gandersheimer Domfestspielen. In diesem Jahr hat das größte Freilichttheater Niedersachsens einen Stammgast, der die Open-Air-Darbietungen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Dieser Besucher interessiert sich allerdings nicht für die schauspielerische Leistung, sondern für die Akustik: Er misst den Lärmpegel, der von den Festspielen ausgeht.

Die Messungen sind eine Auflage des Verwaltungsgerichts Göttingen. Das Gericht hatte im vergangenen Sommer der Klage einer Anwohnerin des Domvorplatzes stattgegeben, die sich durch die Geräuschkulisse während der Festspielzeit beeinträchtigt fühlt. Das Gericht verpflichtete den zuständigen Landkreis Northeim zum „bauaufsichtlichen Einschreiten“. Die Behörde muss in dieser Saison durch einen öffentlich bestellten Sachverständigen ermitteln lassen, wie hoch die Geräuschbelastung bei den Festspielen ist. Sollte sich herausstellen, dass die zulässigen Immissionsrichtwerte überschritten werden, müsste die Behörde gegen die Bad Gandersheimer Domfestspiele gGmbH einschreiten.

Messungen auch bei den Proben

Der Landkreis Northeim beauftragte daraufhin ein Ingenieurbüro in Hannover, das auf technische Akustik spezialisiert ist. Dieses musste bereits vor der Eröffnung der Festspiele in Aktion treten. Das Gericht hatte im vergangenen Jahr zum Ende der Festspielsaison bei einem Ortstermin einen Eindruck von dem Geräuschpegel gewonnen, der beim Abbau der Zuschauertribüne entsteht. Dies floss dann auch in die Entscheidung ein: Nach den Vorgaben der Kammer sind jeweils an zwei Tagen des Auf- und Abbaus der Tribüne Lärmmessungen vorzunehmen, außerdem jeweils eine Messung bei den Proben der einzelnen Stücke.

Zaungast von Amts wegen: Der Techniker hat sich für seine Lärmmessungen außerhalb der Besuchertribüne postiert. Quelle: Niemann

Hinzu kommen jeweils zwei Messungen bei den Abendvorstellungen der einzelnen Stücke. In diesem Jahr sind es das Schauspiel „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, die Musical Comedy „The Addams Family“ und das Musical „Fame“. Dabei geht es nicht nur um den Geräuschpegel, den die Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker auf der Bühne produzieren, sondern auch um die Lautstärke, die durch die Beifallsbekundungen des Publikums entsteht. Die Messungen müssten insbesondere auch den Schlussapplaus und das Verlassen der Tribüne durch die Zuschauer erfassen, heißt es in der Gerichtsentscheidung.

„Bei uns läuft alles so wie immer“

Auf die Arbeit der Theatermacher haben die Messungen keine Auswirkungen: „Bei uns läuft alles so wie immer“, sagt die Sprecherin der Domfestspiele, Melanie Spilker. Das Publikum bekommt von den Messungen kaum etwas mit, da sich der Techniker stets außerhalb der Zuschauertribüne postiert. Viele Besucher nehmen den Mann gar nicht wahr, der auf einem Stuhl neben einem hoch ausgefahrenen Stativ mit einem Mikrofon sitzt und akribisch alle relevanten Details dokumentiert. Manche Passanten sprechen ihn auch direkt an. „Fast alle äußern sich lobend über die Domfestspiele“, sagt der Projektassistent.

Der Streit um die Geräuschkulisse schwelt bereits seit Jahrzehnten. Anfang der 1990-er Jahre hatte sich der Sohn der jetzigen Klägerin über die Lautstärke bei den Musical-Aufführungen beschwert und wiederholt Proben und Aufführungen gestört, indem er bei offenem Fenster Staubsaugergetöse oder Radiolärm auf den Platz hinausschallen ließ. Die Stadt Bad Gandersheim, die Eigentümerin des Wohnhauses ist, hatte damals einige Anstrengungen unternommen, um die lärmgestressten Mieter zu besänftigen. Unter anderem baute sie teure Schallschutzfenster mit einer speziellen Be- und Entlüftung ein.

Anfänge liegen im Jahr 1995

1995 wollte der Sohn der Klägerin dann die Inbetriebnahme einer neuen Tribüne mit 980 Sitzplätzen verhindern. Das Verwaltungsgericht Göttingen wies damals seine Klage ab, da nur der Eigentümer des Grundstücks, also die Stadt Bad Gandersheim, klageberechtigt sei. Damals sahen die Richter keine Anhaltspunkte dafür, dass die Geräuschkulisse der Festspiele „eine gesundheitsbeeinträchtigende Intensität“ erreiche. Da seither jedoch mehr als 20 Jahre vergangen sind, muss nach Ansicht des Gerichts nun geprüft werden, ob dies immer noch zutrifft.

Von Heidi Niemann

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