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Auf Nachtwächterrundgang mit „Toto und Harry“

Mehrtägiger Einsatz der Polizei Auf Nachtwächterrundgang mit „Toto und Harry“

Zunehmend beschweren sich Duderstädter Geschäftsinhaber aus der Innenstadt und dem Einkaufszentrum Feilenfabrik über pöbelnde Jugendliche. Die Polizei setzt auf Präsenz: Zur Abschreckung, und um zu verhindern, dass die Situation eskaliert.

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Plausch am Poller: Polizist Dierk Falkenhagen (M.) und zwei Kollegen der Bereitschaftspolizei zeigen Präsenz in der Feilenfabrik.

Quelle: OT

Es ist ein lauer Frühlingsnachmittag, doch von der Sonne ist im Inneren der Duderstädter Wache nicht viel zu spüren. Dunkle Flure, karge Pflanzen, Konferenzräume mit Süßigkeitenkörben, Verwaltungsalltag. Die Beamten bereiten sich auf ihren Einsatz in Zivil vor. „Harry fährt schon mal den Wagen vor“, sagt Dierk Falkenhagen lachend zu seinem Kollegen Karl-Robert Müller und setzt sich in Bewegung in Richtung Fuhrpark. „Toto und Harry“, murmelt er und grinst vergnügt vor sich hin. „Die Zwei vom Revier“ trifft „Derrick“.

Das Team Falkenhagen und Müller ist vielleicht nicht so berühmt wie ihre Kollegen aus dem Fernsehen. Aber in Duderstadt sind sie „bekannt wie bunte Hunde“, beschreibt Müller es selbst. Deshalb ist ihr heutiger Einsatz in Zivil auch weniger eine Undercover-Mission. „Es ist egal, ob ich in Kutte rumlaufe oder nicht“, glaubt der 55-Jährige und lacht. Blaue Trainingsjacke beim sportlichen Präventionsbeauftragten Falkenhagen, kariertes Hemd und Outdoorjacke beim gelassenen Kontaktbereichsbeamten Müller. Keine Spur von uniformierter Staatsmacht. Der Vorteil: „Die Leute reagieren anders auf uns“, sagt Falkenhagen.

Die Aufgabe der beiden, die schon seit Jahren im Bereich der Prävention tätig sind: Ein Rundgang von der Innenstadt zur Feilenfabrik, auf der Suche nach Jugendlichen, über deren Verhalten Beschwerden einlaufen. Geschäftsinhaber kommen sogar auf die Wache, um ihrem Unmut Luft zu machen. Angestellte wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Deshalb fährt die Duderstädter Polizei ein breites Programm auf: Neben mehrfachen Zivileinsätzen kommen auch uniformierte Bereitschaftspolizisten aus Göttingen zum Zug.

Dabei ist das Problem ein saisonales, erläutern die Beamten. Im Herbst des vergangenen Jahres war es schon so, jetzt, wo der Winter vorbei ist, taucht das Problem wieder auf: Gruppen von jungen Menschen treffen sich draußen, und wenn es dann kühl wird, suchen sie Geschäfte und Einkaufszentren auf. Dort halten sie sich nicht immer an die Regeln: Es wird schon einmal getrunken, gepöbelt, gebrüllt. Immer in Gruppen, immer sind es junge Männer, meist zwischen zwölf und 16 Jahren mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und verschiedener Herkunft. „Strafrechtlich ist das meist im Grenzbereich“, erläutert der 46-jährige Falkenhagen.

Die Geschäftsinhaber könnten im Extremfall zwar Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten, aber hauptsächlich sei man unterwegs, um Schlimmeres zu verhindern. „Irgendwo müssen sie ja hin“, findet Falkenhagen. Denn manche der Burschen haben in Jugendeinrichtungen Hausverbot. „Dann bleibt die ganze Clique weg“, erklärt Müller. Nur zu Vandalismus und Alkoholmissbrauch dürfe es am neugewählten Treffpunkt eben nicht kommen.

Um welche Personen es sich diesmal handelt, ist noch unklar. Bei einem ersten Einsatz in der vergangenen Woche hat man die Personalien dreier Heranwachsender aufgenommen, es sollen aber auch schon Gruppen von zehn Personen durch die Feilenfabrik gezogen sein. Vermutlich kennen die beiden Beamten die Kandidaten. Schließlich sind sie seit Jahren in den Schulen und auf den Straßen präsent. Das ist ein Vorteil: „Weglaufen bringt nichts. Wir wissen, wo wir sie finden“, meint „Karo“ Müller und lächelt ein verschmitztes Polizistenlächeln.

Doch es ist heute gar nicht leicht, die Jugendlichen zu finden. 17.40 Uhr: Am Busbahnhof sind sie nicht. Müller und Falkenhagen steigen aus dem Auto, schauen umher. Nichts. Nur Fahrgäste, die wartend auf den Bänken hocken. Die Sonne wärmt noch, die Vögel zwitschern. Mit dem Wind weht der Geruch von frisch ausgefahrener Gülle herüber. Weiter geht es in die Innenstadt. Auch da: Vollkommene Ruhe, nicht einmal die Kirchenglocken läuten. „Für das schöne Wetter sind aber wirklich wenige unterwegs“, meint Falkenhagen verwundert. „Mal sehen, wo sie heute rumlümmeln“, schiebt sein Kollege nach. Im Vorbeigehen grüßen Passanten, ein kurzes Nicken, freundlich-flapsige Bemerkungen wie „aha, heute in zivil, was“ oder „na, auf dem Nachtwächterrundgang?“ „Duderstadt ist ein Dorf“, sagt Müller später, „hier ist es verhältnismäßig ruhig. Das ist schon in Städten wie Göttingen anders.“

Nach der Runde brechen die beiden ab und schwingen sich in den Wagen. In der Feilenfabrik ist schon mehr los. Im Eingangsbereich steht ein Jugendlicher in Jogginghose mit Handy am Ohr. Als er die Polizisten erkennt, die zielstrebig auf ihn zugehen, nuschelt er noch schnell ein „rufe zurück“ in den Hörer. Das anschließende, vertraute Gespräch dreht sich um Bewährung und Drogen, den Führerschein und die Schwierigkeit, mit dem Rauchen aufzuhören. Getreu nach Müllers Motto: „Aus dem Dunkeln kommen, und ganz freundlich bleiben.“

Es ist ein typischer Fall einer sich fortsetzenden Karriere der Regelverstöße: brüchiges Elternhaus, erste Strafen, Drogen. Man kennt sich schon lange, da fragten einen die Jugendlichen auch schon mal um Rat. Nur in der Gruppe ergäbe sich eine Dynamik, die zu Dingen führt, die der einzelne nie machen würde. Jedenfalls ist das meistens so. Manchmal überraschten auch ihre Schützlinge sie – im Positiven wie im Negativen.

Währenddessen geht Kollege Falkenhagen in den Drogeriemarkt und erkundigt sich nach Vorfällen. Er kehrt mit der Erkenntnis zurück, zu spät gekommen zu sein. „Vor einer Stunde war eine Gruppe hier und hat herumgebrüllt.“ Nichts Dramatisches: „Die wissen schon, dass sie uns rufen können.“ Die Suche geht weiter. Vielleicht sind sie hinter dem Einkaufszentrum und trinken Bier? Nein, auch dort nicht. „Die sitzen doch nicht alle zu Hause und gucken RTL“, wundert sich Müller. „Oder kommt heute etwas, von dem wir nichts wissen? DSDS oder so?“ Auch im nahen Jugendfreizeitheim probt nur der Spielmannszug, und der wirkt außerordentlich friedlich. „Heute ist es wirklich außergewöhnlich ruhig“, betont Falkenhagen noch einmal.

Auf dem Weg kommen zwei Jungen langsam auf ihren Rädern auf dem Bürgersteig herangerollt. Sie haben kein Licht. Mit eingezogenen Köpfen lassen sie den Tadel der Polizisten über sich ergehen. Die Peinlichkeit der Situation steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Von einer Strafe sehen die Ordnungshüter unter diesen Umständen ab. „Eine Ermahnung bringt oft mehr“, meinen beide. In der Ferne sieht man die Halbwüchsigen brav das Fahrrad schieben. Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen. Eine ordentliche Prise Landluft weht wieder herüber. Randalierende Gruppen: heute Fehlanzeige.

Von Erik Westermann

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