Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Aus dem Nähkästchen einer Priestermutter

Schreibwerkstatt Aus dem Nähkästchen einer Priestermutter

Ein wenig ungläubig scheint die alte Dame zu sein. Ganz leicht schüttelt sie ihren Kopf mit dem kurz geschnittenen, grauen Haar. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal schaffe“, sagt Elke Jung, während um sie herum ein großes Stimmengewirr herrscht.

Voriger Artikel
Wie möchten Sie im Alter wohnen?
Nächster Artikel
Stolzes Wahrzeichen der Gemeinde

Stolze Buchautorin: die Duderstädterin Elke Jung mit ihren Lebenserinnerungen.

Quelle: Pförtner

Doch sie hat es geschafft – und deshalb sind zwölf Gäste und die fünf ehrenamtlichen Mitarbeiter der Schreibwerkstatt im Haus der Senioren zusammengekommen. In dieser Runde hat die 72-Jährige nämlich ihr gerade frisch gebundenes erstes Buch vorgestellt. „Ich bin stolz“, sagt sie mit dem Anflug eines Lächelns, „und etwas überwältigt.“ Sanft fährt sie mit ihren schlanken Fingern über den Einband aus Karton und präsentiert den Stempeldruck auf der Rückseite, der ihr Elternhaus in der Marktstraße Nummer 2 zeigt.

„Dreimal getauft! Aus dem Nähkästchen einer Priestermutter“ ist das achte Buch, das mit Hilfe der Schreibwerkstatt im Lorenz-Werthmann-Haus seit der Gründung 2009 entstanden ist. Jung hat – mit tatkräftiger Unterstützung – mehr als ein halbes Jahr an der Niederschrift ihrer 80-seitigen Lebenserinnerungen gearbeitet. Eine Bekannte, sagt Jung, habe sie dazu gedrängt, sich der Gruppe anzuschließen. Und als sie dann von „Noch so ’ne Verrückte“, dem ebenfalls hier entstandenen Text der 84-jährigen Marga Heinrich las, habe sie gedacht: „Das kann ich auch.“ Sie lacht.

Die Werkstatt hat inzwischen großen Zulauf. Seit einem Auftritt in der NDR-Plattenkiste kommen Zuschriften aus ganz Norddeutschland von Autoren in spe. Das Einzugsgebiet sei bereits recht groß, berichtet Gründerin Margarete Germeshausen. „Sogar aus Göttingen und Nordhausen sind Menschen hier.“

Das Team lädt auch Fachkundige rund ums Buch ein. Diesmal stand ein Vortrag der Rüdershäuserin Melanie Buhl auf dem Programm. Die berichtete von der Last der Verlagsfindung und ihrem esoterisch angehauchten Roman. Dabei sind die Ziele der Gruppe keine professionellen. „Es soll nicht perfekte Literatur sein, sondern die Eigenheiten des Einzelnen widerspiegeln“, sagt Germeshausen. „Alte Menschen haben so viel erlebt, das ist Wahnsinn.“

Es geht in der Runde nicht nur ums Schreiben, auch das Erzählen spielt eine wichtige Rolle. Jung: „Ich kann nur jedem empfehlen: Kommt her, es ist wie eine große Familie.“ Sie besucht auch weiterhin die „Familie“, bis zum Sommer – dann zieht sie zu ihrem Sohn nach Nienburg. Doch sie hat schon einen Plan: „Ich will dort eine eigene Schreibwerkstatt aufbauen“, sagt sie mit einem Gesichtsausdruck zwischen Belustigung und Ungläubigkeit. Aber sie hat sich ja schon einmal selbst überrascht.
Die Gruppe trifft sich jeden zweiten und vierten Donnerstag ab 10.30 Uhr im Lorenz-Werthmann-Haus. Informationen gibt Margarete Germeshausen, Telefon 0 55 27 / 47 37.

Von Erik Westermann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt