Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Harte Arbeit auf dem Weinberg

Größtes Weinanbaugebiet Niedersachsens bei Göttingen Harte Arbeit auf dem Weinberg

Die Reben auf Göttingens Weinberg bei Lenglern haben zu wachsen begonnen. An den Pflanzstäben ranken erste Triebe empor, und die grünen Blätter entwickeln sich schnell und kräftig. Auch die Trockenheit der vergangenen Wochen haben die südniedersächsischen Weinstöcke von Neu-Winzer Michael Winkler überstanden: Endlich hat es geregnet.

Voriger Artikel
„Wunsch-Kita“ in der Zeitkapsel
Nächster Artikel
"Ehe für alle" findet breite Zustimmung
Quelle: Richter

Göttingen/Lenglern. Winkler stapft mit Familie und Helfern über seinen Hang und begutachtet das Wachstum von Riesling und Solaris. Auf dem Arbeitsprogramm des Göttinger Apothekers stehen gerade Blatt- und Bindearbeiten.

Mit einer Bindezange befestigt er die jungen Triebe an den Pflanzstäben. „Der Riesling hört ganz gut und macht, was man ihm sagt, der Solaris macht das eher nicht so“, sagt Winkler. Doch nach diesem Arbeitseinsatz wisse auch der Riesling, wo es langgehe. Zuvor haben die Göttinger Weinbauern in alter Tradition Ranken entfernt. „Wir brechen die anderen aus, damit alle Energie in den Trieb geht“, erklärt Winkler.

Eigentlich lassen die Weinbauern nur einen Trieb stehen, der sich im Folgejahr zum Stamm entwickelt. Doch was den Göttinger Riesling anbelangt, sind auch die Rehe auf den Geschmack gekommen und ließen sich den einen oder anderen Jungtrieb bereits schmecken.  

Die Blätter spielen beim Weinanbau eine zentrale Rolle. „Sie sind das Energiekraftwerk“, sagt Winkler, der darüber Zuckergehalt und Reife der Trauben reguliert. Durch das Kürzen der Wachstumstriebe gibt der Winzer Gas, durch das Entfernen großer Blätter tritt er sozusagen auf die Wachstums-Bremse.

„Der Riesling hört ganz gut und macht, was man ihm sagt, der Solaris macht das eher nicht so", sagt Neu-Winzer Michael Winkler

„Der Riesling hört ganz gut und macht, was man ihm sagt, der Solaris macht das eher nicht", sagt Neu-Winzer Michael Winkler

Quelle: Richter

Gerade am Anfang will Winkler ordentlich bremsen. Je weniger Trauben ein Weinstock trägt, umso süßer werden diese, erklärt der Neu-Winzer. Das spiele vor allem beim Riesling eine große Rolle: Ab einem Zuckergehalt von 60 Öxle könne überhaupt erst mit dem Gären begonnen werden. „Ich werde schmerzfrei herunterschneiden, bis ich die Qualität habe, die ich möchte“, sagt Winkler.

Ihr Wissen über den Weinanbau haben sich die Winklers durch Learning-by-Doing im heimischen Garten angeeignet. Außerdem sind die beiden Göttinger Apotheker im Rheingau inmitten von Weinbergen aufgewachsen – da bekomme man schon eine Menge mit, erklärt Dunja Winkler. Abends sitzen sie oft zusammen und suchen im Internet nach unterschiedlichen Methoden und Erfahrungsberichten oder wälzen jede Menge Bücher.  

Doch vor allem bedeutet Weinanbau viel körperliche Arbeit. Familie und Helfer arbeiten wöchentlich mindestens vier Stunden. In Handarbeit haben sie die Reben von Unkraut befreit, Hundskamille und Klatschmohn zwischen den Reihen mit dem kleinen Traktor gemulcht. Mit integriertem Pflanzenschutz will Winkler den Spritzmittelgebrauch minimieren. Deswegen habe er sich vor allem für den Solaris entschieden, der besonders widerstandsfähig sei.   

Als nächstes heißt es, die Erziehung der Reben fortzuführen. Den Riesling will Winkler über Spaliererziehung groß bekommen. Dazu wird der Wein an quer gespannten, bewegliche Drähten während des Wachstums immer weiter nach oben gezogen, bis ein Spalier entsteht. Beim Solaris setzt er auf eine alte Erziehungsart, die in der Weinanbauszene gerade ein kleines Comeback feiert. Bei der sogenannten Umkehrerziehung wächst der Wein wie eine Hecke.

Auf jeden Fall trennt den Hobby-Winzer von seiner ersten Flasche Wein vom eigenen Weinberg noch jede Menge Arbeit. Doch Winkler sieht das gelassen: „Für mich ist der Weg das Ziel.“

Weinanbau in Niedersachsen

Göttingen. Niedersachsen ist seit dem 1. Januar 2016 Weinregion. Für den kommerziellen Weinanbau hat die Europäische Union grünes Licht gegeben. 8,5 Hektar hat das Land Niedersachsen dafür bereitgestellt – 4,05 Hektar werden von zwei Neu-Winzern aus Göttingen bewirtschaftet.

Beide hatten sich bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung um Anbauflächen für Wein beworben. Michael Winkler bekam 2,85 Hektar, Jürgen Jenssen 1,2 Hektar. Durch diesen Zufall ist bei Göttingen das größte Weinanbaugebiet Niedersachsens enstanden.
Um den niedersächsischen Weinmarkt zu  erobern, haben Göttingens Weinbauern dieses Jahr die ersten Reben gepflanzt. Winkler geht in Lenglern dieses Jahr mit 1200 Reben zum Test an den Start, Jenssen hat auf seiner Anbaufläche in Göttingen 4500 Reben gepflanzt. Dabei hat sich Jenssen für die Sorten Regent und Hibernal entschieden, Winkler setzt auf Riesling und Solaris.

Für Niedersachsen gilt allerdings immer noch kein Weingesetz. Erst dann darf „Niedersachsen“ als neue geografische Ursprungsbezeichnung aufgenommen und die Weine entsprechend deklariert werden.

     

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 11. bis 17. November 2017