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Besuch im Reinraumlabor: Thomas Neßelhuts Krebstherapie in Duderstadt

Krebstherapie Besuch im Reinraumlabor: Thomas Neßelhuts Krebstherapie in Duderstadt

Die Wirksamkeit von Thomas Neßelhuts Immuntherapie ist umstritten, eine Behandlung bei dem Frauenarzt und Mikrobiologen übernehmen die Krankenkassen meist nicht. Trotzdem reisen Krebserkrankte aus der ganzen Welt zu der von Neßelhut gegründeten „Praxisgemeinschaft für Zelltherapie“ nach Duderstadt.

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Technische Angestellte im Labor: In sie legen Patienten aus den U.S.A., Australien, Neuseeland, Skandinavien und Deutschland ihre Hoffnungen.

Quelle: Thiele

Duderstadt. Angetrieben von der Hoffnung, dass einem der sechs Ärzte hier gelingt, was andere Mediziner nicht schafften: ihren Krebs zu heilen – oder ihr Leben zumindest zu verlängern. 20 000 Euro zahlen die Patienten dafür, dass Neßelhuts Team viermal Blutzellen aus ihrem Körper in sogenannte dendritische Zellen umwandelt, sie mit den Krebszellen kombiniert und als Impfstoff injiziert. Ein Besuch in einer etwas anderen Praxisgemeinschaft.

Das Reinraumlabor wirkt wie ein Raumschiff. Schmale weiße Flure, es riecht nach synthetisch gereinigter Luft. Die Menschen, die hier arbeiten, tragen zwei Paar Schutzanzüge , zwei Paar Handschuhe , über den Schuhen eine Folie, Masken. Sie haben gelernt dem Juckreiz, den der Mundschutz auslösen kann, nicht nachzugeben. Man hat ihnen gezeigt, dass sie sich langsam bewegen müssen, damit keine Luft aufgewirbelt wird.

Außerhalb des Gebäudes enthält jeder Kubikmeter Luft mehrere Millionen Partikel , an denen sich Mirkoorganismen heften können. Unter den Werkbänken, wo die Blutzellen der Patienten behandelt werden, darf es keine solchen Partikel mehr geben: Das Reinraumlabor von Neßelhut und seinem Team ist ein Ort, an dem der Mensch versucht, die Natur zu besiegen.

Drei Schleusen in drei Räumen überwinden die technischen Angestellten jeden Tag auf ihrem Weg zu den Werkbänken. In jeden Raum  pumpen Rohre gefilterte Luft , hinter jeder Tür ist sie etwas sauberer. Ein von Raum zu Raum steigender Luftdruck soll dafür sorgen, dass von außen keine Partikel nach innen getragen werden.

Dreimal ziehen sich die technischen Angestellten um. Dreimal müssen sie darauf achten, dass sie die äußere Schicht der Kleidung mit den Fingern nicht berühren und die Schuhe wechseln. Wer ungeübt ist, braucht für die wenigen Meter eine halbe Stunde.

Die Zukunft kaufen

Futuristisch wirkt das alles. In einem Brutschrank, der wie ein sperriger Kühlschrank aussieht, lagern Zellkulturen bei 37 Grad Celsius. Die Apparate tragen Namen wie FACS und könnten aus dem Cockpit von Raumschiff Enterprise stammen. Hier im Labor scheint die Reise in die Zukunft zu beginnen. Die Zukunft, die sich wohlhabende Patienten vor allem aus dem Ausland gerne kaufen wollen.

4000 Krebs-Patienten haben sich in Duderstadt seit 1999 behandeln lassen. Sie fliegen ein aus Neuseeland, Skandinavien, China, Australien und den USA . Aus Deutschland kämen bloß 30 Prozent, sagt Neßelhut. Die Patienten haben oft mehrere Chemotherapien hinter sich, die am Ende nicht mehr gewirkt haben. Man hat ihnen gesagt, sie seien unheilbar.

Die Wirksamkeit von Thomas Neßelhuts Immuntherapie ist umstritten, trotzdem reisen Krebserkrankte aus der ganzen Welt zu der „Praxisgemeinschaft für Zelltherapie“ nach Duderstadt.

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Vielen von ihnen dürfte es egal sein, was über die Immuntherapie gesagt wird, mit der Neßelhut arbeitet: die Zweifel, die manche Ärzte haben; die Richter, die eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen abgelehnt haben, weil sie die Wirksamkeit der Behandlung für nicht erwiesen halten. Neßelhut sagt: 300 klinische Studien haben gezeigt, dass mit der Therapie Erfolge zu erzielen seien. 30 Prozent der behandelten Kranken würden länger leben. In China und Japan böten bereits sehr viele Kliniken Immuntherapien gegen Krebs an.

Unsterbliche Zellen im Safe

Manche der Patienten sorgen vor und lassen Blutzellen in Duderstadt einfrieren, bevor sie woanders eine Chemotherapie beginnen. Wenn die Therapie nicht mehr wirkt, aber ihre Zellen angegriffen hat, dann lagert bei Neßelhut noch immer Gewebe, eingefroren bei minus 164 Grad. Sicher verwahrt wie in einem Safe. Der Versuch, das eigene Leben zu konservieren: dafür ist der blaue Apparat im Duderstädter Labor ein Symbol. Bei minus 164 Grad können die Zellen, eingelegt in eine flüssige Stickstofflösung, nicht sterben . Solange  minus 164 Grad nicht überschritten werden, kann noch einmal mit einer neuen Therapie begonnen werden. Neßelhut lebt von der Hoffnung der Kranken. Er will das Labor weiter ausbauen.

„Dort wollen wir noch hereinwachsen“, sagt er und zeigt auf einen leeren Raum hinter Glas: Reinraum vier. Den will Neßelhut Ende des Jahres in Betrieb nehmen. Neue Geräte sollen kommen, neue Mitarbeiter eingestellt werden. Sollte die Zahl der Behandlungen steigen, würden auch andere davon profitieren.

4000 Patienten mussten schon jetzt irgendwo unterkommen. Das ist ein Geschäft auch für die Hotel-Branche.

Von Telse Wenzel

Info
  • 1992 Dr. Thomas Neßelhut gründet die Praxis Neßelhut, wo er beginnt, Krebspatienten mit Immuntherapien zu behandeln.
  • 1996 Gründung des Instituts für Tumortherapie, in dem zunächst nur Neßelhut als Arzt tätig ist. 
  • 1999 Mit Prof. Hinrich Peters Gründung der Gesellschaft für dendritische Zelltherapie. Seither Forschung und Behandlung auf der Basis dendritischer  Zellen. 
  • 2008 Gründung der Praxisgemeinschaft für Zelltherapie, in der heute sechs Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen und Teilen Deutschlands Immuntherapien anbieten. Das Institut für Tumortherapie wird nur noch für Forschung genutzt.
  • 2011 Bau des von allen Praxen genutzten Reinraumlabors, wo heute vier Biologen und 16 technische Angestellte aus dem Eichsfeld die Zelltherapeutika herstellen. 
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Krebsbehandlung

Mit einem Kostenaufwand von rund drei Millionen Euro wird an der Nordhäuser Straße 20 in Duderstadt ein neues Onkologisches Zentrum geschaffen, das in seinem ersten Bauabschnitt ein großes Reinraumlabor beherbergt. Gestern wurde der traditionelle erste Spatenstich für das Gebäude getan.

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