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Einbeck Einbeck erlebt einen Touristenboom
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06:00 21.01.2019
Ulf Ahrens verstreicht den "Papp". In diese zähflüssige Masse werden die "Model" gesetzt und dann auf den weißen Stoff aufgedrückt. Im Färbebad nehmen diese bedruckten Stellen dann keine Farbe an. Der Papp wird nach dem Färben in Spülbädern entfernt, sodass die aufgedruckten Muster weiß hervortreten. Quelle: pid
Einbeck

Die südniedersächsische Stadt Einbeck ist vor allem für Bier und Fachwerkkunst bekannt. Vor mehr als 700 Jahren erfanden Einbecker Brauer das Bockbier, das zum Exportschlager wurde. Die malerische Altstadt mit rund 400 reich verzierten Fachwerkhäusern zeugt vom einstigen Reichtum der früheren Hansestadt. Heute hat Einbeck ähnlich wie viele andere Kleinstädte mit dem Strukturwandel zu kämpfen - und setzt dabei erfolgreich auf die Kombination von Tradition und Moderne. Die 33.000-Einwohner-Stadt ist im Aufwind, und das liegt auch am Engagement und Erfindungsreichtum seiner Bürger. Seit Kurzem hat die Bierstadt sogar wieder einen Bahnhof und ist Standort eines als immaterielles Weltkulturerbe anerkannten Handwerks.

Blaudruck als Unesco-Kulturerbe

Ende November 2018 hat das zuständige UNESCO-Komitee den Blaudruck als gemeinsames Kulturgut Deutschlands, Österreichs, der Slowakei, Tschechiens und Ungarns in die repräsentative Liste des Kulturerbes aufgenommen. Nur zwölf Betriebe in Deutschland beherrschen noch diese Technik der Textilveredelung. Die älteste noch aktive Blaudruck-Werkstatt Europas befindet sich in der Innenstadt von Einbeck. Der Betrieb wurde 1638 mitten im Dreißigjährigen Krieg gegründet, überstand alle Kriege und war über mehr als ein Dutzend Generationen hinweg im Familienbesitz. Als sich kein familiärer Nachfolger mehr fand, übernahm 2005 der langjährige Mitarbeiter Ulf Ahrens gemeinsam mit einer anderen Einbecker Bürgerin den Betrieb. Ursula Schwerin war früher als landwirtschaftlich-technische Assistentin bei der KWS tätig, einem der größten Arbeitgeber der Region. Der weltweit viertgrößte Saatguthersteller von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen baut seinen Hauptsitz in Einbeck seit Jahren kontinuierlich aus - ein klares Bekenntnis zum Standort.

Jahrhundertealtes Handwerk vor dem Aussterben retten

Ahrens und Schwerin wollten mit der Betriebsübernahme des „Einbecker Blaudruck“ ein jahrhundertealtes Handwerk vor dem Aussterben retten. Der Name Blaudruckerei ist eigentlich irreführend. Tatsächlich arbeiten die Handwerker nach dem Reservedruckverfahren, bei dem die bedruckten Stellen gerade keine Farbe annehmen. Stattdessen entsteht ein weißes Muster auf blauem Grund. Für das Auftragen der Muster benutzt Ahrens Druckstöcke aus Birnen - und Buchsbaumholz. Mehr als 700 dieser teils jahrhundertealten „Model“ befinden sich in der Werkstatt - ein einzigartiger Schatz. Die ältesten Druckformen zeigen biblische Motive, später kamen florale Motive, abstrakte Muster und Bildergeschichten wie die vom historischen „Einbecker Biertreck“ hinzu.

100 000 zusätzliche Besucher durch den PS Speicher

Beim Drucken wird das Model zunächst in eine grüne Masse getaucht, den sogenannten „Papp“. Dann legt Ahrens das Model millimetergenau wie einen Stempel auf den weißen Stoff und sorgt mit heftigen Faustschlägen dafür, dass der Druck fest genug ist. Sobald der Papp trocken ist, heften Näherinnen die Stoffe zu langen Bahnen zusammen. Wenn sich genügend Bahnen angesammelt haben, werden sie auf ein Metallgestell aufgespannt und in ein Bassin mit einer heißen Färbemischung getaucht. Anschließend kommen sie in mehrere Spülbäder, Dabei löst sich der Papp vollständig, und das weiße Muster kommt zum Vorschein. Zum Schluss werden die Stoffe durch eine imposante Kaltmangel aus dem Jahr 1739 gezogen. Die Maschine ist eine absolute Rarität: „Es gibt nur noch ein weiteres Modell im Deutschen Museum in München“, erzählt Ahrens.

Raritäten gibt es auch in dem 2014 eröffneten „P.S. Speicher“ zu sehen. Die Ausstellung über die Geschichte der Mobilität hat der Stadt Einbeck einen neuen Touristenboom beschert. „Wir haben jährlich rund 100.000 zusätzliche Besucher“, freut sich die Einbecker Bürgermeisterin Sabine Michalek. Die in einem umgebauten Kornhaus untergebrachte Ausstellung basiert überwiegend auf Exponaten der weltweit größten Sammlung deutscher Motorräder, die der Privatsammler Karl-Heinz Rehkopf zusammengetragen und der Kulturstiftung Kornhaus übereignet hat. Nicht nur für die Oldtimer-Szene ist Einbeck ein beliebtes Ausflugsziel. „Der P.S. Speicher hat einen Riesenbekanntheitsgrad“, sagt die Bürgermeisterin. Auch das benachbarte Design-Hotel hat neue Besucher in die Stadt gebracht. Einbeck sei ein beliebter Tagungsort geworden, sagt Michalek.

Bürgerlicher Engagement für Stadtentwicklung

Auch wenn die örtliche Gastronomie und der Einzelhandel von der neuen Touristenattraktion profitieren, hat auch Einbeck mit dem Problem zu kämpfen, dass Läden in der Innenstadt leer stehen. Engagierte Bürger haben sich indes ein Projekt einfallen lassen, das inzwischen auch in anderen Städten Nachahmer gefunden hat: Sie verwandeln die unansehnlichen „Graufenster“ der leer stehenden Läden in „Sch(l)aufenster“, in denen sich Künstler, Vereine, Schulen, Sammler und Kunsthandwerker präsentieren können. Die Initiative hat einige Erfolge zu verzeichnen, mehrere ehemals leer stehende Geschäfte haben neue Mieter gefunden und werden jetzt als Büro oder Laden genutzt.

Das bürgerschaftliche Engagement ist denn auch ein ganz entscheidender Motor für die Stadtentwicklung. „Wir haben eine lebhafte Stadtgesellschaft mit vielen Machern, die ihre Ideen umsetzen möchten“, sagt Bürgermeisterin Michalek. Erst kürzlich habe ein Unternehmer eine große Summe für einen Spielplatz gespendet: „Er wollte etwas der Stadt zurückgeben.“

Auch die Verkehrsanbindung hat sich gebessert. Seit Anfang Dezember verkehren auf der reaktivierten Ilmebahnstrecke zwischen Salzderhelden und Einbeck wieder Personenzüge. Reisende können jetzt ohne Umsteigen in 31 Minuten Fahrzeit zwischen Einbeck und Göttingen pendeln - ein weiteres Plus für den Standort Einbeck.

Von Heidi Niemann

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