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„Aus der Geschichte wächst etwas weiter“

Rolf Ballin „Aus der Geschichte wächst etwas weiter“

Den 87-jährigen Israeli Rolf Ballin verbindet mit dem 23-jährigen Eichsfelder Christian Haupt die gemeinsame Heimat: Beide sind in Duderstadt aufgewachsen – allerdings in völlig unterschiedlichen Epochen. Vor wenigen Wochen war Christian in Israel und hat Rolf Ballin dort besucht.

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Erinnerungen aus der Heimat: Christian Haupt (rechts) überreicht Rolf Ballin die Brosche mit dem Duderstädter Rathaus.

Quelle: EF

Christian hatte im Jahr 2010/11 seinen Zivildienst in Israel in einem Altenheim in Petach Tikvah geleistet und während dieser Zeit auch für die Junge Seite im Tageblatt von seinen Erlebnissen berichtet. „Das Jahr hat mich geprägt, ich habe dort hebräisch gelernt, und es zog mich wieder dorthin“, sagt Christian, der in Israel ehemalige Arbeitskollegen und Freunde wiedertraf. Vor seiner Abreise hatte er ein Gespräch mit Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU), der ihm von der Familie Ballin erzählte: Der letzte noch lebende Duderstädter, der auf Grund seines jüdischen Glaubens seine Heimat zur Zeit des Nazi-Regimes verlassen musste, hatte seit 1977 wieder Kontakt zu Duderstadt aufgenommen. Nach einer langen Odyssee hatte er inzwischen in Israel Fuß gefasst, aber durch den Nazi-Terror Eltern und Schwester verloren.

Von der Geschichte des ehemaligen Duderstädters zeigt sich Christian beeindruckt. „Ich habe Rolf Ballin die Brosche vom Tag der Niedersachsen geschenkt, die ich von meinem Vater bekommen hatte. Das Bild vom Duderstädter Rathaus auf der Brosche hat ihn tief bewegt“, erzählt Christian, der erfahren hatte, dass die Familie Ballin in der Duderstädter Marktstraße im heutigen Süßen Kaufhaus einst ihr Textilgeschäft betrieb, bis sie von den Nazis enteignet wurde.

Duderstädter Ehrenbrief

„Wenn man mit den Menschen spricht, die diese schreckliche Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, bekommt die Geschichte ein Gesicht. Das kommt viel näher, als der Geschichtsunterricht in der Schule“, schildert Christian das Erlebnis mit Ballin, aber auch mit den Menschen, die er im Altenheim in Petach Tikvah als Holocaust-Überlebende getroffen hat. Das Besondere bei Rolf Ballin sei jedoch, dass er aus der gleichen Stadt stamme wie Christian. Vor kurzem wurde dem ehemaligen Eichsfelder der Duderstädter Ehrenbrief verliehen (Tageblatt berichtete). Doch aus gesundheitlichen Gründen konnte Rolf Ballin nicht persönlich  kommen und schickte Tochter Margit und Enkelin Karen Wilf ins Eichsfeld, um den Ehrenbrief aus den Händen von Bürgermeister Nolte entgegenzunehmen. 

Nicht in Israel, sondern bei der Übergabe des Ehrenbriefs lernte der 23-Jährige Tochter und Enkelin des ehemaligen Duderstädters kennen. „Dass Karen und ich im gleichen Alter sind, machte den Austausch einfach“, sagt er. Zusammen mit der Familie hat er auch den jüdischen Friedhof in Duderstadt besucht, wo auf einem Gedenkstein an die getöteten Duderstädter Juden auch der Name von Rolf Ballin steht. „Lange Zeit hatte man angenommen, dass er die Nazi-Zeit ebenfalls nicht überlebt hat, weil niemand etwas über seinen Verbleib wusste. Den Namen nun vom Stein zu entfernen, widerspricht aber dem jüdischen Glauben. Einen geschriebenen Namen darf man nicht auslöschen“, erklärt Christian.

Ihm selbst sei durch die Begegnung mit Familie Ballin klar geworden, „dass mit Tochter und Enkelin etwas weiter wächst aus der Geschichte, und das ist eine großartige Erfahrung.“ Für die heutigen Schulen wünscht er sich, dass sie mehr Chancen nutzen würden, Geschichte für Jugendliche lebendig werden zu lassen.
„Es gibt auch über Internet-Portale wie Skype Möglichkeiten, mit Zeitzeugen persönlich ins Gespräch zu kommen, wenn ein Besuch nicht klappen sollte. Aber durch diesen Austausch würden bestimmt viel mehr Jugendliche Interesse und Verständnis für Geschichte bekommen“, glaubt Christian.

Von Claudia Nachtwey

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Auszeichnung

Mit dem Ehrenbrief der Stadt hat der Rat den letzten noch lebenden ehemaligen jüdischen Mitbürger Duderstadts ausgezeichnet. Der 87-jährige Rolf Ballin lebt heute in Israel. Weil er nicht selbst zur Verleihung kommen konnte, überreichte Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) den Ehrenbrief an Ballins Tochter Margit Wilf und Enkeltochter Karen Wilf.

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