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Hardegsen Kirchenasyl von IS-Flüchtling endet nach 15 Monaten
Die Region Northeim Hardegsen Kirchenasyl von IS-Flüchtling endet nach 15 Monaten
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17:32 30.11.2018
Gudrun Strunz, Marion Marzett, Husam Qemas, Pastor Peter Lahmann und Marlene Aust (v. li.) vor dem Pfarrhaus in Gladebeck, in dem Qemas die vergangenen 15 Monate gelebt hat. Quelle: garben
Gladebeck

1 Jahr und 3 Monate lebt Husam Qemas bereits im Kirchenasyl im Gladebecker Pfarrhaus. Jetzt hat er eine sogenannte Aufenthaltsgestattung erhalten, die es im erlaubt, bis zum Abschluss seines Asylverfahrens in Deutschland zu bleiben. Zuvor drohte dem 22-jährigen Jesiden die Abschiebung nach Polen.

Eigentlich hätte alles viel schneller gehen sollen. Doch als Husam Qemas mit seiner Familie vor dem sogenannten Islamischen Staat (IS) aus dem Nordirak nach Europa floh, gelangte er zunächst nach Polen, wo er registriert wurde, und von dort schließlich nach Deutschland. Hier stellte er einen Asylantrag. Doch gemäß des Dublin-Abkommens sollte Qemas nach Polen abgeschoben werden. Daraufhin suchte er Zuflucht im Kirchenasyl und kam nach Gladebeck, wo sich Pastor Peter Lahmann bereits seit Jahren für Flüchtlinge einsetzt.

Frist: Zeitraum wird verdreifacht

Nach der damaligen Praxis hätte es eigentlich möglich sein sollen, nach sechs Monaten Kirchenasyl einen Asylantrag in Deutschland zu stellen, erklärt Lahmann. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) habe angegeben, dass Qemas 14 Tage offiziell nicht registriert gewesen sei, weshalb sich die Frist auf 18 Monate verdreifacht habe.

Während der vergangenen Monate durfte der 22-Jährige das Grundstück des Pfarrhauses nicht verlassen. Um sich zu beschäftigen, mähte er den Rasen, half beim Erntedankfest und Gottesdiensten oder unterstützte Reinhard Friedrichs bei der Pflege des Außengeländes. Im Obergeschoss hat er ein eigenes Zimmer, das durch Spenden ausgestattet werden konnte. Regelmäßig kommt Marlene Aust vorbei und gibt ihm Deutschunterricht. „Ich habe noch nie einen so ehrgeizigen Schüler gehabt“, sagt die pensionierte Lehrerin. „Er ist so wissbegierig.“

Vater und Großeltern blieben zurück

Zwei- bis dreimal in der Woche telefoniert er mit seiner Familie. Doch zu manchen Familienmitgliedern kann er momentan keinen Kontakt herstellen. Ein Onkel lebt in Bad Harzburg, aber er sei eben nicht die Mutter oder die Schwester. „Ich brauche meine Familie“, sagt Qemas.

Vater und Großeltern sind noch im Irak, leben in einem Lager. Von dem Herzinfarkt seines Vaters hat Qemas am Telefon erfahren. Über ihn zu sprechen, fällt ihm schwer. „Husam war manches Mal sehr verzweifelt, wenn ich kam“, erzählt Aust. Doch der 22-Jährige habe sich sehr zusammengerissen und immer wieder versucht, beim Unterricht voll da zu sein.

„Es ist zermürbend für alle Beteiligten“, sagt Lahmann. Geholfen habe, dass einige Leute aus dem Ort sehr verbindlich da gewesen seien. Eine von ihnen ist Marion Marzett. Die Gärtnerin würde Qemas gerne einstellen, damit er Zeit habe, Fuß zu fassen und sich zu orientieren, sagt sie. Ein entsprechender Antrag sei gestellt.

Über Asylantrag wird noch entschieden

Lahmann ist zuversichtlich, dass der Asylantrag des 22-Jährigen positiv beschieden wird. „Als junger Mensch und Jeside gibt es dort keine Lebensmöglichkeit“, sagt er über den Irak.

Qemas möchte nicht nur in Deutschland, sondern auch hier im Ort bleiben. Vielleicht wird er sein Mathematik-Studium wieder aufnehmen oder eine Ausbildung machen. „Gladebeck ist, finde ich, mein Platz“, sagt er.

Von Nora Garben

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