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Osterode „Die Männer wollten mich nicht mitspielen lassen“
Die Region Osterode „Die Männer wollten mich nicht mitspielen lassen“
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18:22 04.12.2018
Jacqueline Schmidt mit einem Grand Hand – das höchste Spiel beim Skat. Quelle: Foto: Baumgartner
Herzbergerin

Sie hat mit Skat angefangen, weil ihr Mann und der Hausmeister einen dritten Mitspieler brauchten; als sie sich von den beiden in einer Partie unfair behandelt fühlte, ging sie in eine Kneipe, um die Regeln richtig zu lernen; weil die Männer dort sie nicht mitspielen lassen wollten, trat sie in den Skatclub ein – und heute ist Jacqueline Schmidt aus Herzberg internationale Skatgroßmeisterin und eine der besten Spielerinnen Deutschlands.

Seit 1979 lebt die gebürtige Saarländerin in Herzberg. Sie sei damals zur Probe in die Villa Juesheide gekommen, sagt sie, um zu sehen, ob sie der Arbeit in einem Pflegeheim gewachsen sei. Schmidt war dort Heimleiterin und Hauswirtschaftsmeisterin. 1985 habe ihr Mann Otto Kern, damals Geschäftsführer in der Villa Juesheide, ihr Skat beigebracht, weil ein dritter Spieler fehlte. „Unser Hausmeister wollte gerne Skat spielen“, erinnert sich Schmidt an die Anfänge ihrer Leidenschaft für das Kartenspiel. „Ich habe irgendwann festgestellt: Die machen ihre eigenen Regeln“, sagt sie schmunzelnd. „Ich hatte mal einen Grand Hand Ouvert und wollte meine Karten offenlegen, aber das haben die Lümmel nicht anerkannt.“ Der Grand Hand Ouvert ist das höchste Spiel beim Skat – und kommt extrem selten vor: Laut einer Internet-Statistik wurden von 8.6 Millionen darin gezählten Spielen nur 633 als Grand Hand Ouvert gewonnen.

Skat-spielende Frauen weckten Argwohn

Die Sache weckte ihren Ehrgeiz: „Da wollte ich richtig Skat lernen und bin in eine Kneipe gegangen. Aber die Männer wollten mich nicht mitspielen lassen.“ Frauen beim Skat spielen, war damals eine beargwöhnte Seltenheit in einer Herzberger Gaststätte. „Da bin ich bei den Vorstadtbuben eingetreten.“ Das war 1987 und Schmidt wurde auf Anhieb Clubmeisterin.

Sie trat dann bei der Landesmeisterschaft an und qualifizierte sich für die Deutsche Meisterschaft, wo sie Vierte der Damen wurde. „Ich hatte schnell Erfolge und bin jedes Jahr unter die ersten Zehn gekommen.“ Sie war zweimal Niedersachsenmeister und einmal beste Dame Deutschlands nach dem Punktesystem des Deutschen. Skatverbandes (DSKV). In den 1990er Jahren ist sie auch mal bei der Weltmeisterschaft in Spanien angetreten und belegte den 16. Platz in der Gesamtwertung und 2014 erspielte sie sich bei der DOSKV WM Platz 9. Mit dem SC 79 Osterode wurde Schmidt auch Deutscher Mannschaftsmeister und Deutscher Pokalmeister. Zahlreiche Pokale im Wohnzimmer zeugen von ihrer Spielkunst. Um auf diesem Niveau zu spielen, ist tägliches Training erforderlich: „Jeden Tag spiele ich zwei Serien a 36 Spielen online.“ Diese Möglichkeit gebe es seit ungefähr 15 Jahren.

Erste Frau unter den Titelträgern

In diesem Jahr wurde sie vom Deutschen Online-Skatverband (DOSKV) mit einem besonderen Titel ausgezeichnet: Internationale Skatgroßmeisterin. Das ist der höchste zu vergebende Meistertitel im Skatsport. Neben spielerischen Leistungen fließen in die Bewertung unter anderem auch Vorbildfunktion, Engagement und sportliche Fairness ein. Schmidt ist die erste und einzige Skatgroßmeisterin in Deutschland. Bisher tragen acht Männer diesen Titel. „Es ist ein verliehener Titel, den man behält“, erläutert sie.

Skat ist ein Strategiespiel mit imperfekter Information, weil dort jeder Spieler nur seine eigenen Karten kennt. Im Gegensatz dazu ist etwa Schach ein Spiel mit perfekter Information, weil dabei jedem Spieler zum Zeitpunkt einer Entscheidung stets die zuvor getroffenen Entscheidungen seiner Mitspieler sowie die zuvor getroffenen Zufallsentscheidungen bekannt sind. Beim Skat kommt durch das Mischen der Karten vor dem Geben auch ein Glücksspielelement hinzu. Doch es wäre ein Irrtum, Skat einfach als Glücksspiel abzutun.

„Alle Spiele sind Glücksspiele

„Alle Spiele sind ja irgendwie Glückspiele“, findet die frischgekürte Großmeisterin. „Beim Schach kann man das Glück haben, einen schwachen Gegner zu haben.“ Es ist dieses strategische Denken, das für Schmidt den großen Reiz des Spiels mit den 32 Karten ausmacht. „Man muss erkennen, welches Blatt man hat und was man damit machen kann, welches Spiel möglich ist“, beschreibt sie es. „Man sollte auch schnell erkennen, wie die Kartenverteilung bei den Mitspielern ist.“ Das sogenannte Reizen sei dabei ein ganz wichtiges Element. Dabei wird bestimmt, welcher Spieler als Solist gegen die beiden anderen spielt. Diese Prozedur, bei der ein Spieler dem anderen immer höhere mögliche Spielwerte nennt, bis einer der beiden passt, ist für Anfänger oft der komplizierteste Teil am Skat. „Das Reizen gibt Auskunft darüber, was der Gegner eventuell hat“, betont Schmidt. „Ein schlechter Spieler erkennt nicht die Möglichkeit, die in einem Blatt steckt. Ein guter Spieler dagegen kann auch aus einem schlechten Blatt was machen“

Während einer Skatpartie ist stete Aufmerksamkeit gefordert: Man müsse mitzählen, wie viele Punkte der Spieler und die Gegner haben und wieviel Trümpfe noch draußen sind. Mit 61 Punkten hat der Spieler das Spiel gewonnen. Doch auch Profis passiere es mitunter, dass sie eine falsche Karte ausspielen, räumt die Herzbergerin ein. Kein Wunder: Bei einer Meisterschaft spielt man bis zu zwölf Stunden hochkonzentriert Skat. Schmidt tritt gern bei solchen großen Turnieren an. Dort spüre sie eine positive Anspannung. „Dieses Flair einer Meisterschaft. Mehrere hundert Teilnehmer. Man kriegt einen Tisch zugewiesen, lernt die Leute kennen.“

Neue Freundschaften

Auch Freundschaften entstehen bei den nationalen Skat-Partien: Sie habe eine Bekannte im Saarland, die sie ohne das Kartenspiel nie kennengelernt hätte. „Und ich habe durch Skat auch eine alte Jugendfreundin wiedergefunden, die ich 40 Jahre lang aus den Augen verloren hatte“, erzählt sie von der Zufallsbegegnung. Beide trafen sich am Spieltisch, kamen ins Gespräch über ihre Herkunft. „Sie sagt: Da musst Du doch die Jacqueline Schmidt kennen? Ich antworte: Ja, die kenne ich – die sitzt Dir grad gegenüber.“

Ihr Leben haben die Karten in vielfacher Hinsicht bereichert. Heute ist Jacqueline Schmidt aus Herzberg internationale Skatgroßmeisterin und eine der besten Spielerinnen Deutschlands. Sie ist überzeugt, dass das Skatspiel besonders auch auf junge Menschen einen positive Wirkung entfalten kann: „Man sollte es in der Schule unterrichten“, findet sie und zählt auf: „Man muss Muster erkennen und Wahrscheinlichkeitsüberlegungen anstellen. Das Gedächtnis wird trainiert, sowohl das Zahlengedächtnis als auch bildliches Gedächtnis.“ Und eben die Strategie: „Zwei Spieler bilden ein Team gegen einen Gegner, die beiden müssen sich aufeinander einstellen, sich anpassen. Das Sozialverhalten wird gestärkt und man lernt auch verlieren – das ist ein wichtiger Aspekt.“

Von Martin Baumgartner

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