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Als „die Grünen noch viel grüner“ waren

Erinnerungen an 1987 Als „die Grünen noch viel grüner“ waren

Am 9. Mai ist der Stichtag für den Zensus 2011 – die erste Volkszählung seit 24 Jahren. In loser Reihe beleuchtet das Tageblatt Aspekte der Erhebung. Heute: Ein Rückblick auf die Zählung 1987 in Duderstadt.

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So hoch ging es 1987 im Untereichsfeld nicht her: Demo gegen die Volkszählung in Hannover.

Quelle: Franke, dpa

"Das war ein hochsensibles Thema damals“, meint Dieter Ballhausen über die Volkszählung vor 24 Jahren, und er muss es wissen. Denn der 57-jährige Duderstädter leitete damals die Erhebungsstelle in der Brehmestadt. In dem abgeschotteten Büro im Dachgeschoss des Stadthauses flossen alle Informationen über die Bewohner des Umkreises zusammen.

Es war fast ein Hochsicherheitstrakt: Eigens gesichert mit Guckloch, Bewegungsmeldern, Fensteröffnungssystemen und direktem Draht zur Polizei. „Man befürchtete Brandanschläge oder Diebstahl“, begründet Ballhausen, der für ein halbes Jahr aus der städtischen Verwaltung abgezogen wurde und von hier aus den regionalen Ablauf der Vollerhebung koordinierte.

Ganz unbegründet war die Furcht nicht: An vielen Orten in der Republik kam es zu Demonstrationen oder Übergriffen auf Interviewer. Die Wogen schlugen hoch. Es kursierte die Angst vor dem „gläsernen Bürger“. Oder wie Ballhausen es beschreibt: „Damals waren die Grünen noch viel grüner.“ Helfer zu finden war schon 1987 schwer: „Die Leute wollten sich keinen Ärger einhandeln.“

Wie angespannt man auch rund um Ober- und Unterkirche war, zeigt eine Episode aus dem Tageblatt-Archiv. Ein Artikel, aus dem sich herauslesen lies, dass möglicherweise dem Datenschutz in der Erhebungsstelle nicht genüge getan wurde sowie ein Kommentar des Redakteurs Fritz Hansmann sorgten für einen Aufschrei im Stadthaus. Es folgte ein bald halbseitig abgedruckter Leserbrief des Bürgermeisters (Lothar Koch) und des Stadtdirektors (Karl Krukenberg). Hansmann hatte angedeutet, die von der Stadt bestellten Zähler (meist in der Verwaltung tätig) könnten an der Theke sensible Informationen, derer sie bei ihren Befragungen habhaft geworden waren – beispielsweise zum Einkommen – ausplaudern. Noch 24 Jahre später reagiert Ballhausen darauf. „Völlig unzutreffend: Wir fragten ja gar nicht nach dem Einkommen“, kommentiert er bestimmt.

Doch große Krawalle oder massenhaft abweichendes Verhalten blieben im Eichsfeld aus. Ballhausen: „Es war unproblematisch. Da waren nur wenige, die die Auskunft verweigert haben.“ Einer von ihnen war Wolfgang Hirschfeld (62), damals für die Grünen im Stadtrat und in der lokalen Arbeitsgruppe gegen die Volkszählung engagiert. Im Rat habe es manche Anfeindung gegeben. „Man bot Angriffsfläche für die Konservativen.“ In einem Papier thematisierte die Gruppe ihre Bedenken. Die Bevölkerung werde „fein gerastert und in einem zentralen Computersystem erfasst“, heißt es da. Neben den Flensburger Karteien und dem maschinenlesbaren Personalausweis stelle die Erhebung einen weiteren Schritt in Richtung gläserner Mensch dar.
„Es herrschte eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Staat“, versucht Hirschfeld, der die regionale Gruppe der Grünen Anfang der 1980er-Jahre gründete, die Stimmung zu erklären. „Der NATO-Doppelbeschluss, die Startbahn-West, das hat zu einer Ablehnung der Befragung geführt. Man wollte Sand ins Getriebe streuen.“ Deshalb die Arbeitsgruppe, die dazu aufforderte, alle Mittel zum Boykott auszuschöpfen. Gewalt habe es keine gegeben. „Wir haben interessante Gespräche mit den Interviewern geführt.“ Die verweigerte Auskunft hatte keine Konsequenzen – trotz der Androhung eines Bußgeldes. „Der Staat war wohl mit 95 Prozent Antworten zufrieden“, glaubt er.

„Mit Polizeischutz und Maschinenpistole wurden die Fragebögen nach Hannover zur Auswertung gebracht“, erinnert sich Ballhausen. In einer Etage eines Hochhauses hinter dem Hauptbahnhof wurden die Bögen gesammelt und zu statistischen Daten abstrahiert.
In der Zwischenzeit hat man einige Dutzend weitere Schritte auf dem Weg zum gläsernen Bürger getan, finden die einstigen Antagonisten. „Heute ziehen sich die Leute aus“, meint Ballhausen mit Hinweis auf das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook. „Damals hatten sie Angst, den kleinen Zeh zu zeigen.“

Die Situation sei eine andere gewesen, sagt sein „Gegenspieler“. Heute ist der 62-Jährige überzeugt: „Die Politik braucht zuverlässige Daten für Entscheidungen.“ Und schließlich würden 2011 nur stichprobenartige Befragungen durchgeführt. „Ich habe noch keine guten Gründe für einen Boykott gehört.“ Im Gegenteil: „Als ich die Plakate gesehen habe, dachte ich darüber nach, selbst zu zählen. Vielleicht bin ich auch einfach älter geworden.“

Zwanzig persönliche Fragen und fünfzehn zur Wohnung stellte der Staat 1987. Heute sind es allein 46 Fragen zur Person. Ein Aufschrei habe er bisher nicht gehört, meint der einstige Leiter der Erhebungsstelle.

Von Erik Westermann

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