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„Ich möchte, dass sie wieder nach Hause kommt“

Prozess um getötete Frau in Hardegsen „Ich möchte, dass sie wieder nach Hause kommt“

Wer einen anderen Menschen tötet, hat nicht nur ein Leben auf dem Gewissen. Er verletzt häufig auch die Psyche der Menschen, die dem Opfer nahestanden. Nicht selten sind Angehörige so traumatisiert, dass sie nur schwer ins Leben zurückfinden. Dies wurde am Freitag im Prozess um die Tötung einer 23-jährigen Frau in Hardegsen vor dem Landgericht Göttingen deutlich. Die Kammer hörte an diesem Verhandlungstag die Mutter der Getöteten als Zeugin an. Die 57-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, schilderte die tiefgreifenden Erschütterungen, die der gewaltsame Tod ihrer Tochter ausgelöst hat.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen/Hardegsen. In der Nacht vom 11. auf den 12. August 2016 ist bei ihr alles ins Schwanken geraten, seitdem taumelt sie nur noch durch das Leben. Damals klingelte kurz vor Mitternacht das Telefon. Sie sei allein zuhause gewesen und habe nicht gleich reagiert, da sie vermutete, dass irgendein Kunde ihren Mann sprechen wollte, sagt die 57-Jährige. Ihr Ehemann habe einen Handwerksbetrieb und sei in der Woche auf einer auswärtigen Baustelle in Hessen tätig gewesen. Da das Klingeln nicht aufhörte, sei sie schließlich doch ans Telefon gegangen. Der Anrufer war einer ihrer Söhne. Er sagte: „Mama, Katharina ist überfallen worden.“ Kurze Zeit später folgte ein weiterer Anruf, diesmal von ihrer ältesten Tochter: „Mama, du musst ganz schnell nach Göttingen kommen, egal wie.“

Eine Nachbarin und eine Freundin fuhren dann mit ihr in der Nacht von ihrem Wohnort im Südharz zum Göttinger Uni-Klinikum. Unterwegs habe sie immer wieder versucht, weitere Nachrichten von ihren Kindern zu bekommen, aber keine Antwort erhalten. Als sie in der Notaufnahme ankam, sah sie ihren Sohn, der immer nur den Kopf schüttelte. „Katharina ist eingeschlafen“, habe dann jemand gesagt.

Bis heute kann die 57-Jährige nicht fassen, was geschehen ist. Sie wird seitdem von Alpträumen und Panikattacken heimgesucht, leidet an Wahrnehmungs- und Gedächtnisstörungen. „Mir fehlen Tage, ich habe kein Zeitgefühl mehr, ich vergesse ganz viele Sachen“, berichtet sie. Sie gehe kaum noch aus dem Haus. Von einem kleinen Kreis guter Freunde abgesehen, vermeide sie es, Menschen zu begegnen. „Ich komme mir vor wie ein Zombie, der nur irgendwie funktioniert.“

Auch ihr Garten macht ihr keine Freude mehr. Die 57-Jährige hat bei allem, was mit Schönheit zu tun hat, ein schlechtes Gewissen, „weil Katharina es auch nicht schön hat“. Auch ein Parfüm aufzulegen, traut sie sich nicht mehr. Seit knapp einem Jahr hat sie nur einen Wunsch:  „Ich möchte, dass sie wieder nach Hause kommt. Ich will sie wiederhaben, ich möchte, dass alles wieder so ist, wie es war.“

Während die 57-Jährige ihre seelischen Qualen schildert, blickt der 29-Jährige Angeklagte unentwegt in einen Aktenordner. Er blättert eine Seite nach der anderem um, bewegt ständig die Lippen, als würde er sich den Inhalt selbst vorlesen. Er blickt auch nicht auf, als die Mutter seiner Ex-Freundin auf ihn zu sprechen kommt. „Er war bei uns zuhause, wir haben ihn aufgenommen“, sagt sie. Sie könne das alles nicht begreifen: „Wenn ich einen Menschen liebe und ich möchte für ihn das Beste - und dann tut man so etwas.“ Die Staatsanwältin rügt das Verhalten des Angeklagten, der zum wiederholten Mal bei einer Zeugenvernehmung demonstratives Aktenstudium betreibe. Es sei „eine Frage des Respekts, des Anstandes und des Taktes“, dass man dabei zuhöre.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 29-Jährigen vor, am Tatabend der 23-Jährigen in Hardegsen aufgelauert zu haben, als sie von ihrer Spätschicht zurückkehrte. Die 23-Jährige hatte sich kurz zuvor nach mehrmonatiger Beziehung von ihm getrennt. Der 29-Jährige soll dann nach einem Streitgespräch mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen haben. Wenige Stunden später erlag sie im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Von Heidi Niemann

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