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Northeim Deutschlands ältestes Auto jetzt für den Straßenverkehr zugelassen
Die Region Northeim Deutschlands ältestes Auto jetzt für den Straßenverkehr zugelassen
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17:22 11.04.2019
Es ist das ältestes fahrbereite und im Originalzustand erhaltene Automobil der Welt: Die Benz Victoria Motorkutsche von 1894 ist das wertvollste Exponat des PS-Speicher in Einbeck. Quelle: Niemann
Einbeck

Die alte Dame ist nicht nur eine ganz besondere Schönheit, sondern auch von unschätzbarem Wert: Die Victoria Benz Motorkutsche mit der Fahrgestellnummer 99 ist das wertvollste Exponat des P.S. Speichers in Einbeck. Weltweit gibt es nur noch wenige Fahrzeuge dieses Fabrikats.

Normalerweise steht die kostbare Rarität aus der Kinderstube der Automobilisierung in der Ausstellung in einer Vitrine hinter Glas. Am Donnerstag durfte die alte Dame an die frische Luft und eine ganz besondere Fahrt durch Einbeck unternehmen: Die Benz Victoria knatterte erst zum TÜV und dann zur Zulassungsstelle, wo sie ein Nummernschild verpasst bekam. Damit hat sie einen weiteren Rekord aufgestellt. Die Motorkutsche ist nicht nur das älteste fahrbereite und im Originalzustand erhaltene Automobil der Welt, sondern auch das älteste zugelassene Fahrzeug in Deutschland.

Die Benz Victoria Motorkutsche von 1894 ist das wertvollste Exponat des PS-Speicher in Einbeck.

Die Zulassung des historischen Gefährts wurde zum Medienereignis. Zahlreiche Fernsehteams waren nach Einbeck gekommen, um die spektakuläre Fahrt zu dokumentieren. Die Idee zu dem Unternehmen hatte der Stifter der Sammlung im PS-Speicher, Karl-Heinz Rehkopf. Dieser hatte die Benz Victoria vor zehn Jahren erworben. Sein Plan, das altehrwürdige Fahrzeug wieder für den Straßenverkehr zuzulassen, bereitete den Behörden einiges Kopfzerbrechen – kein Wunder in Zeiten, wo schon ein Dieselmotor zum Zulassungsproblem werden kann. Drei Monate lang wurden Regeln und Vorschriften gewälzt, Gutachten eingeholt und technische Untersuchungen vorgenommen. „Das hat viel Mühe und Aufwand gekostet“, sagt der Sprecher des PS-Speichers, Alexander Kloss.

Am Mittwochabend bekam Fahrzeugsammler Rehkopf schließlich die Ausnahmegenehmigung von Northeims Erstem Kreisrat Jörg Richert überreicht. 40 Euro Gebühr hat die Genehmigung für den 6 PS starken „Pkw offen“ gekostet. Sie besagt, dass die Benz Victoria so minimalistisch ausgestattet bleiben darf, wie sie es nun schon seit 125 Jahren ist: Keine Sicherheitsgurte, kein Spiegel, kein Blinker.

Fahren „nur bei guter Sicht“

Da es keinerlei Elektrik und somit auch kein elektrisches Licht gibt, sondern nur mit Wachskerzen betriebene Reflektoren, darf die Benz Victoria aus Sicherheitsgründen „nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“ und nur „bei guter Sicht“ auf der Straße fahren. „Zum Anzeigen von Fahrtrichtungsänderungen ist eine Winkerkelle mitzuführen“, heißt es außerdem in der Genehmigung. Zur Absicherung im Pannenfall müssen außerdem zwei Warnleuchten an Bord sein.

Am Donnerstagmorgen war es dann soweit: Mitarbeiter des Werkstatt-Teams holten die Motorkutsche aus der Vitrine und schoben sie zum Fahrstuhl des mehrstöckigen Ausstellungsgebäudes. „Behandeln Sie die alte Dame so wie Ihre Großmutter“, sagte Karl-Heinz Rehkopf, der ebenso wie seine Ehefrau Gabriele für die denkwürdige Fahrt in historischem Kostüm erschienen war. Was den Kaufmann und Sammler am meisten fasziniert, ist, dass die Benz Victoria original erhalten ist und nicht nachträglich aufgehübscht oder aufgemotzt wurde: „Sie wurde allerdings immer gepflegt und gehegt.“

Aus erster Hand gekauft

Im Juli 1894 hatte der Industrielle Alexander Gütermann (ein Sohn des Gründers der Nähseidenfabrik Gütermann) die Motorkutsche von Carl Benz gekauft. Die Benz Victoria blieb über mehrere Generationen im Familienbesitz, bis Rehkopf sie 2009 aus erster Hand erwarb. Zunächst musste er den Motor aufwändig instand setzen lassen, da die Kurbelwelle gebrochen und der Zylinder gerissen war. Schon 2010 nahm er mit dem historischen Gefährt am London-Brighton-Run teil.

Bevor die Fahrt in Einbeck starten konnte, mussten die Techniker die Motorkutsche zunächst mit Wasser und Leichtbenzin befüllen. Dann knatterte das Gefährt, eskortiert von Beamten der Polizei, zur TÜV-Station. Es sei schon ein spezielles Fahrgefühl, meinte Gabriele Rehkopf: „Man spürt jeden Stein, aber es macht unheimlich viel Spaß.“ TÜV-Leiter Burkhard Niemietz prüfte, ob alle Mängel beseitigt sind, die bei der ersten Begutachtung vor einigen Wochen beanstandet worden waren.

„Hier tropft kein Öl mehr“, stellte er zufrieden fest. Nach erfolgreicher Abnahme durfte die alte Dame weiter zur Zulassungsstelle tuckern, wo die Northeimer Landrätin Astrid Klinkert-Kittel das Kennzeichen „EIN- PS 10H“ übergab. Demnächst wird es wieder auf der Straße zu sehen sein: Am 28. Juli will Karl-Heinz Rehkopf mit der Benz Victoria Nr. 99 bei den Einbecker Oldtimertagen durch die Einbecker Altstadt fahren.

Von Heidi Niemann

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