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Göttinger Regisseur dreht Film über den Gulag

Museum Friedland Göttinger Regisseur dreht Film über den Gulag

Schreckliches durchgemacht haben Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetische Straflager kamen. Mit Zeitzeugen, deren Geschichte bis heute wenige hören wollen, sprach der Göttinger Regisseur Dean Cáceres. Im Museum Friedland stellte er seinen Film „Die letzten Zeugen des Gulag“ vor.

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Das Solowkikloster – Ursprung der russisch-orthodoxen Kirche und Keimzelle des Gulag.

Quelle: r

Friedland. Mehr als drei Jahre lang haben der Göttinger Regisseur, dessen Großvater selbst im Lager inhaftiert war, und Lars Henze an dem Film gearbeitet. 2015 feierte er in Berlin Premiere. Zu Wort kommen lassen die beiden Filmemacher Menschen, die in der sowjetischen Besatzungszone mit den neuen Machthabern aneinander gerieten, etwa weil sie nicht als Spitzel arbeiten wollten oder weil sie ohne Erlaubnis Flugblätter verteilt hatten.

Bis zur Bewusstlosigkeit sei er nach seiner Verhaftung geschlagen worden, berichtet im Film einer der Betroffenen. Die Kommunisten hätten ihn in der Zelle vier Tage lang an den Händen aufgehängt. Zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt, kamen viele der unbotmäßigen Deutschen dann in die Sowjetunion. „Die Tradition, Menschen in Straflager zu verbannen, reicht bis weit ins Zarenreich zurück“, erzählte Cáceres im Gespräch mit Steffen Wiegmann, dem wissenschaftlicher Leiter des Museums, den 40 Zuhörern.

Die Sowjets hätten das fortgeführt. Unter Stalins Terrorherrschaft habe dann aus fast jeder Familie jemand in einem der damals 10.000 Lager, den sogenannten Gulags, gesessen. Von ihren Erfahrungen sprechen im Film auch russische Künstler. Auf ihr Schicksal hatte die Göttingerin Inna Klause, die mit einer Arbeit über Musiker in den Lagern promoviert wurde, Cáceres aufmerksam gemacht. Sie gab so den Anstoß zum Film.

Dean Cáceres, Regisseur und Pianist aus Göttingen

Dean Cáceres, Regisseur und Pianist aus Göttingen.

Quelle: r

Viele Lager lagen in Sibirien, heißt es im Film. Frierend, hungernd und von Kriminellen tyrannisiert, mussten die Häftlinge im Akkord Schwerstarbeit leisten müssen. Deutsche und Russen fällten Bäume, schufteten in Kohlengruben oder verlegten Bahngleise. Gearbeitet worden sei oft ohne Werkzeug oder Hilfsmittel. Wer erschöpft zusammenbrach, wurde durch neue Häftlinge ersetzt. Der Film berichtet auch von Massenhinrichtungen tausender Menschen. Um Munition zu sparen, hätten die Kommunisten angebliche „Volksfeinde“ zum Teil mit Knüppel erschlagen.

„In Westdeutschland erlosch das Interesse an den Lagerhäftlingen in den 60er-Jahren, als die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus begann“, berichtete Cáceres. In der DDR sei jede Kritik an der Sowjetunion ein Tabu gewesen. Daher stoße sein Film dort heute auf mehr Interesse als im Westen. In Russland wiederum seien die Lager nach der Wende 1991 ein Thema gewesen, bis mit dem ehemaligen KGB-Mann Wladimir Putin eine erneute Verklärung der Sowjetgeschichte begonnen habe. Kritische Gedenkstätten seien geschlossen worden. Organisationen wie Memorial, die die Erinnerung wachhielten, ständen unter Druck. 30 Prozent der Russen würden sich mittlerweile wieder zu Stalin bekennen.

Cáceres erhielt für seinen bewegenden Film, der in Deutschland sowie – ohne Dreherlaubnis – in Russland entstand, viel Applaus.

Von Michael Caspar

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