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Osterode Geburtshilfe in der Schieflage
Die Region Osterode Geburtshilfe in der Schieflage
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11:00 25.04.2017
Dr. Roy Kühne, Dr. Josef Frasunek, Nils Hellberg, Katharina Jeschke und Michael Reimann (v. links) diskutierten über die Hebammenversorgung im ländlichen Raum. Quelle: Kerstin Pfeffer-Schleicher
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Osterode

Hebammen hätten keine berufliche Sicherheit und eine unsichere Zukunft, beschrieb Kühne die derzeitige Situation. "Das Resultat ist ein stark gesunkenes Interesse an einem schönen Beruf." Trotz Nachbesserungen an den Rahmenbedingungen, die der Hebammenverband in Verhandlungen mit Politik, Krankenkassen und Versicherungen erreicht habe, gebe es immer noch kein zufriedenstellendes, nachhaltiges Ergebnis.

Von einer gefährlichen Schieflage in der Geburtshilfe sprach Katharina Jeschke vom Präsidium des Deutschen Hebammenverbandes und räumte mit dem "Irrtum" auf, dass weniger Entbindungen einen verminderten Bedarf zur Folge hätten: "Es werden mehr Hebammen benötigt, als in den letzten Jahren ausgebildet wurden." Frauen und Paare auf dem Weg in die Elternschaft mit all ihren Unsicherheiten und Herausforderungen bräuchten eine fachkundige Begleitung.

Gestiegene Nachfrage nach ambulanter Betreuung

Allein durch die kürzeren Krankenhausaufenthalte sei die Nachfrage nach ambulanter Betreuung im Anschluss an die Geburt gestiegen. "Wir erleben häufig, wie verzweifelt werdende Mütter nach Hebammen suchen." Gerade im ländlichen Raum mit einer geringeren Klinikdichte sei eine ausreichende Zahl an Hebammen unabdingbar, betonte Jeschke. "Die Menschen auf dem Land haben das gleiche Recht auf Sicherheit wie die in der Stadt."

Eine langfristige Regelung für die Haftpflicht und eine bezahlbare Haftpflichtversicherung für Freiberuflerinnen, eine angemessene Entlohnung, eine Gesetzesänderung, die es Hebammen ermöglicht, Gemeinschaftspraxen zu gründen, und eine attraktivere Ausbildung, die sich am EU-Standard einer Hochschulqualifizierung orientiert, nannte die Verbandsvertreterin als einige grundlegende Forderungen zur Sicherung des Berufsstandes.

Die Haftpflichtprämien für freiberuflich tätige Geburtshelferinnen seien auf 6 800 Euro pro Jahr exorbitant gestiegen, räumte Nils Hellberg vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft ein. "Wir würden uns auch wünschen, dass Hebammen genügend Geld verdienen, um diese große Summe aufbringen zu können."

Hebammenverband verlangt Änderung der Regresspflicht

Es gebe im Schnitt zwar jährlich nur 18 Schadensfälle bei Geburten, doch jeder koste die Versicherer durchschnittlich 2,6 Millionen Euro, erläuterte Hellberg. Einen richtigen Ansatz sah er in der vom Hebammenverband verlangten Änderung der Regresspflicht, ohne dass dadurch Nachteile für die Geschädigten entstehen.

In den Verhandlungen mit den Kassen über eine bessere Bezahlung von Hebammen sei während der letzten Jahre der Wurm drin, bekannte Michael Reimann von der AOK Niedersachsen, betonte jedoch ebenso, dass mit dem Geld der Versicherten wirtschaftlich umgegangen werden müsse. Dennoch sah auch er Fehlanreize, indem beispielsweise Kaiserschnitte besser vergütet werden als natürliche Geburten, und warf die Frage auf, ob nicht eine grundsätzliche Systemänderung nötig sei.

Ihm habe die flächendeckende ambulante Hebammenversorgung in Norwegen imponiert, die die Kliniken stark entlaste, berichtete Dr. Josef Frasunek, Chefarzt Geburtshilfe der Helios Klinik Northeim, von seinen Erfahrungen. Er gab zu bedenken, ob dies nicht auch ein Modell für Deutschland sein könnte, wenn Krankenhäuser aus wirtschaftlichen Gründen schließen müssten oder weil es an Fachärzten mangele. Die Gynäkologie sei unterfinanziert, das große Engagement in diesem Bereich unterbewertet, kritisierte er. Wie ihre Arbeitsbedingungen aussehen, schilderten einige Hebammen in der anschließenden Diskussion: 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche, jeden Wochentag rund um die Uhr erreichbar sein, maximal 14 Tage Urlaub pro Jahr, Bereitschaften, in denen sechs Wochen lang weder Kino- oder Schwimmbadbesuche mit den Kindern, noch Ausflüge oder ein Glas Wein am Abend möglich sind.

Eine Hebamme bekommt für einen Hausbesuch 27 Euro

"Ich bekomme für einen Hausbesuch 27 Euro, meinem Handwerker zahle ich für die gleiche Arbeitszeit 100 Euro. Ist das verhältnismäßig?", prangerte eine der Frauen die geringe Entlohnung ihrer Dienste an. Es wurde an diesem Abend deutlich, dass auf dem Gebiet der ambulanten Geburtshilfe und -begleitung einiges im Argen liegt, sich eine Lösung der drängenden Probleme jedoch nicht abzeichnet.

"Wir müssen als Gesellschaft umdenken und Geburten als allgemeine Aufgabe sehen und nicht als mathematisches Rechenspiel", lautete deshalb der Appell von Katharina Jeschke.

Von Kerstin Pfeffer-Schleicher

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