Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Der erste schwarze Ortsbürgermeister zieht Bilanz

Noubactep-Effekt in Rittmarshausen Der erste schwarze Ortsbürgermeister zieht Bilanz

Der Medienrummel war groß: Anfragen von Zeitungen, TV-Talkshows und Radiosendern weltweit. „Das ist Gott sei Dank vorbei, jetzt ist es normal geworden“, sagt Chicgoua Noubactep. Vor einem Jahr wurde er zum Ortsbürgermeister von Rittmarshausen gewählt – der erste Schwarze in diesem Amt in Niedersachsen.

Voriger Artikel
Von der Straße abgekommen
Nächster Artikel
Tonnenweise Rüben geklaut

Seit einem Jahr ist Chicgoua Noubactep Ortsbürgermeister von Rittmarshausen und hofft, „dass der Noubactep-Effekt noch etwas bleibt“.

Quelle: Foto: Schubert

Rittmatshausen. Ganz bescheiden zieht der 49-jährige nach einem Jahr Ehrenamt an der Spitze des Ortsrates seines Dorfes in der Gemeinde Gleichen Bilanz. „Alles kann man lernen“, sagt der Geowissenschaftler und Privatdozent. „Und ich meine, es war alles so einfach – das kann ich nicht anderes sagen.“

Überraschend für ihn selbst hatte Noubactep bei der Kommunalwahl im September vor gut einem Jahr mit 375 Stimmen (knapp 35 Prozent) doppelt so viele Stimmen geholt wie der Zweitplatzierte unter den Bewerbern für den neuen Ortsrate - alle Mitglieder einer Wählergemeinschaft. Kurz darauf wählte ihn das Gremium zum neuen Ortsbürgermeister – zur Sitzung war er in einem traditionell gefärbten Hemd aus Kamerun gekommen.

Da lebte er seit drei Jahren mit seiner Familie in Rittmarshausen. Noubactep ist mit einer Krankenschwester verheiratet und hat vier Kinder. Schnell hatte der begeisterter Fußballer nicht nur über den Sportverein Anschluss im Dorf gefunden. „Sehr positiv“ hätten alle seine Wahl in den Ortsrat und zum Ortsbürgermeister aufgenommen. „Viele haben gratuliert und sich mit mir gefreut. Auch viele, die ich kaum kannte – und ich denke, es ist so positiv geblieben.“

100 Tage habe er sich nach der Wahl Zeit gegeben, um sich in die formalen Gepflogenheiten zum Beispiel bei Anträgen an den Gemeinderat und bei der Vorbereitung von Ortsratssitzungen einzulesen. Und er hat jeden möglichen Termin im Dorf wahrgenommen: von der Kranzniederlegung am Volkstrauertag vor fast genau einem Jahr (sein erster Termin – „und es war so schrecklich kalt“) über Feste beim Sportverein bis zur ersten Diamantenen Hochzeit, zu der er gratulieren sollte. „Ich war schon aufgeregt und wusste nicht, wie ich mich verhalten muss“, räumt er heute lachend ein. Aber dann sei Gleichens Gemeindebürgermeister Manfred Kuhlmann gekommen und es lief: „Der ist immer mein Joker bei wichtigen Terminen“.

Auch das ist ein Beispiel für Noubacteps Grundeinstellung zum Umgang miteinander. Der Sportler und Familienmensch, der sich früher stark in seiner Kirchengemeinde für andere eingesetzt hat, ist ein Teamplayer. „Ich will kein General sein, auch wenn manche das von einem Ortsbürgermeister erwarten. „Ohne die anderen im Ortsrat und im Dorf könnten wir nichts ändern und bewegen“, ist er sicher. „Vor allem nicht ohne Werner (Lormis), der ist ein Macher.“ Und dann erzählt Noubactep von einem gelungenen Beitrag des Dorfes für ein großes Fest der Gemeinde auf einem nahen Gut, das die Rittmarshäuser vereint und „in nur wenigen Wochen vorbereitet“ hätten.

„Nur einmal habe ich Frust gehabt“, räumt der Privatdozent mit Lehraufträgen unter anderem an der Uni Göttingen und in Afrika ein. Der Göttinger SPD-Abgeordnete und damalige Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Bundestag, Thomas Oppermann, hatte sich während seines Wahlkampfes angesagt. „Und ich wusste nicht, was ich mit dem Mann machen soll – jemand, den ich sonst nur vom Fernsehen kannte.“ Aber dann war das Gespräch „sehr, sehr locker“.

Locker aber zielgerichtet will Noubactep auch die nächsten vier Jahre seiner Wahlperiode angehen. Denn die wirkliche Arbeit gehe nach dem Eingewöhnungsjahr „jetzt erst richtig los“. „Wir brauchen zum Beispiel einen Treffpunkt“, erklärt der Kameruner. Ein Ort, an dem die Dorfbewohner spontan und altersübergreifend zusammenkommen können - inklusive Jugendangebot. Auch bei diesem Projekt hofft er, dass der von ihm ausgelöste „Noubactep-Effekt noch etwas bleibt“: nämlich ein neuer Zusammenhalt im Dorf.

Von Ulrich Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Gleichen
GT-Nightlounge im Amavi Wild Göttingen am 9.12.2017